DDR-GeschichteVilla Deutschland

Wie Udo Lindenberg neulich das Museum von Mathias Döpfner besuchte. von Stefan Locke

Mit einer halb gerauchten Zigarre im Mund latscht Udo Lindenberg durchs Wohnzimmer. Er lässt sich auf das Plüschsofa fallen und greift beherzt in eine Holzschale mit Erdnussflips. Sein Hut wackelt auf der Stirn, die Sonnenbrille sitzt fest. Mathias Döpfner, der Hauseigentümer, steht daneben und lacht. Er kennt "Udo" schon seit 1983, da hat er ihn für ein Buch über die Neue Deutsche Welle interviewt.

Jetzt, 30 Jahre später, zieht Lindenberg bei Döpfner ein. Rein virtuell, versteht sich, denn als Chef des Axel-Springer-Konzerns trennt sich Döpfner gerade von vielem Analogen, jedenfalls von dem, was früher einen Verlag so ausmachte: Zeitungen, Zeitschriften. Wie gut also, dass Udo, wie ihn hier alle ungefragt nennen, bereits digital zu sehen ist, als Hauptfigur des Dokumentarfilms Die Akte Lindenberg – Udo und die DDR.

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Einer der Autoren des Films ist Reinhold Beckmann. Der Moderator war 1983 als Tonassistent eines ARD-Teams live bei Lindenbergs einzigem Auftritt in der DDR dabei. Von diesem Donnerstag an ist Die Akte Lindenberg nun auch in der Villa Schöningen zu sehen. Das Haus ist eine Art Privatmuseum Döpfners. Vor Jahren erwarben er und ein Investmentbanker das vor sich hin gammelnde Gebäude, das direkt an der Glienicker Brücke auf Potsdamer Seite steht, und bauten es als Museums- und Veranstaltungsort aus; zur Eröffnung kam die Bundeskanzlerin.

Ein Nachmittagstermin also im August 2013 – mit Döpfner, Beckmann, Udo. Das alles hier, sein Museum, habe nichts mit Springer zu tun, sagt Döpfner. Er mache das rein privat. Sein Zuhause am Heiligen See liegt in Laufweite. Draußen stünden Kollegen von Bild, ruft eine Assistentin. Ob sie schon reinkommen könnten? "Na, aber nicht, dass Bild bevorzugt wird", mahnt der Springer-Chef. Im Obergeschoss gibt es zeitgenössische Kunst zu sehen, im Erdgeschoss die Geschichte des Hauses, und diese will Döpfner seinen prominenten Gästen jetzt zeigen.

An diesem Ort konzentriert sich die jüngere deutsche Historie. Erbaut wurde die Villa für einen preußischen Hofmarschall, erworben von einem jüdischen Bankier, enteignet von den Nazis, erobert von den Sowjets, die hier ein Lazarett einrichteten. Dann zog der FDGB und später ein Kinderheim ein. Als die Mauer gebaut wurde, lag es mitten im Todesstreifen. Die Grenzsoldaten wurden Paten des Heims, und vis-à-vis, auf der Glienicker Brücke, tauschten Ost und West Agenten aus. Alltag im Kalten Krieg.

Nach dem Mauerfall habe ein West-Unternehmer die Villa abreißen und auf dem Grundstück Stadthäuser bauen wollen. So weit ist es nicht gekommen. Jetzt hängen an den Wänden "Achtung! Staatsgrenze"-Schilder, eine "Stalinrasen" genannte Nagelmatte zur Fluchtverhinderung und eine Richtlinie zur Kindererziehung von Margot Honecker. In einer Vitrine liegen Passierschein, Stempel, Grenzer-Pistole.

Sie zielt direkt auf Udo Lindenberg, der, das Sakko lässig geschultert, an der Vitrine lümmelt. Er ist der Einzige hier mit Krawatte, aber selbst mit Hut nur halb so groß wie Döpfner neben ihm. "Gitarren statt Knarren", hat er mal gefordert und jahrelang gegen die Mauer angesungen.

Die Grenze wird einen Raum weiter plötzlich wieder allgegenwärtig. Hier hat der Künstler Stefan Roloff das "Leben im Todesstreifen" wörtlich genommen und ein Ost-West-Wohnzimmer der sechziger Jahre eingerichtet – mit bunter Tapete, Plüsch und Erdnussflips. Wer in all dieser Gemütlichkeit rausschaut, sieht Mauer, Stacheldraht und Grenzer. Die hat Roloff 1984 von Aussichtsplattformen im Westen aus gefilmt, jetzt sind die Aufnahmen in seiner Installation hinter fiktiven Fenstern erstmals zu sehen. "Irre", sagt Udo Lindenberg und nimmt noch ein paar Flips. Udos Anwesenheit überlagert Roloffs Werk.

Leserkommentare
    • tb
    • 22. August 2013 18:51 Uhr

    und Frau Hegemann auch da?

    Eine Leserempfehlung
  1. Ich habe noch keinen einzigen guten Deutschen "Rock & Roll"
    gehoert, vergleichbar zu "Johnny B. Goode" oder so was.

  2. der sich nicht entblödete, Honecker auf dessen Westreise 1987 eine Gitarre nachgerade aufzudrängen (http://www.spiegel.de/spi...), bevor er nach der Wende alles Einschmeicheln durch ein um so härteres Eintreten auf den Gestürzten ersetzte, ist dort angekommen, wo er immer hinwollte: Er singt für den Springerchef und andere Medienmillionäre und dafür, dass die Deutschen ein Volk werden.
    Dabei darf die Häme nicht fehlen, diesmal geht es gegen Egon Krenz. Gelächter bei allen Anwesenden, dass der mal in den Knast musste und der Sänger Lindenberg darüber seine Witzchen macht - Wer möchte da nicht mitlachen?

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