Das Fest wurde zum Symbol einer Generation im Aufbruch, zum Versprechen auf die Zukunft. Für den 11. und 12. Oktober 1913 lud der Freideutsche Jugendtag auf den Meißner. Seit dieser "Jahrhundertfeier aller lebensreformerischen Verbände" gilt der Bergrücken in den Grimmschen Landen östlich von Kassel nicht mehr nur als Wohnort der Frau Holle. Zum "Hohen Meißner" aufgewertet, wurde er der bedeutendste Erinnerungsort der Jugendbewegung. Aus diesem Grund wollen im Oktober mehrere freie Jugendbünde und die Pfadfinder erneut hier feiern. Der 100. Jahrestag ist darüber hinaus Anlass für eine große Schau in Nürnbergs Germanischem Nationalmuseum und für etliche weitere Ausstellungen. So präsent war die Jugendbewegung lange nicht mehr.

Damals, 1913, stand sie in ihrer ersten Blüte. Stürmisch klagte sie ihr Recht auf ein "Jugendreich" ein. Es galt Abstand zu halten von den Spießbürgern und Korporierten, Askese und Einfachheit bestimmten das Ideal. Von den patriotischen Massen, die zeitgleich zur Eröffnung des Völkerschlachtdenkmals nach Leipzig strömten, wollte man sich abheben. Der Dramatiker Herbert Eulenberg formulierte dies in einem "Festgruß" für das Meißner-Treffen: "Bringt Humpen und Säbel zur Rumpelkammer, / verjagt den Suff samt dem Katzenjammer / und alles, was Euch verfault und verplundert! / Auf, werdet Menschen von unserm Jahrhundert!"

Mehr als zweitausend Teilnehmer kamen. Trotz des oppositionellen Anspruchs hatte die Versammlung den Zeitgeist auf ihrer Seite. Im Deutschen Reich herrschte ein regelrechter Jugendkult. Es schien, als durchlebe es eine Phase der Adoleszenz, seit Wilhelm II. 1888 – 29-jährig – den Thron bestiegen hatte. Deutschland war jung: 1910 war die Bevölkerung seit der Reichsgründung 1871 um 58 Prozent auf knapp 65 Millionen Menschen gewachsen, das Durchschnittsalter lag bei 23,6 Jahren. Die Lebensumstände – Arbeiten, Wohnen – änderten sich rasant. Technisch, kulturell und sozial befand sich das Land im Bann der Erneuerung. Flexibilität und Dynamik waren gefragte Tugenden.

Blieb der Wunsch nach politischem Wandel, der Lebensreform, Jugend- und Arbeiterbewegung einte. "Mit uns zieht die neue Zeit", fasste der Hamburger Arbeiterdichter (und spätere Nationalsozialist) Hermann Claudius das Lebensgefühl der Jungen in eine bald viel zitierte Zeile. Das konservativ erstarrte System machte das gewonnene Terrain nur attraktiver: Während politische Mitbestimmung versagt blieb, lockerten sich die kulturellen Zügel merklich. "Rauschhaft", urteilt der Historiker Winfried Mogge, "erlebte man die Gemeinschaft, souverän nahm man die Freiräume und Rechte in Besitz, die eine bürgerliche Gesellschaft – teils widerstrebend, teils voller Zukunftshoffnungen – dieser ›neuen Jugend‹ zugestand."

Dabei ließ sich das Fest im Herbst 1913 zunächst unerfreulich an. Es hatte Unstimmigkeiten gegeben zwischen Lebensreformern und Jugendbewegten. Die Reformer befürchteten, das Ganze könne zu einer verspielten "Sonnwendfeier" geraten, die Jugendbünde scheuten programmatische Schwere. Am Vortag waren bei einem Delegiertentreffen die Differenzen offen zutage getreten.

Mancher Linke spottete über die bürgerlichen "Edellatscher"

Mühe hatte es zudem gekostet, die Bedenken der Behörden zu zerstreuen. Das Kleingedruckte einer "Quartiersanweisung" der Organisatoren für "2Plätze im Stroh" mahnt die Teilnehmer: "Verbotene Wege und Forstdickungen dürfen nicht betreten werden. Alkoholgenuß und Rauchen unterbleibt. Übernachten in Zelten oder im Freien ist am Meißner nicht gestattet. Am Sonnabend muß jeder um 11 Uhr abends im Quartier sein."

Der erste Vormittag war verregnet. Trotzdem versammelte sich alles auf den Wiesen. Es gab Wettkämpfe, Tänze, Schauspiel, Singkreise – und Reden. Und genauso ging es in den zweiten Tag; zum Glück ließ sich ab und an die Sonne sehen. Die Reden verrieten "alternativen" Geist; unter anderem sprachen der Reformpädagoge Gustav Wyneken, Ferdinand Avenarius, der Chefredakteur der einflussreichen Kunstzeitschrift Der Kunstwart, und der sozialliberale protestantische Theologe Gottfried Traub aus dem Ruhrgebiet. Vieles war widersprüchlich, eine Mischung aus Vaterlands- und Naturliebe, Aufrufen zu Umkehr und Aufbruch, völkischer Besinnung und allmenschlicher Versöhnung.

Die "Meißnerformel"

Wyneken rief die "Krieger des Lichts" zu den Waffen, ließ aber im Dunkeln, gegen wen sie zu führen seien. Das Motiv stammte aus dem Roman Helmut Harringa des Hamburger Juristen Hermann Popert, dessen Held den Kampf gegen die finsteren Mächte der Zivilisation aufnimmt, allen voran gegen den Alkohol. Popert, ein – so etwas gab es! – völkischer Pazifist jüdischer Herkunft, fabulierte darin eine heute absurd erscheinende Mischung zusammen aus Lebensreform, Humanismus und "nordischen" Versatzstücken. Das Buch wurde ein Bestseller. Popert gehörte auf dem Meißner zu den Vertretern der programmatisch gefestigten Reformverbände. Gemeinsam mit dem ebenfalls pazifistischen Marineoffizier Hans Paasche (der 1919 von rechtsradikalen Militärs ermordet wurde) gab er die Zeitschrift Vortrupp heraus, die auf das Meißner-Treffen großen Einfluss hatte.

Und doch denkt man heute beim Stichwort "Hoher Meißner" vor allem an den Wandervogel. Anfangs hatten die Wandervögel, 1896 gegründet, wenig vom alternativen Air der kommenden Jahre. Sie wanderten in Stadtmontur mit Schülermützen, oft begleitet von Lehrern. Man orientierte sich an den mittelalterlichen Scholaren und fasste das "Auf Fahrt gehen" programmatisch. Allmählich erst wurde aus dem einfachen Wandern eine ästhetische und pädagogische Praxis. Nach Einschätzung des Sozialhistorikers Jürgen Reulecke zeigt sich gerade an der tatkräftigen Unterstützung aufgeschlossener Pädagogen, dass der Wandervogel keineswegs eine "Jugendrevolte gegen die Erwachsenenwelt" war, sondern eine "vorwiegend bildungsbürgerliche Erneuerungsbewegung".

Die jugendbewegte Innerlichkeit, ihre Natur- und Kulturbeflissenheit, blieb denn auch nicht unwidersprochen. "Wer sich von innen her beschaut, / wer Nietzsche liest und Rüben kaut, / was kümmern den die andern? / Juchhu! Wir müssen wandern!", spottete der sozialistische Schriftsteller Erich Weinert über die bürgerlichen "Edellatscher". Aber selbst zukünftige Protagonisten der Linken waren auf dem Meißner dabei: Walter Benjamin zum Beispiel oder Alfred Kurella, der 1913 das Wandervogel Lautenbuch herausgab. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er in die KPD ein, nach dem Zweiten wurde er Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR und Leiter der Kulturabteilung beim ZK der SED.

Doch auch die Wandervögel waren nicht nur gekommen, um zu tanzen und zu feiern. Man war gekommen, um zu bekennen. In der "Meißnerformel" – zum größten Teil wohl verfasst von dem Hamburger Mediziner Knud Ahlborn – schwor man etwas vage "Verantwortung", "innere Wahrhaftigkeit" und unbedingte Geschlossenheit. Konkret war nur der Nachsatz: "Alle Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei." Selten wurde ein Schwur so oft gebrochen.

Fest glaubte man indes an die eigene Autonomie. "Sozialisten und Alldeutsche, Juden und Antisemiten, Mädchen und Antifeministen – alle waren aufrichtig bei der Sache und wollten die Verantwortung für ihre Handlungen tragen", fasst Walter Laqueurs klassische Studie zur Jugendbewegung all die Widersprüche und Selbsttäuschungen zusammen.

Zu den Überraschungen des Meißner-Treffens gehörte es, dass viele Mädchen und Frauen gekommen waren. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende hatte das "Mädchenwandern" begonnen. Eigene Bünde wurden gegründet, Jungen und Mädchen gingen auf "gemischte Wanderfahrt". Im Schnürkorsett war das nicht möglich, zusammen mit der neuen Bewegungsfreiheit kam die "reformierte" Kleidung auf. Manche höhere Tochter begann zu entdecken, dass sich ihr noch andere Möglichkeiten im Leben boten, als Gattin und Mutter zu werden. Zwar blieben die traditionellen Muster letztlich unangetastet, doch gab es jetzt im Umgang der Geschlechter miteinander neue Töne.

Tatsächlich brachte die Jugendbewegung die Emanzipation voran. Es war vor allem ein Ausbruch aus der wilhelminischen Moral des Bürgertums. "Kameradschaft" hieß das Wort – das zugleich die neuen Verhältnisse beruhigend entsexualisierte (wobei man bezweifeln darf, dass diese programmatische Triebsublimation in der Realität glückte). Sexualität blieb beschwiegen. Doch dann kam 1912 Hans Blühers Schrift Der Wandervogel als erotisches Phänomen. Sie brach mit dem heroisch-asexuellen Ideal und wirkte, so schreibt der Historiker Ulrich Linse, wie "ein Blitz, der den Schleier, den man über die Sexualität ausgebreitet hatte, scheinbar brutal zerriß".

Blühers Thesen zur Erotik des "Männerbundes" waren brisant. Der vom Autor beschriebene Jugendführer als Typus inversus, dessen Ausstrahlung auf Jüngere homoerotisch grundiert ist, wurde später – zum Beispiel in den Büchern von Peter Weiss und Günter Grass – zur Genrefigur. Die Verbrämung der Pädophilie zum "pädagogischen Eros" erwies sich allerdings als schwere Hypothek. Gerade die enge Bindung der Kinder an ihre Führer bahnte sexuellem Missbrauch den Weg. Angefangen bei Wyneken bis in jüngste Zeit hinein kam es immer wieder zu Verbrechen. Noch im Skandal um die Odenwaldschule trat zutage, dass eine Reihe der Täter aus Traditionsbünden der Jugendbewegung kamen.

Gerade weil die Bewegung einen Mikrokosmos des Bürgertums bildete, spiegelten sich in ihr alle Dramen der Nation. Das zeigte sich bereits im Schicksalsjahr 1914. Eigentlich hielten die Wandervögel Distanz zu den Jugendwehren, den paramilitärischen Nachwuchsorganisationen der Kriegervereine. Wyneken warnte auf dem Meißner vor einem Waffengang. Noch kurz vor Kriegsbeginn telegrafierten führende Männer der Jugendbewegung an den Kaiser, dieser möge nichts unversucht lassen, das "entsetzliche, menschenunwürdige Verhängnis eines europäischen Krieges" abzuwenden.

Doch dann schien alles vergessen und das weltumarmende Pathos verflogen. Die Welt war eine andere geworden. "In unsere Spiele brach der Krieg", formulierte 1919 Hans Freyer, später weit rechts stehender Soziologe, der auch am Meißner-Treffen teilgenommen hatte. Von der Fahrt in Wald und Wiesen ging es nun auf "Kriegsfahrt", die Wandervögel zogen an die Front. Idealismus und Opferwillen erwiesen sich als brauchbare Haltung für die Heeresleitung. Oft wurde das "Kriegserlebnis" als Fortführung des "Naturerlebnisses" begriffen. So nahm ein junger Wandervogel den Wandel vom Frühhippie zum Frontkämpfer erstaunt zur Kenntnis: "Daß Du derselbe bist, der einmal jeder Mücke sich freute als Teil jener unendlichen Harmonie, deren Schönheit Du allenden erlebtest, und derselbe, der heute andern Menschen das Bajonett in den zuckenden Leib rennt."

Wandervogelromantik und Kriegsbegeisterung

Tausende meldeten sich freiwillig, viele schlugen die Offizierslaufbahn ein. Nach Angaben der Historikerin Gudrun Fiedler war unter ihnen die Verlustquote doppelt so hoch wie bei Offizieren ohne jugendbewegten Hintergrund. Walter Flex umriss 1916 mit seinem Wanderer zwischen beiden Welten das neue Idealbild. Das Buch war heroisch und unreflektiert, es wurde ein Bestseller.

Rasch spannen sich Legenden um den "Feldwandervogel". Tausende Soldaten, darunter viele jugendbewegte junge Männer, seien bei Langemarck in Flandern mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gegen britische Stellungen angerannt. Tatsächlich waren es im November 1914 nicht die "Freiwilligenregimenter der deutschen Jugend", sondern miserabel geführte, kaum ausgebildete und schlecht ausgerüstete Reserveeinheiten, die zum Sturm antraten. Ob die Soldaten tatsächlich noch freudig sangen, bezweifeln Historiker. Gesungen wurde unterdessen zu Hause: "In Flandern reitet der Tod". Das große Sterben galt als Ausdruck der "Hingabe". Durchschnittlich 1.700 Männer fielen täglich an der Ypernfront. Von den 10.000 Wandervögeln, die in den Krieg zogen, kam gut ein Viertel nicht zurück.

Der Krieg markierte den Übergang von der romantischen Verspieltheit der Jahrhundertwende zum "Heroischen Realismus" der Zwanziger. Die Meißner-Jugend hatte sich vom Krieg jenen Zusammenbruch der alten Ordnung erhofft, den ihnen ihre Propheten Nietzsche und Stefan George verkündet hatten. "Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören", schreibt 1919 Hermann Hesse. Auch Demian, Held seines gleichnamigen Romans, ist ein Wandervogeltyp, charismatisch und opferbereit.

Es war nicht nur die Kriegsbegeisterung, in der sich Züge wilhelminischer Mentalität offenbarten. Unter den Augen der Öffentlichkeit hatte man in den Jahren vor dem Meißner-Treffen auch um die Aufnahme von Juden in den Wandervogel gestritten. So schlug den Kindern des assimilierten jüdischen Bürgertums, die sich anschließen wollten, offenes Ressentiment entgegen. Es fand sich eine Strömung, die ihre Gruppen als "rein deutsch" verstand.

Dieser Antisemitismus führte 1907 zur Gründung des jüdischen Wanderbunds Blau-Weiß. Zur Zeit des Meißners kursierte in jugendbewegten Kreisen die Schmähschrift Der "Wandervogel" deutsch!, die mit Material des antisemitischen Reichshammerbundes angereichert war. Auch auf dem Treffen selbst agitierte der "Hammer" – bis namhafte Bundesführer protestierten: "Dem Wandervogel, der jeden Einzelnen vorurteilslos auf seinen inneren Wert prüfen soll", sei "nichts wesensfremder [..] als ein rücksichtsloser Antisemitismus".

Dass dies mehr Wunsch als Realität war, zeigt ein Bericht Walter Benjamins, der zusammen mit Siegfried Bernfeld seinem Mentor Wyneken auf den Meißner gefolgt war. Vor allem Bernfeld, der sich später als Psychoanalytiker einen Namen machen sollte, wurde als Jude angegangen. Enttäuscht notierte Benjamin, dass von einer wirklich "freideutschen" Jugend erst dann gesprochen werden könne, wenn Chauvinismus und Antisemitismus aus ihren Reihen verschwunden seien.

Völkisches Ressentiment macht sich breit

Dazu kam es nicht. Man konnte sich nicht einigen. So wurde 1914 auf dem Bundestag des Wandervogels zwar kein "Arierparagraf" beschlossen, aber auch kein Unvereinbarkeitsbeschluss zur Abwehr der Antisemiten gefasst. Einige Gruppen nahmen Juden auf, andere nicht. Das Neutralitätsgebot in politischen Fragen verhinderte eine echte Abwehr des Rassismus. Eine "Entscheidung durch Nichtentscheidung", wie der Historiker Andreas Winnecken meint, da sich die völkischen Positionen nun mehr und mehr Gehör verschaffen konnten.

Vor diesem Hintergrund gerieten selbst ökologische Ideen ins Zwielicht, Kern der Reform- und Jugendbewegung von Anfang an. Der Philosoph Ludwig Klages steuerte zum Meißner-Fest ein Manifest bei, Mensch und Erde, in dem er den menschlichen "Vernichtungskrieg" gegen die Natur anprangerte. Doch brach sich bei Klages, Verfechter einer neuheidnischen Gedankenwelt, eine modernefeindliche Entfremdungsrhetorik Bahn: Die Natur wird mythisiert, die Welt der Bauern völkisch romantisiert. Ein symptomatischer Fall. Die Generation des Meißners hatte viel bewegt, aber nicht wenige drifteten später, ohne einen Selbstwiderspruch zu verspüren, ins Lager des Nationalsozialismus hinüber. Daher konnte die Geschichtsschreibung des "Dritten Reichs" in ihr "das Gesundungsfieber einer kranken Zeit" sehen.

Hundert Jahre sind ein stolzes Alter für eine Jugendbewegung. Sie hat einen langen und verschlungenen Weg hinter sich. Viele ihrer Forderungen sind Allgemeingut geworden; denn wer plädierte heute nicht für gesunde Ernährung und Sport, für menschenfreundliche, lebensnahe Schulen und einen umfassenden Naturschutz? Andere Ideen erwiesen sich als historische Belastung. Immerhin wurden für das anstehende Jubiläumstreffen im Oktober alle Bünde ausgeschlossen, deren Verhältnis zu den völkischen Wurzeln ungebrochen ist. Nun gilt es für diese Jugendkultur, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte fortzuführen und zwischen Outdoor-Industrie und Eventspektakel einen Platz in der Gegenwart zu finden.