Popkultur in ÖsterreichOh yeah!

Ein Subkultur-Künstler legte ein Archiv zur österreichischen Popgeschichte an. Es ist eine Fundgrube obskurer Raritäten. von Thomas Mießgang

Al Bird Sputnik, der Jäger der verlorenen Vinylschätze, hortet in seinem Atelier rare Tondokumente aus der Frühzeit des räudigen Rock in Österreich.

Al Bird Sputnik, der Jäger der verlorenen Vinylschätze, hortet in seinem Atelier rare Tondokumente aus der Frühzeit des räudigen Rock in Österreich.  |  © Gianmaria Gava für DIE ZEIT

Al Bird Sputnik sucht eine Schallplatte. Sie verbirgt sich irgendwo in einem der Vinyl-Stapel, die sich in seinem Arbeitszimmer türmen. Oder steckt sie doch in den Kartonboxen, in denen er seltene Singles in seinem Atelier im 20. Bezirk verwahrt? Es ist eine eher raue Gegend mit billigen Italienern, Dönerbuden und Cafés, die Susi oder Lambada heißen. Hier stellt der Archivar der österreichischen Musiksubkultur gerade ein Buch fertig, das über alle Fragen der heimischen Popgeschichte Auskunft geben möchte. Schnitzelbeat nennt der Sammler sein ausuferndes Kompendium. Jeder Tonträger aus der Unterhaltungsbranche, der je in Österreich produziert wurde, soll in dieser Enzyklopädie abseitigen Popwissens Erwähnung finden. Motto: "Making Austropop a threat again!"

Noch ist dieser Abenteuerarchäologe damit beschäftigt, Informationslücken zu schließen: Täglich telefoniert er mit Musikern und den ehemaligen Besitzern obskurer, längst verschwundener Plattenfirmen, sieht alte Zeitschriften durch und hält Kontakt zu anderen Sammlern. Es ist mühsame Kleinarbeit, ein Mosaik, das Teilchen für Teilchen zusammengesetzt werden will.

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Endlich hat Al Bird die gesuchte Platte gefunden. Es handelt sich um eine Single, mit 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielen, auf der ein gewisser Dolf Kauer den Blue Jean Jack aus Meidling interpretiert. Das Cover zeigt die Karikatur eines Schlurfes mit Röhrenjeans und pomadisierter Gatschwelle, wie im Vorstadtjargon die Elvistolle hieß. Al Bird legt die Scheibe auf einen tragbaren Plattenspieler, ein Profigerät der Marke Vestax, es erklingt eine Slow-Variante des G’schupften Ferdl von Helmut Qualtinger mit Halbstarkentimbre und zeittypischer Twang-Gitarre. Die Botschaft: Ich mache, was ich will, auch wenn ich nicht weiß, was ich tue.

"Für mich ist diese Platte aus dem Jahr 1962 die erste wichtige österreichische Popsingle", sagt Al Bird todernst. "Sie ist subversiv, sie ist im Wiener Dialekt gesungen und sie wurde unabhängig auf dem kleinen Heurigen-Label Rex Roval produziert. Der Blue Jean Jack hat bereits alles, was später der Austropop bieten konnte, nur eben zehn Jahre früher." Die Single war im Gegensatz zu vielen anderen Platten aus dieser Zeit auch in der Öffentlichkeit präsent. "Ein Teenager konnte einfach in Hernals in ein Kaffeehaus gehen, und wenn man Glück hatte, dann war der Blue Jean Jack in der Jukebox."

Im roten Arbeiterheim in Ottakring heizten die Vienna Beatles

Es sind solche Nuggets, die die Forscherenergie von Al Bird Sputnik beflügeln. Obskure, längst vergessene Artefakte aus einer Zeit jugendlichen Rebellentums, das in der offiziellen Geschichtsschreibung höchstens als Fußnote vorkommt. Die historischen Kassiber, auf verschlungenen Wegen in die Gegenwart transportiert, laden die trockenen Fakten mit Vitalität und geisterhaften Vibrationen auf.

Thomas Mießgang

Der Autor gestaltete gemeinsam mit Walter Gröbchen, Gerhard Stöger und Florian Oberkircher die reich bebilderte Interview-Collage Wien Pop. Die Chronik zur Wiener Musikgeschichte ist im Falter Verlag erschienen (400 Seiten, € 39,90).

Der junge Mann, schmal, bleich, mit Baseballkappe, der seinen bürgerlichen Namen partout nicht preisgeben möchte, ist ein schneller Denker und präziser Formulierer. Vor allem aber ein biologischer Datenspeicher, der noch in der entlegensten Nische des österreichischen Popuniversums Fakten zusammengetragen und auf seiner Webseite Trash Rock Archives veröffentlicht hat.

Der 31-jährige Jäger verlorener Vinylschätze weiß natürlich alles über die kanonischen Figuren der österreichischen Pop- und Schlagerszene zu berichten. Über Peter Alexander, Freddy Quinn und die Bambis. Über André Heller, Wolfgang Ambros oder Marianne Mendt. Aber sein wahrer Enthusiasmus und seine Sympathie gelten den Außenseitern, die längst in Vergessenheit geraten sind. Leuten wie Hannes Patek beispielsweise, der in den frühen Sechzigerjahren nach Hamburger Vorbild im Albert-Sever-Saal, einem Veranstaltungsraum der Sozialdemokraten in Ottakring, einen Star Club Wien auf die Beine stellte. Für einige Jahre war der Mann das Zentralgestirn am Wiener Partyhimmel, der sich auch als Gelegenheitsrocksänger hervortat: "Er war ein Entertainer", erzählt Al Bird, "der auf die Bühne gehen konnte und Hans Moser und die große Liebesszene aus Gone with the Wind parodieren." Irgendwann begann der Club-Gründer dann auch als Elvis-Imitator aufzutreten. Nach und nach verwandelte er sich in einen Rocker. Die besten Backing Bands dieser Zeit traten mit ihm auf: die Rangers, die Austrian Evergreens oder eine Gruppe mit dem Namen Vienna Beatles. "Super, die Vienna Beatles, Yeah!", schwärmt Al Bird. Dieser von einem gewissen Hang zur Hybris gekennzeichnete Name sei damals allerdings nichts Ungewöhnliches gewesen: "Es gab überall Ersatz-Beatles, auch in Deutschland. Man legte sich einen britischen Akzent zu, kämmte die Haare zum Pilzkopf und erfand obskure Band-Biografien. Aber so läuft das in der Popmusik: Man braucht blöde Geschichten, so etwas merken sich die Leute."

Leserkommentare
  1. habe ich mit Vergnügen gelesen. Und man darf die Österreicher musikalisch nie unterschätzen, das stimmt.
    Mein Liebling:

    the Lost Generation - Hau di am Dampfer Zwutschkerl

    http://www.youtube.com/wa...

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