Es gibt viele Methoden, Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Keine fasziniert so sehr wie die Stromerzeugung mithilfe von Windturbinen auf hoher See. "Kathedralen der Energiewende" nennt Bundesumweltminister Peter Altmaier die mächtigen Offshore-Mühlen. Die aus dem Meer ragenden Anlagen sind bis zur äußersten Spitze des Rotorblattes tatsächlich so hoch wie der Kölner Dom, und ihre Gondel ist so groß wie ein Einfamilienhaus. Es sind Spitzenleistungen der Ingenieurkunst.

Die Offshore-Windenergie hat nur zwei Nachteile. Erstens liefert sie allzu oft negative Schlagzeilen: Beispielsweise ist der erste deutsche kommerzielle Windpark in der Nordsee, Riffgat vor der Küste Borkums, betriebsbereit, aber nicht am Netz, weil noch nicht vollständig verkabelt. Und zweitens gilt sie als teuer: In den ersten acht Jahren ist der Fördersatz für den Strom vom Meer mehr als doppelt so hoch wie der für die Kilowattstunden aus neuen Windanlagen an Land.

Weil in der öffentlichen Debatte inzwischen fast ausschließlich die kurzfristigen Kosten des Projekts Energiewende für Debatten sorgen, ist es nicht überraschend, dass sich die Stimmen derer mehren, die es bei der Stromerzeugung auf dem Meer langsamer angehen lassen wollen. Den Beginn machte eine Studie des von dem früheren Staatssekretär Rainer Baake (Grüne) geführten Thinktanks Agora Energiewende, in der von einer "erheblichen Kostenersparnis" die Rede ist, wenn mehr Windanlagen an Land statt auf dem Meer gebaut werden. Verbraucherschützer und Politiker aus fast allen Lagern folgten, erst Ende vergangener Woche meldete sich die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) zu Wort. Ihr Argument, neben dem Hinweis auf die Kosten: Bisher sei es dem Bund mit seinen Offshore-Plänen auch darum gegangen, den vom Atomausstieg gebeutelten großen Stromkonzernen ein neues Investitionsfeld zu eröffnen.

Offensichtlich dreht sich der Streit um die Offshore-Windenergie also nicht nur um die Frage, welcher Technologiemix für die Energiewende richtig ist; es geht auch darum, wer von der Wende profitiert: Bürgergenossen oder Bosse?

Tatsächlich können Windanlagen im Binnenland, anders als die extrem kapitalintensiven Offshore-Parks, auch genossenschaftlich, mit dem Kapital kleiner Leute, gestemmt werden. Doch ist die Offshore-Windenergie wirklich nur eine teure Spielerei zugunsten von RWE, E.on & Co.? Ist sie gar verzichtbar, um die Ziele der Energiewende zu erreichen?

Kaum. Es ist nämlich äußerst unwahrscheinlich, dass die Kosten des Offshore-Stroms so hoch bleiben, wie sie momentan sind. Wie groß das Potenzial für Kostensenkungen ist, haben die Beratungsunternehmen Prognos und Fichtner nun zum ersten Mal ermittelt: Binnen zehn Jahren könnten laut ihrer Expertise die Kosten um mehr ein Drittel sinken. Der auf dem Meer gewonnene Strom kostete dann ungefähr so viel, wie Strom aus neuen Steinkohlekraftwerken. Die Untersuchung wurde zwar von der Lobby, der Stiftung Offshore-Windenergie, in Auftrag gegeben; plausibel ist sie trotzdem.

Jede neue Technik, das ist ein ökonomischer Erfahrungswert, ist zunächst teuer, wird mit dem Wachstum des Marktes aber schnell billiger. Photovoltaik und Onshore-Windenergie sind etablierte Techniken (siehe Grafik), jeweils mit mehr installierter Leistung als alle Stein- oder Braunkohlekraftwerke zusammen. Neue Windanlagen im Binnenland erzeugen Strom deshalb inzwischen zu Kosten, die mit denen neuer konventioneller Kraftwerke vergleichbar sind. Die Windanlagen produzieren den Strom zwar weniger planbar, dafür aber deutlich umweltverträglicher.

Jede einzelne der erst wenigen Offshore-Windmühlen ist dagegen individuell geplant und errichtet worden und deshalb besonders teuer. Die Technik befindet sich noch am Anfang eines Lernprozesses. Durch Massenproduktion und Standardisierung lassen sich Investitions-, Wartungs- und Finanzierungkosten deutlich senken. Stabile politische Rahmenbedingungen sind eine zentrale Voraussetzung dafür, dieses Potenzial zu erschließen.

Außerdem: Die Windanlagen auf See sind für die Bürger unsichtbar, anders als die an Land. Denn dort gibt es Menschen, die das stört – und die den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer bereits dazu veranlasst haben, sich im Bundesrat für größere Abstände zwischen Windanlagen und Siedlungen starkzumachen. Die Fläche, auf der neue Windmühlen errichtet werden dürfen, würde dadurch dramatisch schrumpfen, die Energiewende wäre wohl am Ende. Unwahrscheinlich, dass Seehofer sich durchsetzt. Aber der Vorgang zeigt, wie riskant es wäre, beim Umbau des Energiesystems zu stark auf die Windenergie an Land zu setzen.

Zudem spricht viel dafür, dass die Windmühlen im Binnenland höhere Folgekosten verursachen als die auf dem Meer; dort draußen weht der Wind stetiger. Der offshore erzeugte Strom muss zwar über längere Strecken zu den Verbrauchern geschafft werden; doch die Leitungen sind billiger als die Stromspeicher, von denen langfristig mehr nötig sind, je mehr Windstrom onshore geerntet wird.

Wer dennoch dafür plädiert, beim Ausbau der Offshore-Windenergie zu bremsen, muss die Frage beantworten, in welcher Größenordnung dadurch die EEG-Umlage sinkt, die die Stromkunden zahlen müssen. Von der Regierung noch unter Verschluss gehaltene Berechnungen zeigen, dass der Betrag kaum der Rede wert wäre. Es wäre fahrlässig, deswegen die Option Offshore aufzugeben und so die Ziele der Energiewende zu gefährden: Bis 2050 sollen schließlich 80 Prozent des Stroms grün sein.