FrankreichEin Ausreißer kehrt heim

Langres in der Champagne feiert den 300. Geburtstag des Philosophen Denis Diderot. Und wie! von Ariane Breyer

Statue von Denis Diderot

Statue von Denis Diderot  |  © OTSI Pays de Langres / Jean-François Feutriez

Schon im Tal verkünden pinkfarbene Plakate die frohe Nachricht. Sie säumen die Straße, die zackig auf den Hügel klettert, oben angekommen einmal um die meterdicke Stadtmauer kreist und in die massiven Tore eintaucht: Er kommt zurück! Diderot revient à Langres!

Wurde auch Zeit. Nachdem Denis Diderot mit 15 Jahren nach Paris gezogen war, stattete er seinem Heimatort im südlichsten Zipfel der Champagne nur fünf Besuche ab. Vor seinen Pariser Intellektuellenfreunden kokettierte er zwar mit seiner Herkunft und behauptete, im Grunde ein rustre, ein Bauerntölpel zu sein. Fuhr er aber hin, beschwerte er sich in seinen Briefen über das eintönige Dorfleben. Er blieb nie lange, meist gab es Streit. Sein Vater Didier, ein Schmied, dessen Messer weithin für ihre scharfen Klingen gerühmt wurden, hätte seinem Ältesten gern den Betrieb übergeben oder ihn in einem einträglichen Kirchenamt aufgehoben gewusst. Der Sohn aber führte das Leben eines Bohemiens, und das war gewiss nichts Gutes. Einmal kam er und verkündete, heiraten zu wollen, die Frau war quasi mittellos, aber sehr ansehnlich. Da wusste sich Didier nicht mehr zu helfen und ließ den Sohnemann in ein Kloster sperren. Eines Nachts sprang Denis aus dem Fenster und flüchtete zu Fuß. Die Hochzeit fand heimlich statt.

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Dem Vater in der Provinz machte der rebellische Sohn keine Freude. Er konnte ja nicht wissen, dass hier einer der Wegbereiter der Moderne heranreifte, ein Schriftsteller mit unsterblichem Ruhm.

Natur, das sei für Diderot stets das Marne-Tal gewesen, sagt die Forscherin

Zu seinem 300. Geburtstag will Langres den Ausreißer zurückgewinnen. "Und bisher läuft es wunderbar!", ruft Didier Loiseau und zählt alles auf: die Theaterstücke, Tanzveranstaltungen, Musikabende, Kunstinstallationen, das Diderot-Museum, das im Spätherbst öffnet. Loiseau, Bürgermeister von Langres, mit gepflegtem Schnauzbart, der ihm bis über den Mund reicht, hat seinem Ort eine Art ganzjähriger Diderot-Festspiele verordnet. Langres soll die Stadt werden, an die man denkt, wenn man den Namen Diderot hört. Ein ehrgeiziges Projekt für so einen kleinen Ort, der im toten Winkel touristischer Routen liegt. Obwohl das Renaissancestädtchen sensationell gut erhalten ist, parken hier nur ein paar Belgier ihre Wohnwagen auf der Rückreise aus der Provence. Langres, das sich stolz zu den 50 schönsten Städten in Frankreich zählt, könnte ruhig ein wenig mehr notoriété vertragen, findet man hier.

An diesem Wochenende ist die Diderot-Gesellschaft angereist, man will über Diderots komplexes Verhältnis zur Provinz sprechen. Den Forschern zu Ehren hat Loiseau den stillgelegten Gerichtssaal des Rathauses aufgeschlossen. Dort bröckelt die Farbe von den hohen Fensterrahmen, die Vorhangstangen biegen sich unter dem Gewicht der Stoffe, bis eine aus der Fassung bricht und mit Getöse zu Boden geht. "Das machen wir gleich neu!", ruft der blendend gelaunte Bürgermeister.

Neben ihm packt eine Forscherin mit toupierten Haaren einen Stapel Bücher aus, frisch aus der Druckerei, vom Cover schaut streng der Philosoph. "Etwas blass sieht er aus", findet die Diderotistin. Der Band enthält Diderots Erzählung Voyage à Langres. Er hat sie 1770 verfasst, bei seinem letzten Besuch. Langres sei Fluchtpunkt und Folie seines Naturverständnisses, trägt sie vor, die Kollegen wiegen die Köpfe, und an die Parkanlagen in Paris habe er sich nie gewöhnen können. Natur, das sei für Diderot stets das Marne-Tal gewesen, die Hügel um Langres.

Merkwürdig ist das Ende des Textes. Diderot erwähnt eine unerklärliche Krankheit, ein augenblickliches Verfaulen der Körpersäfte (Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit), das jeden Langres-Besucher ereile. Die Forscherin ist ratlos, eine solche Epidemie ist nicht überliefert. "Es muss eine Metapher sein für sein gespaltenes Verhältnis zu der Stadt", versucht sie eine Erklärung. In der Pause stehen ein paar Diderotisten in der Sonne und überlegen, wo man abends was trinken gehen kann. Meist wird in Paris getagt, nur die Société Diderot hat ihren Sitz in Langres. "Originell, nicht?", sagt die toupierte Frau. "In so einem Nest."

Das Nest war einmal wichtig, Bischofsstadt und reich. Ein paar Hundert Meter vom Hôtel de Ville entfernt erhebt sich die Kathedrale St. Mammès wie ein Fels. Die Glocken läuten, "ein armes Mädchen unglücklich gemacht", heißt es in Die Nonne, wo die Glocken läuten, wenn ein Mädchen sein Leben an den Orden gibt. Denis’ Schwester Angélique hat das getan, trat in ein Kloster in der Gegend ein und starb mit 28. Man sagt, sie habe den Verstand verloren. Diderot hat der Kirche nie verziehen.

So widersprüchlich Diderots Verhältnis zur Bischofsstadt war, so rührend ist Langres’ Verehrung für seinen berühmten Sohn. Er ist auch geografisch das Zentrum, breite Brust, in die Hüfte gestemmter Arm. Die Statue wurde zum 100. Todestag auf die Place Diderot gestellt, exakt in die Ortsmitte, wo Diderots Geburtshaus steht und einen Steinwurf weiter dasjenige, in dem er aufwuchs. Zu ihren Füßen kann man im Bistro sitzen und zugucken, wie ein Dutzend Halbwüchsiger ihr eine weiße Plastikplane umhängt. Alles wegen des Jubiläums? Nein, sagt eines der Mädchen, sie haben gerade Abi gemacht, deshalb verkleiden sie die Statue: Tradition.

Leserkommentare
  1. Langres ist eine Stadt und so ganz in dem, was man gemeinhin unter "Champagne" versteht, liegt sie ja nun nicht. Die Region heißt zwar Champagne-Ardenne, aber Charleville-Mézières liegt ebensowenig in der Champagne. Karlsruhe liegt ja auch nicht in Württemberg ...

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    In einem "Dorf" würde auch kaum eine Kathedrale stehen, und ein Dorf hätte man wohl kaum so befestigt. Aber über Langres wird hierzulande chon Merkwürdiges berichtet. So steht in der deutschen Wikipedia, daß auf dem Plateau von Langres (es trennt das Pariser Becken vom Saône-Tal) die Seine entspränge ...

  2. In einem "Dorf" würde auch kaum eine Kathedrale stehen, und ein Dorf hätte man wohl kaum so befestigt. Aber über Langres wird hierzulande chon Merkwürdiges berichtet. So steht in der deutschen Wikipedia, daß auf dem Plateau von Langres (es trennt das Pariser Becken vom Saône-Tal) die Seine entspränge ...

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    Antwort auf ""Dorf"???"
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    ... Sées (Basse-Normandie) hat halb so viel Einwohner wie Langres, gilt heute als "village" (Dorf) und hat eine weitaus üppigere Kathedrale als Langres.

  3. ... Sées (Basse-Normandie) hat halb so viel Einwohner wie Langres, gilt heute als "village" (Dorf) und hat eine weitaus üppigere Kathedrale als Langres.

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