Zukunft der Arbeit : "Die Arbeit kommt zu Ihnen"

Sind wir bald alle Freiberufler? Ein Gespräch mit Gary Swart, Chef der Onlinejob-Vermittlung oDesk, über die Arbeitswelt von morgen.

DIE ZEIT: Sie leiten die weltweit größte Vermittlung von Onlinearbeit. Um welche Jobs geht es?

Gary Swart: Um jede Arbeit, die an einem Computer gemacht werden kann: oDesk vermittelt Programmierer, Softwareentwickler, Webdesigner, Übersetzer, Werber, Marketingexperten. Es gibt viele Jobs auf der Welt, aber manchmal ist es schwierig, die Menschen dorthin zu bekommen, wo die Arbeit ist. Deshalb bringen wir die Arbeit zu den Menschen.

ZEIT: Sie vermitteln aber keine festen Jobs, nur Projektarbeit. Was ist daran gut?

Swart: Die Unternehmen sparen Zeit, Geld, und sie können auf Talente zurückgreifen, die sie zu Hause nicht finden. In den USA dauert es im Schnitt 92 Tage, bis eine Firma eine Stelle neu besetzt hat. Bei oDesk sind es im Schnitt nur drei Tage. 89 Prozent der Auftraggeber bei oDesk sagen, dass Onlinearbeit ihre Unternehmen wettbewerbsfähiger macht.

ZEIT: Das mag sein. Aber sie macht auch aus Millionen Berufstätigen digitale Tagelöhner.

Gary Swart

Gary Swart ist CEO der weltweit größten Freiberufler-Plattform oDesk.

Swart: Die Freelancer können viel freier und flexibler arbeiten als in einem festen Job. Sie haben die Möglichkeit, genau das Projekt zu machen, das sie sich aussuchen, von jedem Ort der Welt aus. Über unser Netzwerk kommen etwa Programmierer in Bangladesch oder Grafiker auf den Philippinen mit Firmen aus der ganzen Welt zusammen.

ZEIT: ODesk ist also vor allem eine billige Art für Unternehmen, Arbeit aus reichen Ländern in arme zu verlegen und Löhne zu drücken?

Swart: Unsere Kunden wollen Zugang zu den besten Talenten, unabhängig davon, wo sie sitzen. Sie legen vor allem Wert auf Qualität, der Preis ist zweitrangig.

ZEIT: Wirklich? Für die Firmen ist es doch viel billiger, Leute im Internet anzuheuern, anstatt feste Jobs zu schaffen.

Swart: In einer globalen Studie haben wir mehr als 2.800 Unternehmen, die Onlinearbeit nutzen, gefragt, was sie machen würden, wenn es Plattformen wie oDesk nicht gäbe. Nur 17 Prozent sagten, dass sie stattdessen jemanden am Standort einstellen würden. Die anderen 83 Prozent würden die Arbeit einfach aufschieben oder auf die bestehende Belegschaft verteilen. Auf oDesk entstehen also neue Jobs. Ein Kunde sagte zu mir: "Wenn wir nicht zehn Leute auf oDesk hätten, würden wir jetzt nicht fünf Leute in Sydney anstellen." Er hat seine Firma mithilfe von Freelancern aufgebaut und schafft nun feste Stellen, zahlt Sozialbeiträge, mietet Büroräume. Das Geld fließt zurück in die Wirtschaft, und das ist gut für alle.

ZEIT: Häufig ist es doch umgekehrt: Unternehmen ersetzen feste durch flexible Arbeitskräfte.

Swart: 89 Prozent unserer Freelancer sagen, dass sie so weiterarbeiten wollen, weil sie die Freiheit und Flexibilität schätzen. Sie bekommen Zugang zu Arbeiten, die ihnen früher verwehrt waren. Stellen Sie sich vor, Sie sind Webdesigner und leben irgendwo in der deutschen Provinz, wo niemand einen Webdesigner braucht. Auf oDesk finden Sie Auftraggeber aus aller Welt, die jemanden mit genau Ihrem Profil suchen. Sie müssen der Arbeit nicht hinterherziehen, die Arbeit kommt zu Ihnen.

ZEIT: Die meisten Menschen ziehen aber einen festen und sicheren Job vor.

Swart: Natürlich ist Onlinearbeit kein Modell für alle. Manche bevorzugen es, jeden Tag für den gleichen Arbeitgeber zu arbeiten, vielleicht sogar ein Leben lang. Aber für andere ist es die perfekte Lösung. Wir haben eine Umfrage unter Freelancern weltweit gemacht. 72 Prozent derjenigen, die fest für eine Firma arbeiten, sagen, sie wollten ihren Job kündigen, um noch unabhängiger zu sein. 61 Prozent sagen, sie wollten in den nächsten zwei Jahren kündigen.

ZEIT: Mit der Auslagerung der Arbeit ins Internet entsteht im Unternehmen ein Zweiklassensystem aus Festangestellten und Freien. Das birgt doch Zündstoff.

Swart: Nein, das glaube ich nicht. Denn die Freelancer wollen so arbeiten. Ein Beispiel: Eine Schreibkraft aus Los Angeles hat in der Finanzkrise ihren Job verloren und sich auf oDesk angemeldet. Heute ist diese Frau nicht mehr abhängig von einem Arbeitgeber. Sie arbeitet für sechs verschiedene Kunden, verdient mehr als während ihrer Festanstellung und muss nicht mehr jeden Tag zwei Stunden im Stau stehen, um ins Büro zu pendeln. Sie kann sich die Arbeit frei einteilen, ihre Kinder von der Schule abholen, zwischendurch zum Yoga gehen, von zu Hause oder von Starbucks aus arbeiten. Für sie ist das wunderbar.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Dito1

In einer Welt, wo es in erster Linie um Ergebnisse und nicht Präsenz geht, sollte es genauso sein und nicht anders. Solange ich die Ergebnisse abliefere, die ich abliefern soll, ist es aus meiner Sicht völlig egal, wie ich diese erzielt habe. Ob Freitag zwischen 15.00 und 17.00 Uhr oder von Montag bis Freitag von 8.00 bis 17.00 Uhr.

Ich sehe eher ein anderes Problem mit Freelancern. Wie sieht es mit Betriebsgeheimnissen aus? Gerade in der Entwicklungsarbeit werde ich doch als Freelancer mein erworbenes Know-How überall einsetzen, während ich als fest Angestellter mein Know-How nur einem zur Verfügung stelle.