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In Belgien gehen Studenten für Wochen oder sogar Monate ins Kloster – um in Ruhe lernen zu können. von Kamiel Vermeylen

Hinter den dicken Klostermauern funktioniert kein Internet und kein Smartphone. Es gibt keinen Fernseher, keine Ablenkung. Nur Ruhe. Und genau das ist es, was die Studenten suchen, die in jedem Semester für einige Wochen oder sogar Monate hierherkommen, in die Benediktinerabtei des Trappistenordens von Westmalle, etwa eine halbe Autostunde westlich von Antwerpen. Um hier lernen zu dürfen, müssen sie am Tag 25 Euro bezahlen und einmal beten. Dafür bekommen sie einen Platz zum Schlafen, drei Mahlzeiten und Stille.

In Belgien ist es für Studenten nicht ungewöhnlich, sich zum Lernen in ein Kloster zurückzuziehen. Die Einsamkeit, der geregelte Tagesablauf und die Bewirtung helfen, sich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Etwa 35 Abteien öffnen ihre Türen für Studenten, 20 von ihnen bieten, wie die Trappisten in Westmalle, auch Kost und Logis an. Die Nachfrage ist groß, die Mönche können nicht alle aufnehmen. "In jeder Lernphase muss ich Studenten enttäuschen, da wir maximal fünf beherbergen können", sagt Bruder Benedikt, der sich in Westmalle um die jungen Gäste kümmert. In ganz Belgien nutzen schätzungsweise 600 Studenten jährlich das Angebot.

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Zwei von ihnen, Marnix Philips, 25, und Yannick Sijssens, 23, kommen schon seit Jahren in jeder Prüfungsphase in die Abtei. "Ich kann hier einfach sehr gut lernen", sagt Philips, der an der Universität Antwerpen Management und Organisation studiert. "Die Ruhe, das Gemeinschaftsgefühl unter den Studenten und der strikte Tagesplan helfen mir, meine Examen zu bestehen."

Jeder Tag ist gleich strukturiert. Das hilft, sich zu konzentrieren

Die Zimmer in dem alten Gebäude sind nicht klein, aber karg möbliert. Es gibt einen Schreibtisch, einen Stuhl, ein Bett und ein Waschbecken, an der Wand hängt ein Holzkreuz. Duschen und Toiletten sind auf dem Flur. Alles ist reduziert auf das Wesentliche, auch das Essen. Zum Frühstück etwa gibt es nur Brot mit Käse oder Marmelade. "Das hier ist ja auch kein Hotel", sagt Sijssens, der in Antwerpen Angewandte Wirtschaftswissenschaften studiert.

Zwischen den Mahlzeiten ziehen sich die Studenten zum Lernen in ihre Zimmer zurück. Jeder Tag ist gleich strukturiert: Erst pauken sie zwei Stunden, dann machen sie eine Pause von 15 bis 30 Minuten. So jedenfalls empfiehlt es ihnen Gästebruder Benedikt. Mittags stellt er den Studenten das Essen auf den Tisch und sagt ein kleines Gebet. Anschließend muss jeder Gast beim Geschirrspülen helfen, das ist hier ein soziales Gesetz. Wer möchte, kann zwischendurch im Wald hinter dem Kloster joggen gehen oder im Garten Fußball spielen. Früher haben die Mönche mitgekickt, heute sind sie dafür zu alt. Um sechs Uhr abends findet die stille Abendmahlzeit statt. Das heißt, keiner darf reden, nur klassische Musik ist zu hören. Danach setzen sich die Studenten wieder an ihre Schreibtische. Um halb acht können sie noch in die Abendandacht gehen, wenn sie Lust haben. "Das bietet die perfekte Möglichkeit, den Lehrstoff auch einmal zur Seite zu schieben", sagt Yannick Sijssens.

Für die Mönche sind die Studenten eine willkommene Abwechslung. Sie freuen sich, ihnen eine ruhige Lernumgebung bieten zu können. Und auch wenn sie Nachwuchssorgen haben – missionieren wollen sie nicht. "Es entwickelt sich immer wieder ein gutes Zusammenspiel zwischen den Gästen", sagt Bruder Benedikt. "Wenn man hier in der Abtei ist, entsteht eine enge Beziehung zueinander", bestätigt der Wirtschaftsstudent Sijssens. "Wir sind ja alle in derselben Lage und unterstützen uns gegenseitig, etwa wenn einer mal keine Lust mehr hat."

Die Türen der Abtei schließen abends um acht. Das bedeutet, keiner kann mehr rein- oder rausgehen. Immerhin können die Studenten dann noch ein von den Mönchen selbst gebrautes Trappistenbier trinken. Um elf Uhr gehen sie ins Bett. Am nächsten Tag wartet das nächste Kapitel auf sie.

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Leserkommentare
  1. der sollte dringend seine Lebensgestaltung überprüfen.

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    Wie aus dem Artikel klar hervorgeht, sind die 25€ pro Tag als Beitrag für Kost und Logis zu verstehen, die den Gästen dort geboten wird. Ein höchst moderater Beitrag, wie ich finde. Die Ruhe ist nur ein angenehmer Nebeneffekt (aber auch möglicherweise für viele Menschen die Voraussetzung, überhaupt erst einmal die eigene "Lebensgestaltung überprüfen" zu können).

    Daß übrigens das Trappistenbier "Westmalle" abends zum Einschlafen ausgeschenkt wird, macht das Angebot zu einem echten Renner. Wer es schon mal probiert hat, weiß wovon ich schreibe...

  2. Wie aus dem Artikel klar hervorgeht, sind die 25€ pro Tag als Beitrag für Kost und Logis zu verstehen, die den Gästen dort geboten wird. Ein höchst moderater Beitrag, wie ich finde. Die Ruhe ist nur ein angenehmer Nebeneffekt (aber auch möglicherweise für viele Menschen die Voraussetzung, überhaupt erst einmal die eigene "Lebensgestaltung überprüfen" zu können).

    Daß übrigens das Trappistenbier "Westmalle" abends zum Einschlafen ausgeschenkt wird, macht das Angebot zu einem echten Renner. Wer es schon mal probiert hat, weiß wovon ich schreibe...

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    • TDU
    • 09. September 2013 13:41 Uhr

    Zit: "Wer es schon mal probiert hat, weiß wovon ich schreibe." Wie wahr. Und wenn in der Nähe ein Kongresszentrum liegt, es gibt auch noch andre Klöster in Belgien, mit internationalem weiblichen Publikum, braucht schon ein wenig mönchische Disziplin.

    • TDU
    • 09. September 2013 13:35 Uhr

    So eine Zeit kann ich nur empfehlen. Eine Umgebung und Atmosphäre, in der das Sich zurück Ziehen und seine Gedanken pflegen neben dem Lernen ausdrücklich erlaubt ist, und mit dieser Haltung ernst genommen wird, gibt es so oft nicht.

    3 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 09. September 2013 13:41 Uhr

    Zit: "Wer es schon mal probiert hat, weiß wovon ich schreibe." Wie wahr. Und wenn in der Nähe ein Kongresszentrum liegt, es gibt auch noch andre Klöster in Belgien, mit internationalem weiblichen Publikum, braucht schon ein wenig mönchische Disziplin.

  3. annehmen und sich zurück ziehen, lernen ohne die alltäglichen Ablenkungen auszukommen, halte ich das für eine sehr sinnvolle Erfahrung. Dies hilft Ihnen vielleicht auch in späteren Lebenssituationen mit dem wachsenden Druck der Arbeitswelt klar zu kommen bzw. zeigt Möglichkeiten für gezielte Auszeiten.

    Ansonsten schliesse ich mich meinen beiden Vorkommentatoren an und lobpreise das belgische Mönchsbier!

    2 Leserempfehlungen
  4. Eine Leserempfehlung
  5. 1) Ruhe
    2) Struktur
    3) Disziplin

    Das macht Schule -
    und ist sicher nicht nur Selbstzweck.

    Danke für den Artikel.

    Wetering

    2 Leserempfehlungen
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    Wohl wahr! Würde es nur Schule machen hierzulande und würde diese Forderungen zu grundlegenden Kriterien ab der Sekundarschule.

  6. Wohl wahr! Würde es nur Schule machen hierzulande und würde diese Forderungen zu grundlegenden Kriterien ab der Sekundarschule.

    Antwort auf "Sehr gut"
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    Ich glaube, in der Sekundarschule wäre klösterliche Ruhe doch sehr fehl am Platze; das kann wohl höchstens ein Altherren- oder Altdamenwunsch sein. Die Jugendlichen sollen sich ruhig austoben, man sieht ja an den Beispielen im Artikel, dass viele von ihnen ein paar Jahre später und damit früh genug und ganz von selbst auf den Trichter mit der Ruhe kommen.

    Ein bisschen mehr Ruhe und vor allem die im Artikel ebenfalls angesprochene Einfachheit könnte ich eher einigen Leuten in meinem Umfeld empfehlen, die irgendwo zwischen 30 und 50 sind und mehr durch ihr Leben hetzen und getrieben werden, als es wirklich zu leben. Man muss ja nicht gleich ins Kloster gehen.

    Ich möchte Ihrem Kommentar entgegnen, dass das Elend unserer Schul- und Bildungspolitik auch darin besteht, Patent-Rezepte für alle zu verordnen, je nach Coleur der entsprechenden Landesregierung, dann auch wechselnd und sich widersprechend. Wir brauchen unterschiedliche Lernbedingungen für unterschiedliche Menschen, die einen lernen gerne für sich selbst und vertiefen sich in den Stoff; für diese ist der Klosteraufenthalt genau das richtige. Andere lernen besser durch Beziehung, wieder andere durch Handeln und öffentliche Anerkennung. Das Schöne ist, dass unsere Schulen, diesen Reichtum im Grunde bieten können, allein aufgrund der unterschiedlichen Fächer und v.a. der unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten. Das ist eine Ressource, die in der Bildungsdiskussion selten wahrgenommen wird. Nichtsdestotrotz gebe ich Ihnen Recht darin, dass für alle Menschen mehr Ruhe und damit mehr Raum für inneres Erleben eine gute Sache wäre, es muss aber nicht gleich ein Kloster sein.

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  • Schlagworte Auslandsstudium | Belgien | Student
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