Die Schulrevolte geht von Berlin aus. An diesem Wochenende ist es so weit: Da treffen sich Deutschlands populärste Bildungsreformer zum "Vision Summit EduAction". Mehr als tausend Besucher haben sich angemeldet, Dutzende Initiativen stellen sich vor. Das Ziel des Gipfels gibt der Bestsellerautor Richard David Precht in seinem Festvortrag vor: "Wir brauchen eine Bildungsrevolution!"

Star und Mittelpunkt des Kongresses ist jedoch nicht Precht, sondern ein anderer: Gerald Hüther, der in Berlin gleich fünf Auftritte hat. Er wird vorbildliche Bildungskonzepte preisen, mit Unternehmern über "zukunftsfähige Kompetenzen" diskutieren und mit Pädagogen über die Grenzen der Frühförderung. Und stets wird ihn dabei eine Aura umstrahlen: Denn Hüther beruft sich auf die neue Königsdisziplin der Wissenschaft, die Hirnforschung. Wo andere nur darüber spekulieren, wie Kinder richtig lernen, scheint es der Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. von der Uni Göttingen neurobiologisch erklären zu können.

Gerald Hüther ist damit der umtriebigste Vertreter einer Gattung von Bildungsgurus, die mit starken Thesen ein großes Publikum fesseln und die klassische Erziehungswissenschaft alt aussehen lassen. Dabei ist Hüther weder ordentlicher Professor, noch kann er auf eigene empirische Forschung zum Thema Schule verweisen. Seine Kenntnisse über den Schulalltag beschränken sich größtenteils auf Angelesenes oder Gehörtes. Das tut seinem Erfolg jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Befreit von den Mühen der Empirie, betören Hüther und andere Bildungskritiker ihre Zuschauer wie einst die fahrenden Wunderdoktoren mit gewagten Diagnosen und Vorschlägen für bizarre Kuren zur Rettung des angeblich todkranken Patienten Schule. Als letzte Begründung muss meist die Hirnforschung herhalten.

Tausende kommen, wenn Gerald Hüther durch Deutschland tourt

Das findet Resonanz. Wann immer Gerald Hüther (Jedes Kind ist hoch begabt), Jesper Juul (Schulinfarkt) oder Richard David Precht (Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern) ein Buch übers Lernen schreiben, ist der Verkaufserfolg sicher. Dabei senden diese Bücher eine unheilvolle Botschaft aus. Sie erklären unsere Schulen für irreparabel krank und beleidigen damit unzählige Lehrer, die sich anstrengen, den Schulalltag zu verbessern. In Baden-Württemberg fand die radikale Schulkritik kürzlich sogar in der Politik Gehör: Auf ähnlich windige Thesen wollte die inzwischen zurückgetretene Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer allen Ernstes das Konzept der neuen Gemeinschaftsschulen im Ländle bauen.

Gewiss, es gibt zu viele gescheiterte Bildungskarrieren und zu viel langweiligen Unterricht. Viele deutsche Schulen brauchen Erneuerung. Doch das ist den Bildungsrevoluzzern zu wenig. Sie sehen Schulen als "Dressureinrichtungen", wo "gehorsame Pflichterfüller" (Hüther) ausgebildet werden oder "Kinder Tag für Tag leiden" (Juul), sodass man "einer normalen Mittelschichtsfamilie" nicht mehr empfehlen könne, ihr Kind auf eine öffentliche Schule zu schicken (Precht). Da müssten eigentlich alle Lehrer beleidigt aufschreien. Aber der Nimbus der Autoren – "Europas bedeutendster Familientherapeut", "Deutschlands bekanntester Philosoph" – scheint alles zu rechtfertigen.

Wer sich gar zu Deutschlands "renommiertesten Hirnforschern" zählen darf, dem ist das Gehör in Medien, Stiftungen und der Öffentlichkeit garantiert. So kommen Tausende, wenn Gerald Hüther mit "Schule im Aufbruch" durch Deutschland tourt. Die Initiative wirbt für Schulen, in denen Kinder die Bildungsexperten sind und Lernen Spaß macht – und nicht so krank wie an normalen Lehranstalten. Egal, ob in München, Berlin oder Heilbronn: Die Säle sind voll, wenn Schüler vom Lernen ohne Noten schwärmen oder die Rektorin einer Privatschule die staatliche Konkurrenz als "Beziehungsverhinderungsanstalten" geißelt.

Besonders andächtig wird die Stimmung im Saal, wenn Gerald Hüther selbst die Bühne betritt. In sanftem Tonfall erzählt er, dass es unterschiedliche Begabungen nicht gebe, weil "jedes Kind ein wunderschönes Gehirn hat" und dass Lernen nur funktionieren könne, wenn "das kognitive und emotionale Netzwerk gleichzeitig aktiviert wird". Nur am Ende erhebt der Redner die Stimme, wenn er in den Saal ruft: "Die Hirnforschung hat es gezeigt: Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei!"

Dieser Verweis auf die Hirnforschung spielt bei all den neuen Bildungspropheten eine zentrale Rolle. Doch was kann die Verknüpfung von Neurowissenschaft und Didaktik leisten? Und wie ist es um die Expertise der so dramatisch auftretenden Bildungskritiker bestellt? Das lässt sich an ihrem bekanntesten Vertreter Gerald Hüther – der auch anderen wie Precht die Stichworte liefert – exemplarisch zeigen.

Als Mitbegründer von "Schule im Aufbruch" ist Hüther deren wissenschaftliches Aushängeschild. Tatsächlich ist die Universität Göttingen eine gute Adresse für die Neurowissenschaften. Dort gibt es sowohl ein Exzellenzcluster als auch eine Graduiertenschule zum Thema. An keiner dieser Einrichtungen aber ist Hüther beteiligt. Auch in den anderen neurowissenschaftlichen Instituten taucht sein Name nicht auf – dafür aber an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie als einer von drei Dutzend "wissenschaftlichen Mitarbeitern". Hinter seinem Professorentitel verbirgt sich eine außerplanmäßige (apl.) Professur. Mit ihr dekorieren Universitäten habilitierte Mitarbeiter, die ohne reguläre Hochschullehrerstelle bleiben. Und was ist mit der "Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung", der Hüther als Leiter vorsteht? So lässt er sich ankündigen, so steht es in der Vita, die seine Vorträge begleitet. "Zentralstelle" – das klingt nach vielen Mitarbeitern und bedeutender Forschung.

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illusion

Dabei gibt es weder eine Disziplin namens "neurobiologische Präventionsforschung" noch eine entsprechende Forschungseinrichtung. Wer in Göttingen danach sucht, findet am Ende eines langen Flures nur Raum E105 – das Zimmerchen von Gerald Hüther. Bis vor Kurzem suggerierte die Homepage der "Zentralstelle", sie sei eine Einrichtung der Hochschule. Das jedoch ist falsch. Laut Universität war sie allein ein "Projekt von Herrn Prof. Hüther". Das Gleiche gilt für seine Vorträge, Stiftungsaktivitäten und Bücher. Auf zwei Werke brachte es Hüther im vergangenen Jahr, mindestens drei werden es dieses Jahr werden. Die Liste seiner Zeitschriftenbeiträge ist ebenfalls bemerkenswert lang. Mit neurobiologischer Forschung im strengen Sinn aber haben Aufsätze wie Zitronenbäume pflanzen statt Zitronen ausquetschen (veröffentlicht in der Zeitschrift Gralswelt) nur wenig zu tun. Das Gleiche gilt für seine DVDs (Die Grenzen der Selbstvermarktung, 9,95 Euro).

Auf Anfrage der ZEIT stellt Hüther klar, die Zentralstelle sei nur eine "Arbeitsplattform" zur Koordinierung verschiedener Forschungsprojekte, etwa mit der Universität Mannheim/Heidelberg, gewesen. Seit Anfang dieses Jahres habe er diese Tätigkeit beendet "und damit auch diese Zentralstelle aufgelöst", auf Klappentexten aktueller Bücher taucht sie freilich noch auf. Im Übrigen sei er mit Schulthemen als Experte in vielen Gremien befasst, habe aber "nie behauptet, Forschungen auf dem Gebiet von Bildung, Schule oder Pädagogik durchgeführt zu haben".

Letzteres stimmt tatsächlich. Stattdessen hat Hüther viele Jahre lang in der neurobiologischen Grundlagenforschung gearbeitet, Untergebiet Neurochemie. Anfang der neunziger Jahre erhielt er eines der begehrten Heisenberg-Stipendien. Bis 2006 leitete er an der Göttinger Klinik eine Arbeitsgruppe. In der Hauptsache widmete er sich der Wirkung von Serotonin im Gehirn, einem wichtigen Botenstoff. Meist arbeitete er mit Ratten. Einmal sorgte er für Aufsehen mit seiner Forschung oder besser: mit seiner eigenwilligen Deutung derselben. Nach einem Rattenversuch legte er im Jahr 2001 nahe, dass Kinder, die das ADHS-Medikament Ritalin bekommen, ein höheres Risiko für eine spätere Parkinsonkrankheit trügen. Forscherkollegen im Projekt bezeichneten diese Interpretation empört als "Mischung von blumiger Rhetorik und mageren Spekulationen". Bald danach versiegte Hüthers Publikationstätigkeit in seriösen Fachzeitschriften.

Heute bezieht Gerald Hüther zwar das Gehalt eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Wissenschaftlich tätig im herkömmlichen Sinn ist er aber seit Langem nicht mehr. Sein ehemaliger Chef Peter Falkai, bis 2012 Direktor der Psychiatrie in Göttingen, ließ ihn gewähren und "sich seinem literarischen Werk widmen", wie er sagt. Bei Festangestellten an der Universität habe man als Vorgesetzter kaum Disziplinierungsmöglichkeiten. "Da herrscht maximale Freiheit der Forschung." Laut Universität hat Hüther in den vergangenen sechs Jahren einmal einen 90-minütigen Vortrag samt Diskussion vor angehenden Biologielehrern gehalten. Fragt man Göttinger Neurobiologen nach Hüther, so erhält man meist eine von zwei Antworten: "Die Veröffentlichungen des Kollegen sind mir nicht bekannt" oder "Ist das der aus dem Fernsehen?".

Dead wood nennt man solche Hochschulangehörigen in den USA. Nur selten aber kommt es vor, dass das, was innen als "totes Holz" gilt, nach außen als blühendes Beispiel der Disziplin erscheint. So wird Hüther in der Öffentlichkeit mal als Arzt (Neurologe) vorgestellt, mal als Experte, der "weltweit zum richtungweisenden Dutzend seines Fachs gehört" (manager magazin). Schmunzelnd erinnert sich der Klinikchef Falkai an Fragen von Bekannten, ob er "an Herrn Professor Hüthers Klinik" arbeite. Eines müsse er dem Kollegen aber lassen, sagt Falkai: "Er ist ein begnadeter Redner."

Grauer Anzug, weißes Hemd, die eine Hand in der Hosentasche, so betritt Gerald Hüther die Szenerie. Die Rede, die dann folgt, ist mit leichten Variationen ähnlich, egal, ob er vor Schulleitern, Unternehmern oder Krankenhausmanagern spricht. Hüther verknüpft kleine Anekdoten mit psychologischem Lehrbuchwissen, basale Erkenntnisse der Bindungsforschung mit Lebensweisheiten. Anfangs schlägt er oft einen pessimistischen Ton an und weist auf "die begrenzten Ressourcen" hin oder die "Zunahme psychischer Krankheiten". Ängstigen aber muss sich niemand. Hüther verpackt die Zivilisationskritik in Ironie und Geschichten. Jahrelang würden Kinder spielend und ungezwungen lernen, schwärmt er – "und dann schicken wir sie in die Schule". Da ist ihm der erste Lacher sicher.

Hüther spricht immer frei, kaum ein "Äh" stört den Strom seiner Worte. Dabei schreitet er langsam die Bühne ab. Unwillkürlich sieht man einen amerikanischen Prediger vor sich, wenn er ruft: "Es ist nicht zu spät, das Ruder herumzureißen!" Denn natürlich gibt es Hoffnung. Der Mensch ist gut, das Kind unschuldig. Nur die Welt ist es leider nicht. Da sind Eltern, die an ihnen herumerziehen, Ärzte, die Ritalin verschreiben, und Lehrer, die Noten geben. Dabei sollte man die Kinder nur sich selbst überlassen: im freien Spiel, in der Natur, im gemeinsamen Unterrichtsprojekt. Dann wüchsen sie von selbst und die Synapsen mit ihnen. "Im vorherigen Jahrhundert dachte man noch, Unterricht könne das Gehirn beeinflussen", ruft Hüther. Mehr braucht er nicht zu sagen. Der Saal jubelt.

Diese Botschaft von dem guten Kind und der bösen Gesellschaft mit ihren Zwangsanstalten verkünden neben Gerald Hüther auch Richard David Precht oder Jesper Juul. Man kennt sie seit Jean-Jacques Rousseaus Émile. Für die Pädagogik ist sie weitgehend fruchtlos. Aber das hindert nicht einmal die vielen Lehrer unter den Zuschauern am Applaus. Die Sehnsucht, endlich von den Mühen des Alltags zwischen erster Stunde und abendlicher Klassenarbeitskorrektur befreit zu werden, scheint groß zu sein. Ebenso die Hoffnung, dass es doch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der die Schüler ganz von alleine einsehen, dass sie sich anstrengen müssen. In der Lehrer nicht mehr Lehrer sind, sondern Coachs und, ja, Freunde. "Aus der Alltagsverzweiflung vieler Lehrer erwächst der Wunsch nach Feldgottesdiensten und Priestern", sagt der Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl. Jahrelang hat Kahl (auch als ZEIT-Autor) Gerald Hüther mit seinen Beiträgen selbst ein Forum gegeben. Heute sieht er manches kritischer.

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illusion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerieren sie: Kinder wollen lernen – aber die Schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vokabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bildungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hüther heißen die zentralen Metaphern "Begeisterung" und "Potenzialentfaltung". In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei "Dünger fürs Hirn".

Mit neurobiologischer Forschung hat das wenig zu tun. Genau genommen kommt die Hirnforschung in Hüthers Vorträgen kaum noch vor. Der Biologe vertraut auf die Magie, die Wörter wie "präfrontaler Kortex", "emotionale Zentren im Mittelhirn" oder "neuroplastische Botenstoffe" im Publikum entfalten. " Applied Neuroscience " nennt Hüther diese inzwischen perfektionierte Kunstform.

Studien oder andere Kleinigkeiten interessieren die Bildungsgurus nicht

Mit ihrer Hilfe wurde aus dem einst seriösen, aber unbekannten Arbeiter im Weinberg der Wissenschaft ein Popstar der Hirnforschung. Heute ist Hüther Mitglied im Rat für kulturelle Bildung, er begleitet das Thüringer Kultusministerium beim Aufbau einer "Neuen Lernkultur in Kommunen" und die Vodafone-Stiftung in Fragen der "schulischen Elternarbeit". Sogar Berater Angela Merkels darf Hüther sich nennen: In einem Gesprächsforum unter der Schirmherrschaft der Kanzlerin gehörte er zu den "Kernexperten" für die Bildung. Daneben ist er Gründer eines halben Dutzends von Stiftungen und Vereinen, die nach den Erkenntnissen der "modernen Hirnforschung" mal Unternehmen, mal die Männer und immer wieder die Schule "radikal" verändern wollen.

In dem Organisationsnetzwerk tauchen stets dieselben Namen auf, etwa Jesper Juul oder auch Reinhard Kahl. Dieser erhält auf dem Bildungskongress am Wochenende eine Auszeichnung, den Vision Award 2013. Die Lobrede wird Richard David Precht halten, den Kahl wiederum beim Verfassen seines Buches unterstützte. Im vergangenen Jahr ging der Preis an die Mitinitiatorin von "Schule im Aufbruch", Margret Rasfeld. Ihr Laudator hieß damals Gerald Hüther, der seinerseits erster Gast in Prechts Philosophie-Talk im ZDF war.

Bei so viel Netzwerkaktivität kann man schon mal den Überblick verlieren. Das scheint Hüther bei seiner "Sinn-Stiftung" passiert zu sein. Dort war er nicht nur Präsident, sondern auch Anstifter einer Aktion, mit der die Stiftung bundesweit bekannt wurde: einer Ferienfreizeit in den Südtiroler Alpen für Kinder mit ADHS. "Alm statt Ritalin" nannte Hüther die Idee. Er prognostizierte, dass der Aufenthalt in der Natur bei den Kindern zu einer "massiven Nachreifung des Frontalhirns" führen werde und diese dann auf die Medikamente verzichten könnten.

Wieder protestierten Fachleute gegen die vereinfachte Sicht auf die Aufmerksamkeitsstörung. Anfang dieses Jahres warnte sogar der Sektenbeauftragte der katholische Kirche in München vor der Sinn-Stiftung. Deren Arbeit beruhe "auf wissenschaftlich nicht belegbaren Erkenntnissen" –jenen von Gerald Hüther. Dann wurde bekannt, dass es auf der Alm zu sexuellen Übergriffen durch einen Betreuer gekommen war. Da zog Hüther die Notbremse und verließ die Sinn-Stiftung.

Evaluiert wurde das Alpenprojekt niemals. Nach drei Versuchen wurde es still beendet. Dasselbe Schicksal droht Hüthers großem Bildungsprojekt "Schule im Aufbruch". Denn auch hier sind die Belege des "Gelingens" – ein weiteres Hüther-Lieblingswort – rar. Im Grunde gibt es nur ein Beispiel, um das die ganze Bewegung kreist: die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ), eine typische Reformschule. Sie kennt keine Jahrgangsklassen und bis Stufe neun keine Noten, der herkömmliche Unterricht wird weitgehend durch sogenannte Lernbüros ersetzt, in denen die Schüler sich selbst den Lehrplan erarbeiten. Einmal im Schuljahr sind die Jugendlichen beim Reisen, Werken oder Musizieren drei Wochen lang ganz auf sich gestellt, "Herausforderung" nennt sich das Projekt.

Studien oder andere Kleinigkeiten interessieren die Bildungsgurus nicht

Keine dieser pädagogischen Ideen ist neu. Auch verwundert es nicht, dass sie anscheinend an einer Privatschule gelingen, in der Akademikereltern nicht nur Geld zahlen, sondern auch noch die Lehrer im Alltag unterstützen. Doch zum einen arbeiten die wenigsten deutschen Schulen unter solchen Bedingungen. Zum anderen lernen Kinder sehr unterschiedlich. Während es einem Schüler aus dem bildungsbürgerlichen Berlin-Mitte leichtfallen mag, sich den Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten, kann der Hartz-IV-Junge aus Neukölln damit große Probleme haben. Er braucht eher klare Strukturen statt Selbstorganisation. Erst kürzlich hat die große Metaanalyse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie belegt, wie gefährlich es ist, den Pädagogen im Klassenraum zu marginalisieren.

Natürlich lernt sich im Wald oder an der Werkbank manches besser, als wenn man ein Lehrbuch liest. Nur lässt sich eine Partizipialkonstruktion leider nicht so lehren, dass es "unter die Haut geht" (Hüther).

Doch mit Studien oder anderem pädagogischen Klein-Klein schlagen sich Gerald Hüther und die anderen Bildungspropheten nicht herum. Umsetzungsprobleme, die endlose Historie didaktischer Illusionen, die Widerständigkeit des Unterrichtsalltags: für sie kein Thema. Die Reformjünger verkaufen der Republik stattdessen lieber einzelne Vorzeigeeinrichtungen wie eine Berliner Privatschule als Leitbild – dabei hat diese bisher noch nicht einen Jahrgang durchs Abitur gebracht.

"Die Bildungsrevolution steht bevor", prophezeit Richard David Precht, die alte Schule werde es in sechs Jahren nicht mehr geben, sagt Gerald Hüther. Dabei gibt es die alte Schule schon heute nicht mehr, auch wenn die Gurus die "Lernfabrik aus der Blütezeit der Industrialisierung" (Juul) für ihre Argumentation reanimieren. Doch dieses Zerrbild ist genauso falsch wie die Utopie einer Schule ohne Klassen, Fächer und Lehrer, die lehren. Da hilft nicht einmal die Hirnforschung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio