Edgar Reitz' "Heimat"-SerieEndlich raus in die Fremde

Die Filmbiennale in Venedig überrascht mit einer neuen Folge der "Heimat" von Edgar Reitz, des größten deutschen Filmprojekts der letzten 30 Jahre. von 


Die gute Nachricht von den 70. Filmfestspielen von Venedig: Das Meer ist noch da, die Lagune auch, und es gibt weiterhin die roten Getränke, mit denen in der Hand man melancholisch auf beides blicken kann. Die nicht so gute Nachricht: Das Loch ist ebenfalls noch da. Jene riesige Baustelle, in der sich das Festival am Lido di Venezia mit einem neuen Filmpalast neu erfinden wollte. Nun hat sich ein kleiner See in jener Grube gebildet, die seit Jahren zwischen Strand und altem Festivalpalast klafft – wegen Geldmangels, Asbestfunden und mafiöser Verstrickungen der Baufirma.

Jetzt aber die richtig gute Nachricht: Edgar Reitz ist zurück in Venedig! Vor mehr als zwanzig Jahren war der Regisseur mit den dreizehn Folgen seiner Zweiten Heimat auf dem Festival zu Gast. Bis heute schwärmen die Zuschauer, die dabei waren, von dem Serien- und Suchteffekt, der sich im Kino einstellte. Reitz’ neuestes kühnes Werk Die andere Heimat besteht aus einem einzigen vierstündigen Film und läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz. In Heimat folgte Reitz einer bäuerlichen Familie aus dem Hunsrück durch die Kriege und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. In Die zweite Heimat zeigte er den Aufbruch der 68er-Generation aus leicht verschobener und dadurch erhellender Perspektive: der des Künstler- und Studentenmilieus der Neuen Musik.

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Auch Die andere Heimat beruht auf einer Blickverschiebung. In souverän komponierten Schwarz-Weiß-Bildern schaut Reitz zurück auf den Hunsrück in der Mitte des 19. Jahrhunderts und zeigt die verarmte deutsche Provinz als Ort, den man eigentlich nur verlassen kann. Sein junger Held Jakob träumt von Brasilien, vom Weg ins Ungewisse. Gerade erst konnte man Nina Hoss in Thomas Arslans Western Gold als deutsche Pionierin sehen, die dem Goldrausch in die nordamerikanischen Wälder folgt. Nun wendet auch die Heimat, das größte deutsche Filmprojekt der letzten dreißig Jahre, den Blick auf Auswandererträume.


Und in Venedig? Blickt man weiter auf das Loch. Kein anderes Kinofestival könne sich rühmen, das ehrwürdige Alter von siebzig Jahren erreicht zu haben, sagt Alberto Barbera, der Direktor der Filmbiennale. Womöglich will er uns damit sagen, dass zum Jubilarsdasein auch die Versöhnung mit den eigenen Zipperlein gehört.

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    • Schlagworte Film | Edgar Reitz | Kino | Heimat | Regisseur | Venedig
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