Mediziner-Alltag : Forscher, Facharzt und Vater

Der Klinikarzt Philipp Steven möchte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.

Eine Patientin sitzt vor Philipp Steven auf dem Behandlungsstuhl und wippt mit den Füßen. Sie verschränkt die Finger, löst sie wieder. Zwischen Augentropfen und Untersuchung platzt es aus ihr heraus: "Ich will Ihrer Kollegin nicht auf die Füße treten. Die hat sich ja sehr bemüht!" Doch weil die Patientin immer noch zu wenig Tränenflüssigkeit hat und ihre Hausärztin ihr nicht weiterhelfen konnte, ist sie nun doch zu Steven in die Uni-Klinik Köln zur Spezialsprechstunde "Trockenes Auge" gekommen. Der Augenarzt verordnet ein Mittel, das auf dem deutschen Markt noch nicht zugelassen ist. "Ich muss Sie über die Risiken aufklären", sagt Steven, "das Mittel läuft noch off label."

Dennoch kennt Steven die Wirkung des Präparats genau. Im Rahmen von klinischen Studien arbeitet der 37-Jährige mit dem neuen Mittel, das er seiner Patientin bereits empfohlen hat, an einer Therapie gegen Entzündungen. Er experimentiert mit Labormäusen und entwickelt Messmethoden. Die Menschen wollen Ärzte, die forschen, meint Steven. Und er selbst will das auch. Er braucht Abwechslung. "Fünf Tage am Stück nur Patienten zu sehen, das wäre nichts für mich", sagt er.

Jahrelang hat Steven nach einer Nische gesucht, in der er forschen und praktizieren kann. Und nach einem Chef, der ihn darin unterstützt. Jetzt ist er eine Art forschender Facharzt – ein Stellenprofil, das in den USA als Clinical Scientist bekannt ist, das es aber in Deutschland nicht gibt. Steven hat nun eine halbe Stelle in der Klinik, den Rest der Zeit widmet er sich der Forschung und wird dafür von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einem Stipendium unterstützt. Nun fühlt er sich zum ersten Mal frei in seinem Job. Vor allem aber weiß er, dass vieles möglich ist, wenn man richtig will. Längst hat er ein neues Ziel gefunden, für das er sich einsetzt: Die Vereinbarkeit von Wissenschaft, Klinik und Familie. So lautet auch der Titel eines Symposiums, das er bei einer Konferenz der Gesellschaft für Augenheilkunde leitet.

Schon in den vergangenen Jahren hat er beobachtet, wie Kolleginnen auf dem Abstellgleis landeten, sobald sie von ihrer Schwangerschaft erzählten, oder wie Oberärztinnen aus Karrieregründen kinderlos geblieben sind. Er hat mit Ärzten gesprochen, die darüber klagten, dass sie kaum Zeit für ihre Kinder hätten. Nicht nur in der Augenheilkunde ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem, auch Chirurgen, Neurologen, Frauenärzte kennen das Dilemma. Jetzt ist Steven selber in der Situation: Ende August ist er zum ersten Mal Vater geworden.

Weil er Probleme gern früh anpackt, hat Steven bereits vor zwei Jahren eine Initiative ins Leben gerufen, die in Form eines Handlungsleitfadens für Uni-Kliniken praktische Antworten auf die Frage geben will: Wie kriegt man Wissenschaft, Klinik und Familie unter einen Hut? Um Ideen zu sammeln, traf er sich nicht nur mit Kollegen, sondern sprach auch mit Unternehmern, Soziologen und Werbeleuten. Er wollte unterschiedliche Perspektiven auf das Thema bekommen. Und auch Fragen der Arbeitgeberseite einbeziehen, etwa: Wie viele Angestellte in Teilzeit kann ein Unternehmer, der ein ganzes Klinikum zu verwalten hat, verkraften?

Im Frühjahr fand dann, finanziell unterstützt von der Hanns Martin Schleyer-Stiftung, ein Kolloquium in Berlin statt, bei dem 40 Ärzte und Experten aus verschiedenen Fachbereichen Reformvorschläge erarbeiteten.

Auf der Agenda von Stevens Initiative stand danach unter anderem, Führungspositionen in Teilzeit durchzusetzen. Meistens arbeiten Oberärzte in Vollzeit – für fast jeden, der Familie hat, ist das schon ein Ausschlusskriterium, sagt Steven: "Da wurde auf den Workshops von vielen Ärzten der Wunsch geäußert, dass sich das ändert." Ein weiterer Punkt ist: Wer kümmert sich um Betreuungsangebote? An den meisten Kliniken gibt es zwar Kitas für den Nachwuchs der Mitarbeiter. Die sind bloß oft hoffnungslos überfüllt oder entsprechen nicht unbedingt den Arbeitszeiten von Klinikärzten. "Wir arbeiten ja rund um die Uhr", sagt Steven. Sein Vorschlag: Kinderbetreuung und Teilzeit werden aneinander gekoppelt, vorausschauend geplant und gerecht vergeben.

Viele der Punkte laufen darauf hinaus, dass sich die Kultur in den Kliniken ändern muss. Und dass das Umdenken dort stattfinden muss, wo Entscheidungen getroffen werden: bei den Personalverantwortlichen, bei den Chefärzten, im Unternehmensvorstand.

In der Praxis ist der Wandel längst angekommen: Es gibt immer mehr Ärztinnen, gleichzeitig nehmen auch männliche Kollegen häufiger Elternzeit. Die Entwicklung führt dazu, dass die Frage nach der Vereinbarkeit drängender wird. Lange hatten die Chefs kein Interesse daran, etwas an den Strukturen zu ändern, jetzt zwingt sie die Notwendigkeit.

Claus Cursiefen, Direktor der Augenheilkunde an der Uni-Klinik Köln und Chef von Philipp Steven, erkennt einen Mentalitätswechsel bei den Nachwuchswissenschaftlern: Früher hätten Ärzte deutlich über die vorgeschriebene Zeit hinaus gearbeitet und dafür Einbußen im Privatleben hingenommen. "Als ich Assistenzarzt war, hieß es: Teilzeitstellen gibt’s nicht. Punkt", sagt Cursiefen, "die heutige Generation von Ärzten aber ist nicht bereit, auf alles andere zu verzichten." Kombiniert mit der Entwicklung, dass die Medizin weiblicher werde, reagiere man jetzt auch strukturell, Teilzeitangebote seien eine Möglichkeit. In der Augenheilkunde an der UK Köln arbeiten von 35 Ärzten bereits vier in reduzierter Stundenzahl.

Nur: Klinikalltag ist schwer planbar. "Was passiert, wenn mittags ein neuer Patient vor der Tür steht, ein Notfall", sagt Claus Cursiefen, "der Arzt oder die Ärztin muss aber weg?" Vor dem Hintergrund, dass an Uni-Kliniken noch die Forschung dazukommt, stellt das die Hochschulmedizin langfristig vor die Frage: Wie viel können wir leisten?

Es muss sich etwas ändern, da sind sich Steven und seine Vorgesetzten einig. Andernfalls wird sich das Problem zuspitzen in einem Berufsstand, der jetzt schon mit Nachwuchsproblemen und Überbelastung zu kämpfen hat. An die 60 Vorschläge stehen auf der Agenda von Stevens Initiative. Im nächsten Jahr sollen sie publiziert und an Hochschulen und Kliniken verschickt werden.

"Mutige Kliniken müssen vorangehen", sagt Philipp Steven. Er ist optimistisch, dass sich etwas tut. Bis es so weit ist, bastelt er sich seine eigene Lösung. Damit er Elternzeit nehmen kann, hat er frühzeitig angefangen, für die Spezialsprechstunde an der Uni-Klinik Köln eine andere Ärztin einzuarbeiten. Und auch im Labor hat er seine Kollegin, eine Biologin, so gebrieft, dass er zunächst selbst nicht so oft präsent sein muss. Alles andere, sagt Steven, könne man nicht planen. Jetzt bestimmt erst mal sein Sohn den Tagesablauf.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Geht das Gejammer der Ärzte wieder los.

Kürzlich sah ich während der S-Bahn-Fahrt auf mehreren Stationen Jammerplakate, auf den beklagt wird, wie diese bestbezahlte Kaste vom Aussterben bedroht wird.
Ich sage nur, „Gibt ihnen mehr Geld“, dann hört das Gejammer auf.
Die Ärzte, als FDP-Klientel wollen natürlich nur Kasse machen.
Ich persönlich kann das Gejammer nicht mehr hören.

HMMMmm

Ach und früher war der Mensch nicht austauschbar?
Früher waren die Ärzte halt Halbgötter in Weiß und das hat sich mittlerweile geändert. Mediziner in Kliniken haben einen teils sehr harten Arbeitsalltag, keine Frage.

Aber im Vergleich zu einem Kumpel in der Mine oder anderen körperlich bzw. psychisch anstrengenden Berufen war und ist die Bezahlung gut bis sehr gut.
Niemand würde bestreiten das ein solcher Beruf schwer ist, aber dieses gefühlte seht her mir geht es so schlecht gejammere geht auf die Nerven.
Das Leben ist kein Ponyhof und jeder hat Probleme und Ängste und Sorgen. Der staat sollte aufgrund dessen die eine Gruppe nicht über andere bevorzugen.

Gute Diskussion

Also zum ersten Punkt: Der Unterschied für die Angaben liegen darin, dass ich die durchschnittliche, tatsächlich benötigte Zeit vorausgesetzt habe, nicht die Mindeststudienzeit.
Mit der Facharztausbildung mögen Sie insofern recht(ich dachte um 200€ weniger, womit man ziemlich genau beim Industriegehalt wäre) haben, dass Einkommen nicht schlecht ist. In der Industrie steigt man aber auch mit ca 3800€ ein:
http://www.spiegel.de/uni...

Allerdings werde hier keine Nachtdienste oder ähnliches geschoben, und falls doch werden diese ziemlich gut entlohnt, duch die mit den Gewerkschaften vereinbarten Zuschläge.

Das mit dem Kappen hängt von dem Blickwinkel ab, 5000€ für alle möglichen Funktionen erscheinen mir aber wenig gerechtfertigt, da ein Ober- bzw. Chefarzt weit mehr Verantwortung trägt. Das wäre in etwa so, als wenn in der Industrie jedem Ingenieur 5000€ gezahlt würden, egal ob er ganz normaler Ingenieur, Gruppenleiter oder Abteilungsleiter ist. Zudem ist eine 40h Woche ab einer bestimmten Position kaum noch realistisch anzunehmen/durchzuführen, wenn schon jetzt in einigen Bereichen Personalmangel herrscht.

Promotion

Das Studium der Medizin wird mit der Approbation abgeschlossen. Die Promotion ist nicht erforderlich, wird jedoch meistens für das „Klingeschild“ (http://www.zeit.de/studiu...) angestrebt. “Die Situation in den medizinischen Fächern ist gesondert zu betrachten. In den medizinischen Fächern gleicht ein Teil der Dissertationen nach Umfang und wissenschaftlicher Qualität eher einer Studienabschlussarbeit.“ (http://www.wissenschaftsr...)
Im Internet finden sich durchaus medizinische Promotionen, die eher einer Facharbeit der gymnasialen Oberstufe äquivalent sind.

Zum Gehalt: https://www.thieme.de/via...

Der Ausbildungsweg der im Artikel erwähnten Biologin bis zur Promotion könnte folgendermaßen skizziert werden:
ca. 10 Semester Studienzeit
ca. 6-8 Semester für die Anfertigung der Diss. (Bezahlung: TVL-E13; 50%, bei voller Beschäftigung)