Die Bundesuniversität von Rio de Janeiro ist mit rund 50.000 Studenten und 4000 Lehrenden eine der größten und eine der besten Hochschulen Brasiliens, doch von Glanz und akademischer Würde gibt es hier keine Spur. Die Lage auf einer eigenen Insel im Meer vor Rio ist zwar besonders, aber auch abgelegen, weit weg von den Stränden im Süden der Stadt und den kolonialen Prachtbauten im Zentrum. Von dort steuern nur zwei Buslinien der Acht-Millionen-Metropole das Gelände der UFRJ an. Nach einer einstündigen Fahrt durch die ärmliche Nordzone Rios erreicht man den Campus – und wähnt sich in der Ostukraine. Riesige, graubraune Plattenbauten aus den sechziger Jahren beherrschen das Bild. Im Eingangsbereich des Technologiezentrums, in dem die Ingenieurwissenschaften untergebracht sind, tropft es von der Decke, überall sind große Eimer aufgestellt. Zum Glück regnet es in Rio nicht häufig.

Eugen Nuss stört sich nicht an dem tristen Ambiente. Schließlich gibt es auch schöne Gründe, in Brasilien zu studieren: bestes Wetter, weiße Strände, Samba und Caipirinha. Nach seinem Bachelor in Maschinenbau an der TU Darmstadt wollte der 23-Jährige eines seiner zwei Jahre als Masterstudent gern im Ausland verbringen, am liebsten ganz weit weg von Deutschland. Auf Brasilien ist er gekommen, nachdem er an der TU einen Kurs in Capoeira belegt hatte, einer brasilianischen Mischung aus Kampf- und Tanzsport. Der Capoeira und die fröhlichen Brasilianer, die er dabei traf, brachten ihn auf die UFRJ, sie ist Partneruniversität der TU Darmstadt.

Lange Zeit war Brasilien als Studienland nicht sonderlich attraktiv für deutsche Studenten, vor allem die Sprache schreckt nach wie vor viele ab; Portugiesisch können die wenigsten. Doch langsam ändert sich etwas. Die Zahl der Studenten, die nach Brasilien gehen, wächst. Im vergangenen Jahr hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) 676 Studenten in das südamerikanische Land geschickt, im Jahr zuvor waren es 525. Brasiliens Bedeutung in der Welt steigt und damit der Wunsch, auch in der Wissenschaft eine wichtigere Rolle einzunehmen.

Vor zwei Jahren hat die Regierung ein milliardenschweres Stipendienprogramm aufgelegt, mit dem Namen "Wissenschaft ohne Grenzen" (Ciência sem Fronteiras). Damit sollen bis 2015 gut 100.000 Brasilianer für einen Teil ihres Studiums oder die Promotion an renommierte Hochschulen in aller Welt gehen. Vor allem in die USA, aber auch nach Deutschland sollen immerhin 10.000 kommen. Nach dem Willen der Regierung sollen Talente aus allen sozialen Schichten Wissen im Ausland erwerben, nach Brasilien zurückkommen und die Forschung in ihrer Heimat nach vorn bringen. Gleichzeitig sollen ausländische Studenten und Forscher ins Land kommen und eine Zeit lang bleiben, um mit ihrem Fachwissen das Schwellenland weiterzuentwickeln.

Seit der Jahrtausendwende erlebt die brasilianische Wirtschaft einen rasanten Aufschwung, das Bruttoinlandsprodukt ist mittlerweile das siebthöchste weltweit. Doch das Bildungssystem kann nicht Schritt halten. Vor allem in naturwissenschaftlichen Disziplinen und in Ingenieur- sowie Sozialberufen fehlen gut ausgebildete Fachkräfte. Diese werden gebraucht wie nie: Für die bevorstehenden Großereignisse, die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016, müssen Bauwerke errichtet, Verkehrsverbindungen verbessert und Kommunikationsnetze ausgebaut werden.