Der Philosoph und Trainer des SC Freiburg, Christian Streich, hat kürzlich in seiner unnachahmlichen Mischung aus Sorge und Entschlossenheit gesagt: "Wir in Freiburg müssen jeden Tag zwölf Stunden an Fußball denken, sonst holen wir in der Liga keinen einzigen Punkt."

Der kluge Streich gibt die Tonlage an, in welcher die Deutschen, von Guardiola infiziert, künftig über Fußball sprechen werden: als ein immerwährendes, mit dem Schlusspfiff keinesfalls endendes kollektives Denkspiel. Da sich die Mannschaften annähern in ihren technischen und athletischen Fähigkeiten, bleibt zur Verfeinerung nur die Taktik, sprich: die Täuschung. So nimmt das Spiel immer mehr die Züge einer Intrige an. Es wird künftig 60, 70 Minuten dauern, bis die Öffentlichkeit und der jeweilige Gegner des FC Bayern herausgefunden haben, ob Mario Götze in einer Partie der falsche Neuner oder der scheinbare Zehner oder doch der unzuverlässige Achter ist. Oder ob er überhaupt auf dem Platz steht, denn: Große Spieler haben die Gabe, sich unsichtbar zu machen und ein Spiel zu entscheiden, wenn schon keiner mehr weiß, dass sie noch da sind (Pirlo!). Es wird auf dem Feld so zugehen wie in einem guten Spionagefilm: Jeder täuscht sich im anderen, keiner ist, was er zu sein vorgibt. Wie beim Hütchenspiel wird zu fragen sein, unter welcher Schale die Nuss, in welchem Trikot der Spielmacher steckt. Und ob der Torwart nicht ein "falscher Einser" ist, der sich, als hinter die Torlinie zurückgezogener Gestalter, demnächst in den Angriff seiner Mannschaft einschalten wird.

So bringen dauernde Täuschungen große künstlerische Raffinessen ins Spiel. Der Gladbacher Trainer Lucien Favre hat kürzlich über seinen Stürmer Max Kruse gesagt, der könne problemlos "Neuneinhalb" spielen. Was aber ist Neuneinhalb? Wir vermuten, es ist der um einen Halbton erhöhte "klassische Neuner", also der Mittelstürmer alter Prägung, in den der Geist eines Spielmachers gefahren ist. Unversehens wird der moderne Fußball immer komplexer und sozusagen musikalischer. Bald wird man von Dur- und Mollhalbzeiten sprechen. Schon heute hat eine Spitzenmannschaft die Ausdrucksmöglichkeiten eines Sinfonie-Orchesters, und die Rolle des Trainers verwandelt sich in die eines Dirigenten, der kaum noch aufs Spielfeld blickt und sich ansonsten in seine Partitur vertieft.

Das ist alles sehr verwirrend. Dem Trainer Christian Streich, der eigentlich immer recht hat, muss an dieser Stelle doch widersprochen werden: Nur zwölf Stunden täglich an Fußball zu denken wird künftig nicht reichen. Wer etwas werden will im Fußball, wird ihn noch im Schlaf spielen müssen.