Es sah aus wie die Apokalypse – und war doch nur die ägyptische Revolution, diesmal als furchtbare Erscheinung: brennende Kirchen, brennende Häuser von Christen und flüchtende Kopten, verfolgt vom grölenden Mob. An mehreren Orten in Ägypten, vor allem aber in Mittelägypten entlang des Nils, kam es in der vergangenen Wochen zu furchtbaren Angriffen auf Christen. In der Provinz Minja, wo besonders viele leben, wurde ein Kloster niedergebrannt. Die Täter waren islamische Extremisten, die an den Kopten Rache nahmen für den Putsch des ägyptischen Militärs und die brutale Niederschlagung der Großdemonstrationen von Muslimbrüdern.

Islamisten gegen Christen – das klingt wie ein allzu vertrautes Muster aus dem Nahen Osten, das man aus dem Irakkrieg, aus dem syrischen Bürgerkrieg und seit einiger Zeit auch aus Ägypten kennt. Es ist die Logik des Religionskonflikts, der scheinbar "uralte" Gegensatz, der heute von allen Seiten für eine schreckliche Selbstverständlichkeit gehalten wird. Doch sehr lange Zeit war das nicht der Fall im Nahen Osten. Religion war kein Grund, sich zu bekämpfen. Die konfessionellen Gegensätze in dieser Form sind eine neue Erscheinung. Warum sind die Christen heute bedroht?

Man denke nur zehn Jahre zurück, da lebten im Irak unter Saddam Hussein noch Christen friedlich neben Schiiten und Kurden. Erst als der Diktator von den USA im Krieg 2003 gestürzt wurde, kam es zu Angriffen auf die christlichen Gemeinden, mussten viele fliehen. Nicht wenige übrigens gingen ins Nachbarland Syrien. Dort lebten Christen friedlich neben arabischen Sunniten, Schiiten, Alawiten und neben Kurden aller Konfessionen. Der Vielvölkerstaat Syrien funktionierte – als bajonettbewehrte Diktatur, wo alle stillhielten.

Im Iran zerbrach der Religionsfrieden vor zehn Jahren, als radikale sunnitische Kämpfer sich für die US-Invasion nicht nur an amerikanischen Soldaten, sondern auch an Schiiten und Kurden rächten. Es ging darum, welche Gruppe im Irak nach Saddam Hussein allein herrschen würde. Im Krieg der Konfessionen waren die Christen die Schwächsten. Sie verließen das Land.

In Syrien fanden viele Christen Zuflucht, die nun ein Déjà-vu des Schreckens erleben. Der Diktator Baschar al-Assad gab auf die Bedrohung seiner Macht durch den syrischen Aufstand eine niederträchtige Antwort: die Entfesselung des Konfessionskrieges in Syrien. Systematisch hetzte er Christen und Alawiten gegen muslimische Sunniten auf. Die Fronten im Bürgerkrieg heute verlaufen meist entlang der konfessionellen Linien, weil Assad es so wollte.

In Ägypten ist es noch nicht so weit, ein Bürgerkrieg könnte abgewendet werden. Aber wie er aussehen würde, davon gaben die vergangenen Wochen der brennenden Kirchen einen Vorgeschmack. Auch in Ägypten werden die Christen nicht einfach Opfer der Rachsucht radikaler Muslime. Es geht um Macht im postrevolutionären Ägypten – und dafür werden auch am Nil Stellvertretergefechte geführt, unter denen die Christen leiden. Radikale Muslime wollten in der Vorwoche den Generälen zeigen, dass sie Ägypten als Antwort auf den Militärputsch vom 3. Juli gegen den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi in einen Konfessionskrieg stürzen können. Die eigentliche Frontlinie aber verläuft zwischen Militär und Muslimbrüdern, die Christen sind Nebensache.

Viele Christen im Nahen Osten ziehen aus den Angriffen seit Ausbruch der arabischen Aufstände nun den Schluss: "In einer Diktatur geht es uns besser." Schon im Irak trauerten manche Christen dem arabosunnitischen Pistolero Saddam Hussein nach. Im syrischen Bürgerkrieg halten viele Christen zu dem Alawiten Baschar al-Assad, von dem sie sich mehr Schutz versprechen als von den überwiegend sunnitischen Rebellen.

In Ägypten sympathisierten viele christliche Kopten mit dem Militär und jubelten zusammen mit vielen ägyptischen Muslimen über den Sturz Mursis am 3. Juli. Die Christen fürchten die Muslimbruderschaft und schätzen die Generäle. Das ist verständlich, wenn man die Politik Mursis betrachtet. Der islamistische Präsident versuchte, islamische Moralvorstellungen Schritt für Schritt zur Norm für alle Ägypter zu machen.

Doch könnten die Kopten das Militär eigentlich auch fürchten. Am 9. Oktober 2011 demonstrierten sie in Kairo gegen einen Kirchenbrand in Assuan. Die Armee aber walzte die Demonstration mit aller Gewalt nieder. 24 Christen starben dabei. Überhaupt ist fraglich, ob der ägyptische Staat ein Freund der Kopten ist. Der furchtbare Terroranschlag auf eine koptische Kirche zum Neujahrstag 2011, noch unter der Herrschaft von Hosni Mubarak, wurde Indizien zufolge von einer Abteilung des ägyptischen Geheimdienstes verübt. Weder Mubarak noch das Militärregime in Kairo hat es bisher nötig gefunden, diesen schlimmsten aller Anschläge aufzuklären.

Das ist das Schicksal der Christen im Nahen Osten: Aus Angst vor Angriffen radikaler Islamisten begeben sie sich in die Hände autoritärer Herrscher und Militärs, die ihrerseits tödlich zuschlagen können. Und aus Rache für diese informelle Allianz greifen radikale Muslime die Christen erst recht an.