Das Werk von Eric Jarosinski hängt in keiner Ausstellung. Man kann sich seine Kunst nicht an die Wand hängen, sie anhören oder berühren. Sie kennt kein Material, nichts, was sich besitzen oder auch nur als abgeschlossenes Ganzes betrachten ließe. Das, was der Amerikaner kreiert, entsteht jeden Tag neu, in einem Raum, der offen und für alle zugänglich ist, der sich in Sekundenschnelle wandelt und in dem nie jemand irgendwo ankommt.

NeinQuarterly, so heißt ein Account auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, seine Follower-Zahl wächst und wächst. Mehr als 34.000 Menschen folgen mittlerweile Jarosinskis virtuellem Alter Ego, dieser "Persona", wie er seine Kunstfigur nennt, die gerade dabei ist, sich zu einem der ersten Säulenheiligen der Twitter-Sphäre zu entwickeln.

"A Compendium of Utopian Negation", eine Zusammenstellung utopischer Verneinung, so kryptisch wie programmatisch steht es im englischen Profiltext als Zusammenfassung zu dem, was Eric Jarosinski, im wirklichen Leben Professor für deutsche Literatur und Philosophie an der University of Pennsylvania, unter seinem Pseudonym heraustwittert.

"Es wird ein schöner Tag. Aber nicht für uns", so lautet eine der typischen Begrüßungen, mit denen Nein seine Follower am Morgen empfängt. "Alles wird gut heute. Irgendwo. Vermutlich."

Was die verschrobene männliche Figur, deren Profilbild ein comicartig verfremdetes Adorno-Konterfei mit Monokel im rechten Auge zeigt, ihren Anhängern in Deutsch, Englisch oder einer Mischung aus beiden Sprachen täglich auf Twitter vor die Füße wirft, ist keine frohe Botschaft.

NeinQuarterly liest sich wie eine ungeordnete Abfolge negativ verkehrter Mantras: "I guess it all began when I told my Doppelgänger to go fuck himself", so wird die eigene Psyche seziert oder, "At least the markets are happy", die Weltlage kommentiert. Nein hadert mit der Wissenschaft – "Academia is politics for smart people. Smart, bitter, powerless people" – ebenso wie mit den Niederungen seines Fachgebiets: "You don’t have to be angry to speak German. But it helps." Nicht einmal die Philosophen bieten eine Rettung – "Früher war die Verneinung des Seienden besser" –, und jeglicher Versuch des Menschen, sich in der Welt einzurichten, wird mit wenigen Silben in die Tonne getwittert: "Home is where despair is."

Mit seiner getrübten Sicht auf die Welt scheint NeinQuarterly einen Nerv getroffen zu haben.

Wie eine düstere Insel ragt er mit seinen Tweets aus den Slogans der weichgespülten politischen und medialen Werbe- und Gute-Laune-Industrie heraus, den einlullenden Ratgeber- und Erbauungsdiskursen, von denen die moderne Psyche umstellt ist. Nein ist kein Ansporner, kein Beruhiger, kein verständnisvoller, zur Arbeit am Ich entschlossener Therapeut, der mit Sinnsprüchen um sich wirft – sondern ein scharf denkendes, hochgebildetes und deshalb ewig haderndes und bis aufs Letzte unversöhnliches Gegenüber. Vergeblich sucht er nach Trost und spendet ihn auf diese Weise selber. So weit zu Nein.


Doch wer ist Eric Jarosinski? "Ich bin kein Misanthrop", sagt dieser höfliche, schüchterne, schlanke 42-jährige Mann mit schwarzer Brille und blauem Oberhemd. Wenn er lächelt, wird sein Gesicht zu einem einzigen großen Strahlen: "Ich will niemanden abschrecken." Nur in seinen Augen spiegelt sich dann doch das, was ihn mit seiner Twitter-Persönlichkeit verbindet, eine tiefe, unüberwindbare Schräglage zur Welt. "Das mit der Verzweiflung, der despair, das ist ja nicht ganz erfunden", sagt Jarosinski in fließendem Deutsch.

"Superunglücklich" sei er gewesen, berichtet er über die Zeit, in der er zu twittern begann. Als Assistant Professor an der Ivy-League-Universität Pennsylvania war er als 40-Jähriger eigentlich auf dem besten Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere. Doch die akademische Arbeit trieb ihn in die Verzweiflung. "Ich fühlte mich wie Kafka nach einem langen Tag im Büro. Ohne dessen Talent. Nur mit dessen Schmerz."

Jarosinski ist Vollblutwissenschaftler. Immer wieder lächelt er verlegen mit den Mundwinkeln nach unten, tippt sich unsicher mit dem Zeigefinger an die Nase, beim Sprechen setzt er Fußnoten, in denen er auf seine Quellen verweist ("Deutsche Aphorismen, gibt’s bei Reclam für acht Euro, tolles Buch"). Alleine im Kämmerlein, umstellt von ungelesener Sekundärliteratur, ein frustrierter, schreibgehemmter Bergarbeiter der Forschung, so fing er vor eineinhalb Jahren an zu twittern. "Twitter ist Gift", sagt Jarosinski, der immer mehr Tweets vom Smartphone aus in die Welt schickte, statt mit seinem Buch über die Architektur der Transparenz im Berlin der Nachkriegszeit voranzukommen. Statt Hunderte von Manuskriptseiten tippt er 140 Zeichen, die maximale Länge eines Tweets. Seine Themen bleiben, die Form ändert sich radikal.