In The Filter Bubble beschreibt der Aktivist und Autor Eli Pariser, wie Onlineplattformen ihre User bevormunden, indem sie Inhalte nach vermeintlicher Relevanz sortieren. Das ist eigentlich nichts Neues, schon seit je ist politischer Diskurs von Wahrnehmungsblasen geprägt. "Was nicht in der Zeitung steht, ist nicht passiert", so könnte man zugespitzt das traditionelle Verständnis von öffentlicher Meinung zusammenfassen. Wenn der Chef über sich in der Zeitung liest, dann hat sein Pressesprecher alles richtig gemacht.

Doch langsam beginnen weitsichtige Mitarbeiter in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit (und später vielleicht auch einmal ihre Chefs) ein moderneres Bild der öffentlichen Meinung zu entwickeln. Darin wird neben traditionellen Medien auch Twitter als Wahrnehmungsblase anerkannt. Dann könnte es bald heißen: "Was nicht auf Twitter steht, ist nicht passiert."

Der Kurznachrichtendienst wird – und das ist ein österreichisches Spezifikum – fast ausschließlich von Journalisten, Pressereferenten von Politikern und Parteien sowie politischen Meinungsbildnern bevölkert. Während sich in Deutschland die Top Ten der Twitter-Hitliste wie das Seitenblickemagazin liest, gehören in Österreich die Accounts mit den meisten Followern den Armin Wolfs und Florian Klenks. Dort findet neben politischem Diskurs auch Beziehungspflege und öffentliche redaktionelle Planung statt, was dazu führt, dass Twitter unerlässlich in der modernen Pressearbeit geworden ist.

Twitter ist dafür verantwortlich, dass in diesen Vorwahlzeiten Neos und die Piraten im Fernsehen auftauchen. Sie haben es verstanden, dass diese Kanäle ein Ballungszentrum der journalistischen Meinungsführer sind. War es früher schwer bis unmöglich für Kleinparteien, die Aufmerksamkeitsschwelle der Türhüter der veröffentlichten Meinung zu überwinden, ermöglicht es heute Twitter, sich täglich in Erinnerung zu rufen. Vor allem Twitter-User @Vilinthril, der unter seinem bürgerlichen Namen Lukas Daniel Klausner weithin unbekannt ist, fungiert als virtueller Pressesprecher der Piraten. Jedes Mal, wenn ein Journalist auf Twitter darüber spricht, dass sein Medium eine Interview-/Porträt-/Diskussions-Reihe mit den Spitzenkandidaten der Parteien plane, ist er der Erste, der sich virtuell meldet und "Hier, hier. Bitte Piraten nicht vergessen!" ruft. Das hat bereits zu mindestens drei Fernsehauftritten und zahlreichen Interviews geführt. Wenn es jetzt die Piraten auch schaffen würden, ihre Kandidaten auf Diskussionen ebenso gut vorzubereiten, wie sie diese in Debatten hineinzulobbyieren verstehen, dann wären sie vielleicht knapper an der Vierprozenthürde.