Unsere Musikwelt ist ein riesiger Aufenthaltsraum mit geheimnisvollen Hinterzimmern. Weil sie oft verschlossen sind, geraten ihre Mieter in Vergessenheit. Wenn sich die Türen ausnahmsweise öffnen und die Musik herausdringt, stellt der Saal überrascht sein Lärmen ein: Welche Klangwunder von ungeahnter Schönheit oder Komplexität!

Der US-Amerikaner Harry Partch (1901 bis 1974) lebte lange in einem solchen Hinterzimmer, ein Kauz mit notorisch leerem Geldbeutel, tiefem Misstrauen gegenüber der Gesellschaft und eigenwilligen Vorstellungen von schönem Klang. Das wohltemperierte Tonsystem hielt er für schmutzig, weil sein feines Ohr einige Intervalle stets als notwendigerweise verstimmt hörte. Das müsse nicht sein, fand Partch und ertüftelte ein 43-stufiges Tonsystem, das herkömmliche Instrumente zur Unbrauchbarkeit verdammte. Dieses war der erste Streich. Sodann begann Projektentwickler Partch mit dem Bau eines einzigartigen klingenden Fuhrparks, hier ein Marimbafon-Monster, dort eine mysteriös rauschende Zither, hier ein Harmonium mit rätselhaft nummerierten Tasten, dort eine neu intonierte Gitarre, dazu windschiefe Gongs, Holzblöcke, Flöten, Becken, Rasseln, Maultrommeln.

Der letzte Schritt zur Dreifaltigkeit des Harry Partch: Er begann für diese Privatmusikwelt zu komponieren, ungestüme, rituelle, subtil ironische Musiktheaterstücke zwischen Ödipus und nordamerikanischem Vagabundenleben. Aufführen konnten sie natürlich nur er selbst und ein Häuflein Eingeweihter. Als Harry Partch starb, wurde es noch ruhiger um ihn und seine Musik. Ohne Meister keine Schüler, keine Konzerte, kein Publikum, kein Nachruhm. Wer sich allerdings mit Partch und seinen Platten und theoretischen Schriften beschäftigte, dem dämmerte schnell: Dieser Mann war ein Titan. György Ligeti zählte zu seinen Verehrern.

Delusion of the Fury (Wahn der Raserei) aus dem Jahr 1969 gilt als Harry Partchs unbekanntes spätes Meisterwerk, eine Art szenisches Oratorium in zwei Akten. Jetzt ging die Tür auf, und es gelangte tatsächlich in den Aufenthaltsraum der musikalischen Moderne, erstmals in Europa und mit einem sagenhaften Aufwand, für den fast nur ein Festival wie die Ruhrtriennale die Lizenz, Kompetenz und Räumlichkeiten besitzt. Das Ensemble MusikFabrik hat mit seinem Oberbastler Thomas Meixner die Instrumente persönlich nachgebaut, inklusive des mikrotonalen Kleingedruckten, einer Arbeit zwischen Selbstverleugnung, angewandter Physik und akustischer Himalaya-Expedition. Das Ergebnis ist sensationell, in der Bochumer Jahrhunderthalle haut Partchs Musik das Publikum beinahe um.


Sie klingt raffiniert – etwa im Chorus of Shadows wie reines e-Moll, das über flachste und kürzeste Treppenstufen in harmonische Parallelräume wechselt, es ist fast ein Gleiten ins Fremde, das hier aber nie fern zu liegen scheint. Gleich rutscht die Musik wieder weiter ins Reine, vorangetrieben von einem stets anwesenden rhythmisch-metrischen Impuls. Diese Musik liegt außerhalb aller musikalischen Koordinaten; bisweilen scheint es, als träfen sich Edgard Varèse, Iannis Xenakis, Carl Orff und Steve Reich in einem imaginären Fluchtpunkt.