Rüdiger Safranski : Verliebt in Goethe

Rüdiger Safranskis hinreißende Biografie feiert den Klassiker für das Kunstwerk seines gelingenden Lebens.

Das Verhältnis eines Landes zu seinen Klassikern zeichnet ein gutes Bild vom Geist einer Epoche. Was verrät es zum Beispiel über das späte 19. Jahrhundert, dass von den beiden Dioskuren Schiller weit höher im Kurs stand als Goethe? Im deutschen Patriotismus seiner Zeit sah Goethe vor allem einen Massenwahn, und es scherte ihn wenig, dass seine Landsleute ihn für einen Verräter hielten, weil er demonstrativ zu Napoleon hielt, der gerade die deutschen Lande verwüstet hatte, aber dem Weimarer Dichter bei einer persönlichen Begegnung in Erfurt geschmeichelt und ihm anschließend den Orden der Ehrenlegion verliehen hatte. Dieser Goethe, der auf dem nationalen Ohr so taub war, taugte nicht zum Übervater des Bismarck-Reiches. Überhaupt gilt: Man verehrte Goethe, aber um ihn war auch immer eine gewisse Kälte, Arroganz und Steifheit, mit der er sich allzu kollektiven Gemeinschaftsfreuden entzog.

In meiner Jugend und noch weit hinein in meine Studienjahre in den Neunzigern galt vom Dichterfürsten vor allem eines: Man hatte ihn gefälligst vom Sockel herunterzuholen. Diesen Satz hatte ich tausendmal gehört, auch immer brav dazu genickt und beigepflichtet, jawohl, vom Sockel runterholen, natürlich. Bis mir irgendwann ein böser Verdacht kam: Recht besehen hatte ich, solang ich denken konnte, noch nie und nirgends einen Sockel gesehen! Ich lebte eigentlich in einer total sockelfreien Zone. Niemand schüchterte einen ein mit Klassikerzitaten über das Wahre, Schöne und Gute. Stattdessen wurde Goethe und sein Werk "hinterfragt". Man wies ihm latente Homosexualität nach ("Selig, wer sich vor der Welt / Ohne Haß verschließt, / Einen Freund am Busen hält / Und mit dem genießt" – ha!), schmökerte in den Paralipomena zur Walpurgisnacht im Faust ("Seid reinlich bey Tage / Und säuisch bey Nacht / So habt ihrs auf Erden / Am weitsten gebracht") und warf Goethe Machtopportunismus vor, weil er sich nicht nur im Falle seines Sturm-und-Drang-Jugendfreundes Lenz für die Institution und gegen das Individuum entschied. "Es liegt nun einmal in meiner Natur, ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als eine Unordnung ertragen." Wie oft haben unsere antiautoritären Lehrer Goethe diesen Satz unter diese Nase gerieben!

Rüdiger Safranski ist der große Porträtist der deutschen Geistesgeschichte. Seine Biografien sind immer anschaulich und elegant, ohne den intellektuellen Kern ihres Gegenstandes je zu verkleinern. So gelingt es ihm ein ums andere Mal, die große literarisch-philosophische Erzählung Deutschlands für ein gegenwärtiges Publikum lebendig zu halten. Von der Romantik kommend mit einer vorzüglichen E.T.A.-Hoffmann-Biografie, hat er über Schopenhauer, Heidegger und Nietzsche geschrieben, um sich sodann der Klassik zu nähern: mit einer Schiller-Biografie und zuletzt einer Monografie über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller.

Jetzt hat Safranski eine Biografie Goethes vorgelegt – und abgesehen davon, dass sie erneut glänzend geschrieben ist, erfreut und überrascht sie vor allem dadurch, dass sie gerade nicht mit irgendeiner "Entdeckung" überraschen will: Es werden keine Abgründe aufgetan, Goethe wird weder demaskiert noch pathologisiert, auch sucht man vergebens jenen stereotypen Satz, den heutzutage sonst alle Biografen von ihrem Gegenstand behaupten, nämlich dass dieser viel "ambivalenter" oder "gebrochener" sei.

Oder ist vielleicht genau dies die allerneueste Stimmung im Westen? Nach Jahrzehnten der Dekonstruktion erfreuen wir uns jetzt wieder an der Einheit des gelingenden Lebens. Und keiner hat diese Einheit größer und vollständiger ausgefüllt als Goethe.

Ausgerechnet jene Seiten, die man Goethe im Nachgang von 1968 vor allem vorwarf, nämlich seine höfische Ambition, seine Neigung zum Zeremoniell, sein antirevolutionärer Affekt, sein evolutionäres Weltbild (Goethe verstand sich als Neptunist, im Gegensatz zu den Vulkanisten; er glaubte an die langsame Erdentstehung durch die Einwirkung der Meere, nicht an die plötzlichen Eruptionen der Vulkane) – kurz, all diese Eigenschaften, die ihn einst als restaurativen Finsterling entlarven sollten, zählen nun bei Safranski gerade zu seinen eindrucksvollsten Charakterzügen. Denn sie alle legen Zeugnis ab von seinem eminenten Wirklichkeitssinn. Goethe war nie bereit, für die Reinheit der Ideen die realen Phänomene zu opfern. Der schiere Moralismus, der sich nicht in der Realität bewähren muss und zu der typischen Großsprecherei der Literaten führt, war ihm verhasst.

"Der Handelnde", schreibt Goethe mit mephistophelischer Abgeklärtheit, "ist immer gewissenlos, es hat niemand Gewissen als der Betrachtende." Doch ein nur Betrachtender wollte Goethe nie sein. Sein höchster Begriff war: Tätigkeit. Tätig sein und Teilnahme war sein Mittel gegen alle melancholischen Anflüge, die er natürlich auch kannte. Aber er ließ dem Verdruss und der Verzagtheit, er ließ der Weltverneinung nie das letzte Wort. Wie sagt der Türmer in Faust II? "Ihr glücklichen Augen, / Was je ihr gesehn, / Es sei wie es wolle, / Es war doch so schön!"

Vermutlich gefällt uns das jüngste Biografiewerk aus Rüdiger Safranskis Feder auch deswegen so ungemein gut, weil wir seinen Blick auf Goethe aus vollem Herzen teilen. Safranski berichtet, dass Goethe eine Zeit lang einen Dolch auf dem Nachttisch liegen hatte, weil ihn Selbstmordgedanken quälten. Das war, bevor er den Werther, den Roman eines Selbstmörders, schrieb. Er hat seinen Lebensekel dann, auch schreibend, erfolgreich überwunden. Im Rückblick spricht Goethe von einer "Krankheit" – und das ist ihm so wichtig, wie Safranski pointiert ausführt, weil die Ursache einer Krankheit im Subjekt liegt, nicht in der Welt. Die Schwermut war damals eine verbreitete literarische Mode, man gab sich gerne den Hamlet-Gefühlen hin. Goethe, schreibt Safranski, habe sich dagegen gewehrt, dass "der Ekel zum Erkenntnisorgan aufgewertet wird. Der Ekel, so lehrt eine traurige Philosophie und Ästhetik, gibt Auskunft über die angeblich wahre, nämlich nichtswürdige Natur des Lebens. Mit anderen Worten: Der Ekel hat Recht. Das nun ist genau die Position, der sich Goethe in den späteren Jahren keineswegs anschließen will. Bloß keine Verurteilung des Lebens!"

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Bedrohung des Selbstwertgefühls

Historische Figuren können nur aus ihrer Zeit heraus verstanden werden. Sie zu verdammen, weil sie heute aktuellen Maßstäben nicht entsprechen, gehört zu den entlarvenden und verdammenswürdigen Manien einiger unserer Zeitgenossen. In Bildern "gelingenden Lebens" sehen sie verzerrt ihre eigene Existenz gespiegelt - und das kann ihnen nicht gefallen.

Die Goethe-Zeit ist heute weit entfernt und fremd, seine Werke sind kaum noch präsent. Einfach zu behaupten, daß Goethe ein großer Mann war und daß deshalb seine Gedichte nachgebetet werden müßten, das wäre in der Tat Götzendienst. Aber im Rahmen einer Biographie aufzuzeigen, wie er schon zu Lebzeiten zu einer europaweit bedeutenden Gestalt werden konnte und zu einer Inspirationsquelle für Generationen, das ist ein Dienst am Mitmenschen. Vielleicht sollte sich Safranski als nächstes Beuys vornehmen. Dank der Reliquien seiner Aktionen, die in vielen Museen vor sich hingammeln, erscheint er vielen Menschen nur als der Große Scharlatan. Beuys war ein Künstler, aber vieles aus seiner Hinterlassenschaft ist genauso wenig Kunst wie die Palette von Renoir. Eine gute Biographie könnte ihn in das richtige Licht rücken.

Longfellow (1839): "Lives of great men all remind us, We can make our lives sublime, And departing, leave behind us Footprints on the sands of time; Footprints, that perhaps another, Sailing o'er life's solemn main, A forlorn and shipwrecked brother, Seeing, shall take heart again."