Auslandsstudium : Junge, komm bald wieder!

Sächsische Kassenärzte finanzieren Abiturienten ein Medizinstudium in Ungarn. Bedingung: Sie müssen später als Hausärzte in der Provinz arbeiten.

Philip Geiling gehört dazu in Lichtenstein, einer 12.000-Einwohner-Stadt am Fuße des Erzgebirges. Bereits mit 15 ließ sich der heute 22-Jährige als "Sachkundiger Einwohner" in den Jugendbeirat des Stadtrates wählen. Im örtlichen Musikverein Lichtenstein Sachsen spielt er Saxofon und Klarinette. Der größte Teil seiner Familie lebt in der Stadt, Geilings Freundin ist Lichtensteinerin. "Ich will bleiben", sagt Geiling, was nicht überrascht – und trotzdem eine Ausnahme ist. Denn Geiling will Arzt werden. Und die meisten, die das werden wollen, gehen zum Medizinstudium aus der Provinz weg und kommen dorthin auch nicht zurück. Geiling, das ist ziemlich sicher, wird zurückkommen, als Hausarzt mit eigener Praxis. Er hat sich zur Heimattreue verpflichtet.

Geiling ist ein zielstrebiger junger Mann. Für ihn war schon als Jugendlicher klar, dass er Mediziner werden will, auch seine Mutter hat eine Praxis in Lichtenstein. Doch sein Abiturschnitt von 2,4 reicht nicht, um in Deutschland sofort einen Studienplatz zu bekommen. Geiling müsste sechseinhalb Jahre darauf warten. Doch das ist ihm egal, er möchte unbedingt Medizin studieren. Also überbrückte er die Wartezeit: Zwei Jahre war er bei der Bundeswehr. Dann machte er eine Ausbildung zum Rettungsassistenten beim Roten Kreuz in Zwickau. Und auch die restliche Zeit hätte Geiling noch etwas Sinnvolles gemacht, "vielleicht eine Ausbildung zum Intensivkrankenpfleger", wenn sich jetzt nicht doch plötzlich eine Chance auf einen Studienplatz ergeben hätte.

Dass es nun schneller geht, liegt an einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen: Zum kommenden Wintersemester wird die Selbstverwaltung der Ärzte erstmals 20 sächsische Abiturienten zum Medizinstudium nach Pécs in Ungarn schicken. Geiling ist dabei. Die Studiengebühren in Höhe von 6400 Euro jährlich pro Student übernimmt die KV. Im Gegenzug verpflichten sich die Stipendiaten, nach Ende ihrer Ausbildung mindestens fünf Jahre lang als Hausarzt in Sachsen zu arbeiten – und zwar nicht in Leipzig, Dresden oder Chemnitz, sondern auf dem Land. Damit will die Vereinigung dem großen Hausarztmangel in den ländlichen Regionen entgegenwirken.

Das Problem gibt es in nahezu allen Bundesländern, doch verstärkt vor allem in den schon seit Jahren von Abwanderung betroffenen ostdeutschen Ländern. Hier wird eine alternde Bevölkerung mit mehr Behandlungsbedarf von einer alternden Ärzteschaft versorgt, überall fehlen Praxisnachfolger. Schon jetzt herrscht in vielen Praxen ein Notbetrieb, in zehn bis fünfzehn Jahren könnte die Versorgung kollabieren, heißt es bei der KV. Daher werden schon jetzt viele Landpraxen an spanische Ärzte übergeben, vor zwei Jahren hat sich eine ungarische Ärztin in einem Dorf bei Torgau niedergelassen.

Philip Geiling kennt die Not aus der Hausarztpraxis seiner Mutter. In Lichtenstein sei die medizinische Versorgung "gerade so gewährleistet", sagt er, die Mutter sorge mit wenigen Kollegen dafür. Überstunden, Hausbesuche am Wochenende, Abende, die in Honorarabrechnungen investiert werden – all das gehört zum Familienalltag der Geilings. "Trotzdem ist es mein Lebenstraum", sagt der Sohn Philip. "Der Kontakt zum Patienten ist extrem intensiv."

Rund 1,4 Millionen Euro kostet die zwölfsemestrige Medizinerausbildung für 20 Studenten. Die Kosten werden jeweils zur Hälfte getragen von den Krankenkassen und von der sächsischen KV, die das Geld aus ihrem eigenen Budget abzweigt. Das "Versorgungsstrukturgesetz" erlaubt es, einen Teil des KV-Budgets, maximal 0,1 Prozent, für Programme zur Bekämpfung des Hausarztmangels auszugeben. Das Programm soll unbefristet fortgesetzt werden, das heißt, jedes Jahr müsste diese Summe in die Hand genommen werden, um neue Studenten nach Ungarn zu schicken.

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Nachgerechnet

Zitat: "Rund 1,4 Millionen Euro kostet die zwölfsemestrige Medizinerausbildung für 20 Studenten. ... Das Programm soll unbefristet fortgesetzt werden, das heißt, jedes Jahr müsste diese Summe in die Hand genommen werden, um neue Studenten nach Ungarn zu schicken."

Zwölf Semester sind 6 Jahre. Jedes Jahr wird 1/6 davon fällig, also gut 230.000 €. Pro Person macht das knapp 12000 € im Jahr.

Ausländerkritisch, schön umschrieben

Aber das meine ich nicht

Ich finde es jedoch bedenklich, wenn wir als Rohstofffreies und Zukunftsfernes Land (immer wieder gebe ich gern wieder, dass bei uns nichts gebaut und nur noch ein einziges international tätiges Softwarehauas noch existiert) jetzt auch noch immer weiter bei der Bildung sparen.

Ja, kostet 1/10

und was ist, wenn wir dieses zehntel auch irgendwann nicht mehr haben?

haha..Selbstüberschätzung als grundlegende Berufsanforderung

keine Berufsgruppe überschätzt sich und ihrer Leistung so ,wie die deutschen Ärzte:
Legendär ist übrigen, dass Ärzte als einzige Akademikergruppe glauben ihr akademischer GRAD sei ein TITEL, der nach 12 BGB übrigens nicht Teil des Namens ist.
Jeder sollte sich mal den Spaß machen und einen Arzt ohne seinen Grad ansprechen. Die Gesichter sind legendär.

180 000 Brutto also? tja..unter uns :Ärzte sind gerade mal die Hälfte wert . mit 80 000 brutto sind sie noch überbezahlz.
Eines der einfachsten Studiengänge. Nur Auswendig lernen, geschenkte Promotion - nur Türschildpromotionen.
Jeder Physiker leistet geistig vier mal so viel und verdient halb so viel oder noch weniger.

Aufgrund dieser Arroganz kommt es übrigens vermehrt zu Selbstjustiz gegen Ärzte, da die rechtliche Arzthaftung in Deutschland ja ausgesetzt ist.
[...]

Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

Ärzte und anderer Kram

Mag ja gut sein, dass die Ärzte sich prinzipiell ärmer jammern, als sie sind.

Aber. Von den beispielhaften 180k€ kommen halt nicht nur 5€/qm Praxis weg, da kommen dann auch noch mindestens eine MFA, besser jedoch zwei weg, sonst hast du als Patient nämlich ganz schnell keine Lust mehr. Die Organisation so eine Praxis läuft auch auf dem Lande nicht von alleine.

Und dann noch: also bitte. Ärztliches Ethos hat doch nichts mit ärztlichen Wunschgehältern zu tun. Steck mal die hohle Phrasen wieder ein, am Ende möchte jeder auch gut verdienen. Prima, dass du einen Durchschnittshaushaltsverdienst rausgesucht hast, jetzt das ganze nochmal für einen Durchschnitt-Akademikerhaushalt? Die sechs bis sieben Jahre Studium schlägt man sich am Ende nicht nur der reinen Menschenliebe wegen um die Ohren, auch wenn ausgerechnet Ärzte da immer vorleisten sollen. Warum soll denn nicht mal der Sanitärinstallateur aus reiner Menschenliebe seinen Verdienst kleinmachen ... oder muss keiner mehr von uns?

Lückenhaftes Leseverständnis

Vielleicht solltest du den Link auch noch zu Ende lesen und nicht nur die Rosinen picken. 110k€ Reinerlös? Denkste, ist das doch immerhin kein Angestellter.

"Dieser Reinertrag, darauf weist das Bundesamt hin, stelle aber noch nicht den betriebswirtschaftlichen Gewinn eines Arztes oder einer Praxis dar. Denn von der Summe müssten unter anderem noch die Aufwendungen für die private Altersvorsorge, für die Krankenversicherung [...] oder die Beiträge zur berufsständischen Versorgungseinrichtungen bezahlt werden." (So eine Versicherung ist auch beim Allgemeinarzt übrigens nicht spottbillig, Hebammen und Gynäkologen zahlen dann horrende Premien.)

Dass die Ärzte nur mit Privateinnahmen und Tamtam auf dieses Einkommen kommen, in deinem Artikel zu lesen, hast du auch geflissentlich wegfallen lassen.

Aber lieber insinuieren, dass der andere Arzt und die hier kommentierenden Ärzte qua Kommentar geldgeil entlarvt wären, janeiskla.

60k€ ist der Schnitt bei Akademikern? Das passt doch wesentlich besser als 30k€ und nennt sich normale Abweichung. Ein zweifacher Wert ist da kein Ausreißer: verdient einer 120k€, zehn 60k€ und zwei 30k€ ... sind wir eben nicht im Sozialismus und doch bei 60k€ pP.

Ich lass einfach mal noch die folgenden zwei Grafiken hier stehen:

http://www.motherjones.co... (110k€ p.a.)

http://www.washingtonpost... (7/1000 Konsultationen, führend)

Bevor Sie

solche Kommentare verfasse, sollten Sie sich erst einmal schlau machen, wie die Bezahlung der Ärzte funktioniert. Dann wüssten Sie nämlich, dass nicht "pro Behandlung", sondern "pro Behandlungsfall" bezahlt wird. D.h.: der Arzt bekommt für seinen Kassenpatienten nur eine Pauschale pro Quartal. Egal, wie oft der Patient in der Praxis erscheint!
Ziel ist es also, möglichst viele Patienten pro Quartal zu sehen, und zwar möglichst nur EIN Mal! Das rechnet sich am besten. Insofern müssten die Ärzte auf dem Land mit ihren vielen Patienten doch bestens bedient sein. Dort ist das Patientenaufkommen pro Arzt um ein Vielfaches höher, als in der Stadt! Klappt aber nicht. Weshalb: Eine Pauschale von häufig 10.- - 20.- EUR pro Quartal und Patient (UMSATZ! nicht Verdienst!!!) reicht selbst auf dem Land nicht, um ein Kleinunternehmen mit allen Kosten zu führen.

Sie haben zu wenig recherchiert!

Das Gesundheitssystem ist einer der am meisten regulierten Bereiche in Deutschland. Vom freien Markt kann man weder bei den Bauern noch bei den Ärzten sprechen! Wenn Sie mal etwas zu den Regularien bei der Versicherungspflicht der Arbeitnehmer, bei der Zulassung der Studenten, aber auch der approbierten Ärzte, bei der Therapiefreiheit und bei der Abrechnung und Bezahlung recherchieren, sehen Sie, dass Sie einem eigenen Vorurteil aufgesessen sind:
Ärzte sind geldgierig, verdienen viel und man muss regulieren!
Die geringe Niederlassungsfreude liegt an den veränderten Lebenszielen einer neuen Generation, die das Private ins Zentrum ihrer Erwägungen für die Lebensplanung stellt (da ist die Stadt einfach attraktiver als das Land, auch wenn die Vergütung auf dem Land relativ besser ist als in der Stadt, weil hier die Kosten höher sind).
http://www.karriere.de/ka...
Zusammen mit der Tatsache, dass die Mehrzahl der Studenten weiblich ist
http://www.aerzteblatt.de...
und Frauen ihre Lebensplanung oft immer noch anders gestalten als Männer (das Angestelltenverhältnis, das mehr Sicherheit schafft und mehr Freiheiten für die Familie lässt, ist beliebter als die Niederlassung), und mit der Tatsache, dass der Marburger Bund Lohnerhöhungen für Klinikärzte druchgeboxt hat, die das risiko der eigenen Niederlassung weniger attraktiv erscheinen lassen, ergibt das die jetzige Situation.