ChristentumWas glaubt ihr denn wirklich?

Mit den Zweifeln des Historikers: Kurt Flasch führt den Christen von heute ihre Unkenntnis vor. von Otto Kallscheuer

© C.H. Beck

Muss man heute noch Wahrheitsfragen an die christliche Tradition stellen?

Selbstverständlich ist das überhaupt nicht. Wahrheit ist der Job der Philosophie – nicht erst im modernen Abendland. Aber erst durch philosophische Reflexion war in den ersten zwei, drei Jahrhunderten nach der Hinrichtung des dissidenten jüdischen Wanderpropheten aus Nazareth namens Jesus die Lehre seiner Nachfolger zur missionarischen Doktrin geworden, mit der sich dann auch Weltreiche kritisieren und rationalisieren ließen.

Anzeige

Auch der "Äternismus" – will sagen: alles Ewigkeitsdenken – in der Gotteslehre ist historisches Produkt. Und das weiß in Deutschland niemand besser als Kurt Flasch, der große Historiker des Denkens in Antike und Mittelalter. Lesende können seit Jahrzehnten bei ihm lernen, wie (geologisch) durchwachsen und (genealogisch) inkohärent der Grund unseres ehedem christlichen Abendlandes beschaffen ist. Unter jedem vermeintlich gewissen Begriff der Neuzeit entdeckt der historische Philologe andere, ältere Tiefenschichten. Auf den bloßen Augenschein oder den erhabenen Wortsinn darf man sich nach Kurt Flasch nie verlassen. Gerade in Glaubensfragen nicht!

Dass etwa der einzige Gott auch der wahre sein muss, klingt heute selbstverständlich, war es aber über Jahrhunderte überhaupt nicht. Dazu musste schließlich das aus der Philosophie stammende Konzept des einen und – weil unveränderlichen – wahren Seins erst einmal in eine völlig andere Sphäre importiert werden, die des Gottesdienstes.

Für platonische oder stoische Denker des hellenistischen Kulturraums und Römischen Reiches hatte das eine (das wahre Denken) mit dem anderen (dem frommen Stadtkult oder der persönlichen Suche nach Heilung) gar nichts gemein. Erst aus ihrer Kombination konnte die Vorstellung einer Frömmigkeit erwachsen, die wahrheitsfähig ist: der Verehrung des wahren Gottes. Kurt Flasch sieht in dieser zunächst höchst erfolgreichen, spezifisch christlichen Eintragung des philosophischen Gottesbegriffs in die spätantike Kult- und Religionskonkurrenz freilich ebenso – auf die lange Sicht – "ein trojanisches Pferd in der Gottesstadt". Denn die Wahrheitsenergie dieses Gottesbegriffs arbeitet weiter. Am Ende – "heute", das heißt seit gut zwei Jahrhunderten – kommt der überkommene Glaube an den väterlichen Erlösergott und den Heiland, seinen eingeborenen Sohn, in Schwierigkeiten. Um nicht zu sagen: in Teufels Küche.

Davon handelt Kurt Flaschs neues, recht persönliches Buch. Es zeigt, wie seine professionelle Skepsis auch vor den eigenen Überzeugungen nicht haltmacht. So ist der beste deutsche Kenner des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Christentums heute kein Christ mehr. Doch ihn treibt weder drewermännische Ranküne noch neoatheistische Bekehrungswut – übermäßig geschädigt wurde er von seiner Kirche nicht. Die Leser erfahren von einer rheinisch-katholischen Jugend im Krieg, von Bibliothekaren und Kaplänen, Pfarrern und Professoren, mit denen Flasch lesen und denken lernte. Aber er schreibt keine Autobiografie, auch kein Denktagebuch.

Die Bilanzierung des im Laufe der Jahre gewachsenen Unbehagens an dem Wahrheitsanspruch der kirchlichen Verkündigung ist nicht in allen Teilen literarisch gelungen. Da findet sich eine ermüdende Zeugenvernahme der als Tatsachenrekonstruktion bekanntermaßen recht unglaubwürdigen Evangelienberichte über Jesu Auferstehung ... man mag sie überspringen. Auch die demonstrativ heitere Gelassenheit des Zweiflers Flasch überzeugt nur halb. Ironie gegenüber manch übernatürlichem Unsinn aus der christlichen Dogmengeschichte mischt sich mit Empörung, Pedanterie mit einem Schuss Melancholie. Denn die Christenheit war auch eine Heimat.

Viele Wohnungen gab es im Hause des Herrn. (Fast) alle Bewohner nahmen teil an den kirchlichen Lebensabschnittsfeiern und Sakramenten – Taufe und Kommunion, Firmung oder Konfirmation, Hochzeit und Begräbnis. Biblisch gezeichnet war das Kirchenjahr; zum Himmel offen waren Dörfer und Städte; Kirchtürme und Patronatsfeste, Bischofssitze und Wallfahrtsorte verorteten die engere und weitere Heimat in der Geschichte des Heils.

Im Hinterhof des christlichen Abendlandes spielten Gotteskinder aller Bekenntnisse – im Treppenhaus herrschte ein beständiges Auf und Ab. Nur die Treppen nach unten mied man, abgesperrt waren die finsteren Keller voller Leichen und Gespenster (Inquisition und Judenhass, Exorzismus und Hexenverfolgung). In den lichten oberen Etagen des Abendlandes hingegen wurde der gemeinsame Glaube weiter raffiniert, professionalisiert, kodifiziert – und vervielfältigte sich: Immer mehr Schulen und Seilschaften, Systematiker und Seelsorger, Intellektuelle und Professoren, Kleriker und Dogmatiker stritten über die Hausordnung. Einige Parteien waren seit Jahrhunderten über Kreuz. Die Kontroversen zwischen den Konfessionen schwelten auch in ihren ökumenischen Kompromissen weiter; innerhalb jeder Kirche herrscht Zwist zwischen Liberalen und Konservativen, zwischen Linken und Rechten, zwischen Hirten und Denkern.

Und dennoch war das in sich so uneinige christliche Abendland ein Haus. Sogar noch (oder erst recht wieder) nach zwei verdammt gottlosen Weltkriegen christlicher Nationen. Die mehr als nur gefühlte, sondern jeden Sonntag rituell neu vollzogene Gemeinschaft war wohl bei Katholiken mit mehr Lebenswelt getränkt als unter Protestanten – die mochten sich dafür per Revanche auf ihre höhere Gewissenhaftigkeit berufen.

Theologisch kohärent ist dieses Zusammenwohnen recht verschiedener Welt- und Sinnbilder im europäischen Christentum seit gut zwei Jahrhunderten nicht mehr. Aber das stört die meisten Hausbewohner überhaupt nicht. Schlimmer, sie kennen die Vielgestalt einander widersprechender Christenlehren gar nicht mehr. Und beides: dass wir unseren Glauben nicht kennen und dass wir keinerlei Anstoß an all seiner (theo)logischen Widersprüchlichkeit nehmen – beides stört Kurt Flasch ganz ungemein.

Leserkommentare
  1. Zu dem Absatz: "Und schweigt gefälligst vom Islam, vom Buddhismus und von anderen fremden Glaubenslehren! Es sei denn, ihr "studiert die Dokumente dieser Religionen in Originalsprache"."

    Ich neige dazu, andere Religionen nicht nach ihrer heiligen Schrift zu beurteilen, sondern danach, was ihre Anhänger aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich neige nicht dazu, Religionen danach zu beurteilen, was ihre Anhänger aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen. Ich neige dazu, Religionsanhänger danach zu beurteilen, was sie aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen. Oder was sie sonstwo gelesen zu haben glauben. Oder gelesen haben. Oder was sie einfach so tun. Und Atheisten auch.

    "Ich neige dazu, andere Religionen nicht nach ihrer heiligen Schrift zu beurteilen, sondern danach, was ihre Anhänger aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen."

    Dann dürfen Sie sich aber auch keine Rückschlüsse vom Verhalten der Anhänger auf das Wesen des Islams/Buddhismus/etc. erlauben. Wer die Hauptaussagen und Kernthemen einer Religion erforschen möchte, sollte sich mit der Geschichte und den verschiedenen Denkströmungen befassen. Das geht umso tiefer, je mehr man die zentralen Texte in den Originalsprachen verstehen kann. Es ist interessant und lohnt sich auf alle Fälle. Nicht zuletzt deshalb, weil man hinterher auch die interne Logik der heutigen Anhänger (und die Engstirnigkeit der Fanatiker) eher versteht bzw. dagegen mit Argumenten angehen kann.

    Religion und Anhängerschaft verhalten sich zueinander wie Nachricht und der Übermittler, der die Nachricht zwar überbringen kann, aber sich dennoch nicht daran halten muss. Siehe Christianisierung in Lateinamerika.

    Ich neige dazu, Weine nach ihren Betrunkenen zu beurteilen.

    • Azenion
    • 11. September 2013 17:35 Uhr

    Die Neigung von Schriftgelehrten, den Gläubigen aller Religionen erklären zu wollen, was sie zu glauben haben, ist ein Greuel.
    Es ist ja nicht so, daß es eine Wahrheit in der Religion gäbe, die man mit Mitteln der Wissenschaft ("Theologie") herausfinden könnte!

    Jeder persönliche (Aber-)Glaube ist so gut wie der nächste.

    Wenn z.B. Christen an die Wundertätigkeit von Gnadenbildern glauben, dann ist genau das (eine Spielart des) Christentum(s), unabhängig davon, was in der Bibel steht, oder was ein Theologe davon hält. Und wenn irgendwelche Fanatiker glauben, sie müßten zur Ehre Gottes Ungläubige ermorden, dann ist genau das deren Religion, und die ist nicht richtiger oder falscher als alle anderen.

    kommt das Christentum bei Ausübung Ihrer Neigung dann so weg?

  2. Ich neige nicht dazu, Religionen danach zu beurteilen, was ihre Anhänger aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen. Ich neige dazu, Religionsanhänger danach zu beurteilen, was sie aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen. Oder was sie sonstwo gelesen zu haben glauben. Oder gelesen haben. Oder was sie einfach so tun. Und Atheisten auch.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Andere Religionen"
  3. ...aber hätte man den Artikel statt in endlosen Metaphern nicht ein wenig klarer formulieren können? Hier reihen sich Bandwurmsätze aneinander, nur von Kommaorgien unterteilt... Grauenhafter Stil.

    Schade, denn das Thema an sich erscheint mir interessant.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich sehe das ähnlich. Hätte ich mich zu Schulzeiten so geäußert, dann hätte mein Lehrer nach drei Sätzen Schluss gemacht, alles durchgestrichen und mit "mangelhaft" bewertet. Jeder Leitfaden zum guten Schreiben legt einem Nahe solche Sätze zu vermeiden. Dass der Autor sie trotzdem verwendet, ist nicht damit entschuldbar, dass es sich um einen Intellektuellen handelt. Gerade als Intellektueller sollte man auf die Idee kommen, dass wenn man sich in einem Medium ausdrückt, das eine breite Masse von Menschen erreicht, dann auch möglichst ihre Sprache sprechen sollte. Kommunikationswissenschaften, erstes Semester. Wenn man das missachtet, dann muss man in Kauf nehmen für arrogant gehalten zu werden. Dummheit schließe ich in dem Falle mal aus.

    • isback
    • 11. September 2013 16:51 Uhr

    ... was unser Leben erleichtert, verlängert, verschönt, gefährdet usw. ist Ergebnis des Strebens nach gesicherter Erkenntnis der letzten 300 Jahre.

    Religion und andere metaphysische Betrachtungen treiben in Stagnation, oft genug auch Regression.

    Was die Religion noch als individualisierten Aberglauben am Leben erhält, ist ihre Antwort auf die Angst des Menschen vor dem Tod.
    Dürftig wie die ausgefallen ist, nicht mehr lange.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat: "alles.. was unser Leben erleichtert, verlängert, verschönt, gefährdet usw. ist Ergebnis des Strebens nach gesicherter Erkenntnis der letzten 300 Jahre."

    Pardon, diese These klingt aber allzu sehr nach einer "Arroganz der Moderne".

    Nach dem, was ich gelernt habe respektive mir nach der Schule noch angeeignet habe, gründet sich "das Streben nach gesicherter Erkenntnis der letzten 300 Jahre" vielfach auf die geistige Vorarbeit von Menschen in Europa und außerhalb während vieler Jahrtausende davor.

    Ich vermute, Sie haben aus einer eurozentrischen, mitteleuropäischen Sicht eine Abrenzung der Aufklärung zu dem vom katholischen Diktat verordneten relativen geistigen Stillstand des Mittelalters in Mitteleuropa vornehmen wollen.

    Wir sollten nicht vergessen, daß die Leistungen vieler Kulturen, die lange vor dem Christentum existierten, wesentliche Grundlagen in Wissenschaft und Philosophie geschaffen haben, auf die erst die Moderne aufbauen konnte.

    • Zynix
    • 11. September 2013 20:40 Uhr

    Linear oder logistisch? Oder meinten Sie gar Rezession.

  4. "Ich neige dazu, andere Religionen nicht nach ihrer heiligen Schrift zu beurteilen, sondern danach, was ihre Anhänger aus dem, was sie in ihrer heiligen Schrift gelesen zu haben glauben, machen."

    Dann dürfen Sie sich aber auch keine Rückschlüsse vom Verhalten der Anhänger auf das Wesen des Islams/Buddhismus/etc. erlauben. Wer die Hauptaussagen und Kernthemen einer Religion erforschen möchte, sollte sich mit der Geschichte und den verschiedenen Denkströmungen befassen. Das geht umso tiefer, je mehr man die zentralen Texte in den Originalsprachen verstehen kann. Es ist interessant und lohnt sich auf alle Fälle. Nicht zuletzt deshalb, weil man hinterher auch die interne Logik der heutigen Anhänger (und die Engstirnigkeit der Fanatiker) eher versteht bzw. dagegen mit Argumenten angehen kann.

    Religion und Anhängerschaft verhalten sich zueinander wie Nachricht und der Übermittler, der die Nachricht zwar überbringen kann, aber sich dennoch nicht daran halten muss. Siehe Christianisierung in Lateinamerika.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Andere Religionen"
  5. Der "Sprung" ein Kierkegaard Zitat, den mag also Flasch nicht, wird hier dargelegt, aber die schönen Kirchenfenster und Bilder in gotischen Kirchen...

    Aufgehoben in einer märchenhaften Bilderwelt, die von Protestanten aus Kirchen bewußt entfernt wurde.

    Oh mann, vielleicht ist Religion ja wirklich nur Kindheit, Gewöhnung und Mutter zugleich,

    denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr und

    und man hat es eben mit der Muttermilch eingeflößt bekommen,

    die Formen des Glaubens.

    Gut das es noch Menschen gibt die beides zu schätzen wissen:

    offene katholische Kirchen, die mit Schmuck und Kerzenlicht zur Andacht einladen

    protestantische Schwesterkirchen, die nur Sonntags geöffnet, aber dafür mit viel Orgelmusik und viel "Wortgetöse" Gottesdienste feiern!

  6. Für den Glauben, den sich die meisten heute aus religiösen Versatzstücken selbst zusammen basteln und der noch als Christentum durchgeht, hätte man in früheren Jahrhunderten auf dem Scheiterhaufen gebrannt. Wir leben also in Wahrheit in einer Art post-christlicher Gesellschaft, in der die Kirchen noch von den diffusen Bedürfnissen nach religiösen Gefühlen leben. Die Berufung auf christliche Traditionen geht häufig auch ins Leere, da viele der Rituale im Kern heidnisch sind. Wahrscheinlich definieren sich viele Menschen mehr in Abgrenzung zu anderen Religionen und Kulturen als christlich als sie dies innerhalb ihres eigenen Kulturkreises tun würden. Die Sichtweise westlicher Gesellschaften als christlich ist in Teilen auch eine Fremdzuweisung durch Anhänger anderer Religionen. In Wirklichkeit ist diese Gesellschaft bereits weitestgehend säkular, und die Bruchlinie verläuft eher zwischen Religion und säkularer Lebensweise. Dabei fallen Atheisten und Agnostiker seltener durch aggressives Verhalten gegenüber religiösen auf als umgekehrt. Die ketzerische Lehre aus den Zweifeln an religiösen Heilslehren wurde auf Bussen in London zusammengefasst: "There is probably no god, so stop worrying and enjoy life."

    8 Leserempfehlungen
  7. Ich neige dazu, Weine nach ihren Betrunkenen zu beurteilen.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Andere Religionen"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Glaube | Christentum | Sachbuch | Jesus | Exorzismus
Service