Schulklasse in Berlin © Getty Images

Als Gerhard Schröder die Agenda 2010 durchsetzte, ging er davon aus, in Deutschland habe jeder eine gute Chance, aufzusteigen. So hatte er es als Halbwaise aus armen Verhältnissen selbst erlebt. Das sollte die Agenda noch erleichtern.

Bloß war Schröders Werdegang nie die Regel, und inzwischen ist er zur Ausnahme geworden. Daran ändert auch eine neue Studie nichts, die Kölner Forscher für die konservativ-liberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zur Wahl fertiggestellt haben. Die Studie sagt, im Armenhaus der Gesellschaft herrsche kein Stillstand, sondern ein Kommen und Gehen. Viele Arbeitslose fänden irgendwann einen Job und entkämen dem untersten Einkommensfünftel, andere fielen nach vorübergehender Beschäftigung oder mit Niedriglohn dort hinein. Soll heißen: Der flexible Arbeitsmarkt funktioniert doch.

Stimmt ja auch, zwei Millionen weniger Arbeitslose belegen es. Doch die andere Hälfte der Wahrheit ist: Während der Mittelstand passende Azubis sucht, finden Hunderttausende Jugendliche keine Lehrstelle. Sie sind die Bildungsverlierer, die selbst dann keine Chance haben, wenn außer ihnen keiner mehr ohne Job ist. Ihnen droht eine Karriere aus prekären Tätigkeiten und Alg II, die den Staat teuer zu stehen kommt.

Dieses Risiko tragen keineswegs alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen. Die Gefahr, arm zu bleiben, ist besonders groß, wenn man in Deutschland als Migrantenkind lebt, aus einem Arbeitslosenmilieu kommt oder allein ein Kind erzieht. Die Industrieländerorganisation OECD rechnet vor, dass diese Chancendiskriminierung in Deutschland besonders auffällig ist.

Eine Agenda 2020 sollte also die alte Agenda nicht zurücknehmen, sondern ergänzen. Frühkindliche Bildung für alle, Ganztagsschulen, Programme, die Benachteiligte lehren, zu lernen und in sich selbst zu investieren, Gesetze, die gezielt Karrierehürden für junge Frauen abbauen – all das gehörte dazu, wollte man das Potenzial aller im Land ausschöpfen.

Dringend genug wäre es angesichts von Alterung und drohendem Fachkräftemangel. Und die Renditen wären gewaltig – gesellschaftlich im Sinne der Chancengleichheit und finanziell für die Staatskasse. Das zeigen nun wirklich alle Studien.