Gehen Deutschland schon bald die Fachkräfte aus? Solange es viele Arbeitslose im Land gab, interessierte diese Frage kaum jemanden. Inzwischen aber sind über achtzig Prozent der Deutschen überzeugt: In den kommenden Jahren werden Fachkräfte fehlen. Das belegt eine Studie des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die der ZEIT exklusiv vorliegt. Danach erwarten die Befragten einen besonders dramatischen Mangel in der Altenpflege, im Gesundheitssektor, bei der Elektrotechnik und im Maschinenbau.

Sorgen machen sich die Deutschen wegen dieses Trends bislang jedoch kaum. Die allermeisten gehen davon aus, dass sich die Experten schon irgendwo finden lassen. Zwei Drittel glauben etwa, dass offene Stellen künftig verstärkt mit jungen, gut ausgebildeten Menschen aus Spanien und anderen südeuropäischen Ländern besetzt werden können. Zudem sieht eine große Mehrheit das Land im internationalen Wettbewerb um ausgebildete Arbeitnehmer gut aufgestellt: Neun von zehn Befragten gehen davon aus, dass Deutschland für Ausländer "attraktiv" ist. Deshalb hält es auch jeder zweite Deutsche für unnötig, dass die Bundesregierung aktiv gut qualifizierte Ausländer anwirbt.

Tatsächlich scheint die wachsende Zahl von Migranten vor allem aus Süd- und Osteuropa solche Einschätzungen zu stützen. So registrierte das Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr einen Zuwanderungsrekord. 2012 kamen über eine Million Ausländer nach Deutschland, so viele wie zuletzt 1995. Zieht man davon jene ab, die wieder wegzogen, wuchs die Gesamtzahl der Einwohner mit Migrationshintergrund immer noch um 369.000, darunter viele junge, sehr gut ausgebildete Menschen aus den Krisenstaaten Europas.

Ob die sich allerdings dauerhaft in Deutschland niederlassen und dann auch noch die nicht besetzten Jobs übernehmen werden, ist sehr umstritten. Nach einer Studie der OECD zieht es viele der europäischen Migranten nur für eine Weile ins Ausland. Sie arbeiten dort, lernen dazu und kehren dann gern in ihre Heimat zurück – wenn es dort wieder Jobs gibt. Sollte die Finanzkrise in Spanien, Griechenland oder Portugal also irgendwann vorbei sein, könnten viele der Zuwanderer wieder zu Auswanderern werden – und Deutschland würden erneut Fachkräfte fehlen.

Was tun? Politiker und Unternehmer müssten strategischer und langfristiger darüber nachdenken, wie sie dem Mangel an Fachleuten begegnen können, mahnt die Boston Consulting Group (BCG). Sie hat für 26 Industrieländer den künftigen Bedarf an Experten analysiert und kommt zu dem Ergebnis: Dass gut ausgebildete Arbeitnehmer fehlen, wird künftig ein Problem "von globaler Dimension". Deutschland sei davon allerdings besonders betroffen – bis 2030 mehr als jedes andere Industrieland.

Gründe gibt es gleich mehrere – und folglich müsste die Gegenstrategie auch an ganz unterschiedlichen Punkten ansetzen. Erstens altert die deutsche Bevölkerung schneller als die der meisten anderen Länder. Nötig wäre also, da sind sich die Experten wie sonst selten einig, eine Ausbildungsoffensive. Doch selbst wenn alle Jugendlichen künftig besser qualifiziert würden, werden sie allein diejenigen, die in Rente gehen, nicht ersetzen können.

Zweitens ist Deutschland von Nachbarländern umgeben, deren Bevölkerungen in Zukunft ebenfalls altern. Der Harvard-Wissenschaftler Michael Clemens beschreibt den Trend so: "Europa wird der erste Kontinent, der den demographischen Abstieg wird managen müssen." Bereits die schwarz-gelbe Bundesregierung hat deswegen die Hürden für kluge Köpfe aus dem nichteuropäischen Ausland gesenkt. Sie hat das Einwanderungsrecht modernisiert und bietet Experten die "Blue Card": Wer ein Uni-Examen und ein Jobangebot mit mindestens 46.000 Euro Jahresgehalt nachweisen kann, darf kommen. In Berufen, in denen es kaum deutsche Bewerber gibt, liegt die Gehaltsgrenze sogar bei 36.000 Euro. Studenten ohne EU-Pass dürfen nach dem Studium für sechs Monate bleiben, um Arbeit zu suchen. Und ausländische Berufsabschlüsse sollen, so legt es ein Gesetz nun fest, schneller als bisher anerkannt werden. Doch der Teufel steckt im Detail: So haben beispielsweise längst nicht alle Bundesländer das Gesetz in Landesrecht umgewandelt.

Pro forma, so bestätigt der Sachverständigenrat für Migration und Integration (SVR), sind wir heute im internationalen Vergleich ein offenes Land. Die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld, spricht sogar von einem "liberalen Einwanderungsrecht", auch wenn es im Detail viele Probleme gebe. Grundsätzlicher aber moniert sie: Deutschland müsse endlich sein Image als Nicht-Einwanderungsland im Ausland loswerden und ein klares Willkommenssignal an hoch qualifizierte Zuwanderer senden.

Immerhin scheint in diesem Punkt langsam das Problembewusstsein in der Bevölkerung zu wachsen. Denn obwohl sich viele Deutsche nicht für die aktive Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern erwärmen können – sie wollen trotzdem nicht, dass Deutschland ein unwirtliches Land ist für jene, die bereits hier wohnen und arbeiten. So glauben laut TNS Emnid 89 Prozent, dass ausländische Fachkräfte lieber dauerhaft bleiben, wenn es für ihre kleinen Kinder gezieltere Sprachförderung gäbe. 82 Prozent finden es wichtig, dass auch die Ehepartner von Zuwanderern gute Arbeitsmarktchancen bekommen. Und 76 Prozent halten die schnellere Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen für erstrebenswert. So manche kleine Verbesserung der "Willkommenskultur" hätte damit eine satte Mehrheit.