Kämpfte Milon noch, wäre es so weit wohl nicht gekommen. Sechsmal war der Kraftklotz Olympiasieger im Ringen. Wie sein Vorbild, der mythische Held Herakles, zog der Mann aus Crotone in Kalabrien mit einem Löwenfell behängt in den Kampf. Zum Training, so will es die Legende, trug Milon regelmäßig ein Kalb auf seinen Schultern; eigenhändig schleppte er seine gewaltige Siegerstatue an ihren Ehrenplatz im olympischen Hain. Und als ob es noch weiterer Beweise seiner Stärke bedurft hätte, wickelte er eine Darmsaite um seinen Kopf und sprengte sie allein durch das Anschwellen der Stirnadern. Entsprechend gewaltig war der Kalorienbedarf dieses Jahrtausendathleten: Täglich soll er 18 Pfund Fleisch und 18 Pfund Brot verschlungen haben, die er mit neun Litern Wein hinunterspülte.

Hätte das Ringen noch Stars dieses Kalibers, wäre es wohl nie auf die Abschussliste des neuzeitlichen Internationalen Olympischen Komitees (IOC) geraten. Aber Milon ist schon lange Geschichte, er starb irgendwann nach 510 vor Christus – angeblich wollte er einen gespaltenen Baumstamm auseinanderreißen, blieb jedoch stecken und wurde von Wölfen gefressen. Heute tragen Olympiasieger im Ringen unaussprechliche Namen, wiegen mitunter weniger als 55 Kilo, haben platte Nasen und Blumenkohlohren vom vielen Körperkontakt, und man weiß von ihnen kaum mehr, als dass sie andere unbekannte Kraftzwerge aus seltsamen Ländern niederringen. Nicht gerade das, was sich die Olympier von heute unter einer großen Attraktion vorstellen, von den TV-Einschaltquoten ganz zu schweigen. Also beschloss das IOC im Frühjahr 2013 kurzerhand: Von 2020 an ist Ringen nicht mehr olympisch.

Vor lauter Traditionssattheit seien die Ringer blind geworden für die Zukunft, klagten die modernen Hüter der Spiele, nichts hätten sie getan für die internationale Entwicklung ihres Sports, keine Frauen gefördert und die Regeln derart verkompliziert, dass selbst Experten sie nicht mehr begriffen. Am Ende mussten Kämpfe sogar durch ein seltsames Losverfahren entschieden werden – das geht gar nicht bei einem Weltereignis, dessen Regie im Wesentlichen vom Fernsehen bestimmt wird.

Zu Milons Zeiten war die Sache einfach: Gerungen wurde nackt im Stand, verloren hatte, wer dreimal zu Boden geworfen wurde. Es gab weder Gewichtsklassen noch eine Zeitbegrenzung.

So war es auch bei der Neuerfindung der Spiele 1896, bei denen Ringen natürlich nicht fehlen durfte. Olympiasieger wurde der Deutsche Carl Schuhmann, mit 1,63 Metern der kleinste Teilnehmer des Wettbewerbs. Über zwei Tage hinweg rang der Goldschmied aus Münster, im Übrigen auch dreifacher Champion im Turnen, mit dem viel größeren Griechen Georgios Tsitas; die einbrechende Dunkelheit über dem Panathinaiko-Stadion in Athen hatte den Kampf nach 40 Minuten zunächst beendet. Die Fortsetzung am Morgen darauf dauerte noch einmal eine Viertelstunde, dann hatte Schuhmann die Goldmedaille sicher.

Das Ringen retten sollen Wladimir Putin und ein Musikvideo aus Lahr

Heute sind die Kämpfe auf sechs Minuten begrenzt, und die Sportbürokratie hat das Ringen fest im Griff. Das deutsche Regelbuch umfasst 58 Seiten, von der einfachen Unterscheidung der beiden Stilarten griechisch-römisch und Freistil über die "angeordnete Bodenlage" bis hin zu den Bekleidungsvorschriften: Jeder Ringer muss "während des gesamten Wettkampfes ein Stofftaschentuch bei sich tragen, das er vor dem Kampf dem Kampfrichter zeigt".

Für so etwas lässt sich die Jugend der Welt kaum mehr begeistern. Auch der für das IOC so wichtige Reibach lässt sich mit dem Gezerre von Männern und Frauen (seit 2004 ringen sie olympisch) in den altmodischen roten oder blauen Einteilern nicht machen. Da sei doch vieles andere interessanter, befanden die Funktionäre: Klettern, Karate, Rollschuhfahren, sogar der chinesische Kampfsport Wushu wurde gegen das altehrwürdige Ringen in Stellung gebracht.