Für Lehrer ist es der ewige Traum: Schülern in die Köpfe zu blicken und ihnen beim Denken zuzuschauen. Wie leicht würde das Unterrichten! Kein Wunder, dass die Hirnforschung so große Hoffnungen weckt. Will sie nicht Gedanken sichtbar machen? Verspricht sie nicht, die Gesetze des Lernens zu entschlüsseln?

Leider verhält es sich mit der modischen "Neurodidaktik" ähnlich wie mit dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Es geht vor allem um große Versprechungen. Je genauer man diese betrachtet, umso mehr lösen sie sich in Luft auf.

So scheitert die Neurodidaktik bereits an der Tatsache, dass jedes Gehirn einzigartig ist. Gene, Umwelt und Erziehung formen es so unverwechselbar wie den Fingerabdruck. Der eine entwickelt ein Talent für Sprachen, die andere einen Sinn für Mathematik (mancher auch beides oder nichts davon). Neurobiologische Studien aber machen in der Regel keine individuellen, sondern allgemeine, statistische Aussagen zum Gehirn. Sie erklären also, wie Lernen im Prinzip funktioniert – sagen aber nichts darüber aus, warum sich der eine gerade mit Mathe, die andere mit Sprachen schwertut.

Genau das aber müssen Lehrer wissen. Die allgemeinen neurophysiologischen Gesetze des Lernens nützen ihnen im Unterricht wenig. Die Lernforscherin Elsbeth Stern vergleicht das mit dem Versuch, einen Flugzeugabsturz mit den Worten zu erklären, im Prinzip sei die Schwerkraft schuld gewesen. Das stimmt zwar. Aber es nützt dem Praktiker wenig, der wissen will, warum gerade dieses und kein anderes Flugzeug abstürzte.

Nun könnte man fordern: Durchleuchtet doch jedes einzelne Schülerhirn! Von allen Hindernissen einmal abgesehen: Selbst das löste das Problem nicht. Denn anders als die populäre Rede suggeriert, können Hirnforscher dem Organ eben nicht beim Denken zuschauen, sondern nur Korrelationen zwischen Denkvorgängen und neuronalen Aktivitäten herstellen. Dabei ist das Auflösungsvermögen so grob, dass es "der Sicht auf die Erde durch einen Beobachter im Weltraum" gleicht, wie der Neurobiologe Joachim Pflüger treffend bemerkte. Man sieht zwar manche Gebiete heller leuchten als andere; was dort aber genau vor sich geht, weiß man nicht. Überdies geschehen die spannendsten Dinge oft im Dunkeln.

Aus diesen (und vielen anderen) Gründen kam eine Expertise des Bundesforschungsministeriums schon 2005 zu dem Schluss: "Die häufig geäußerte Vorstellung, wonach die Hirnforschung zur Klärung theoretischer Kontroversen in der Pädagogik beitragen könnte, trifft nicht zu." Daran hat sich bis heute nichts geändert – was erstaunlicherweise Hirnforscher wie Gerald Hüther nicht davon abhält, immer wieder die angebliche Relevanz der "vielfältigen Ergebnisse" ihrer Zunft für den Schulunterricht zu preisen.

Dabei verbirgt sich hinter neurodidaktischen Rezepten oft gar keine Hirnforschung. Vieles entstammt der Entwicklungspsychologie, anderes ist altbekannte Pädagogik. Die Erkenntnis etwa, dass Lernen mit Lust verknüpft ist und emotional gefärbte Erlebnisse besser als neutrale erinnert werden, formulierte schon vor über 300 Jahren Johann Amos Comenius in der Didactica Magna: "Alles, was beim Lernen Freude macht, unterstützt das Gedächtnis." Neu erscheint diese Einsicht nur, wenn sie mit bunten Hirnbildern und Fachbegriffen wie "präfrontaler Kortex" garniert wird.

Neuere neurodidaktische Befunde – etwa zu den "Entwicklungsfenstern" beim Lernen – stammen wiederum aus Tierexperimenten und sind nur bedingt auf den Menschen übertragbar. Oft kommt es dabei zu falschen Umkehrschlüssen: Aus dem Befund, dass Rattengehirne in extremer Reizarmut früh verkümmern (wenn die Tiere isoliert in öden Käfigen aufwachsen), wurde abgeleitet, man müsse Kindern möglichst früh möglichst viele geistige Reize bieten. Verunsicherte Eltern traktierten daraufhin schon Kitakinder mit Englisch, Mozart und Mengenlehre. Dabei kann ein Zuviel an Reizen Kinder auch überfordern.

Ihren Nutzen offenbart die Hirnforschung bislang vor allem bei der Klärung pathologischer Fälle – etwa bei Lese-Rechtschreib-Schwäche (Dyslexie) oder Rechenschwäche (Dyskalkulie) – bei denen sich neuronale Abweichungen zeigen. Zur Frage, wie man das Lernen gesunder Kinder in der Schule fördert, hat sie wenig beizutragen. Wie könnte sie auch? Neurowissenschaftliche Studien finden meist mit wenigen Probanden im Labor statt. Die vielfältigen Beziehungen in einer Klasse zwischen Schülern und Lehrern spielen da keine Rolle. "Solche sozialen Interaktionen sind für das Lernen aber extrem wichtig", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker von der TU Berlin. Sie hat einst in einem Projekt unter Leitung des Bremer Neurobiologen Gerhard Roth die Chancen und Grenzen einer Verbindung von Neuro- und Lernforschung ausgelotet. Das Ergebnis? "Ernüchternd", sagt Becker. Allen Neurodidaktikern schreibt sie ins Stammbuch: "Wer als Wissenschaftler Aussagen zur Schule macht, sollte auch schulrelevante Forschung betreiben. Die aber gibt es in der Hirnforschung bislang nicht."