EU-VerbraucherschutzKeine Chance für Chanel?

Die EU will mehrere ätherische Öle in Parfums verbieten – sie reizen die Haut von Allergikern. Betroffen wäre auch das legendäre "No. 5". von 

Viermal "No. 5" von 1921 aus dem Nachlass von Coco Chanel

Viermal "No. 5" von 1921 aus dem Nachlass von Coco Chanel  |  © STAN HONDA/AFP/Getty Images

Ist das jetzt das Ende von Chanel No. 5? Kann die EU-Kommission diesen unsterblichen Duft auslöschen, das meistverkaufte Parfum der Welt, das an den Körpern weiblicher Ikonen der Kulturgeschichte selbst zu einer Ikone wurde? Zum Duft der Frau schlechthin und zum berühmtesten Werk einer Kunst, die sich geradezu meisterhaft der organischen Chemie bedient?

Zwar liegt es den Damen und Herren in Brüssel fern, einen 92-jährigen Bestseller abzuschaffen. Dennoch entwerfen sie gerade eine neue Richtlinie, die das Spektrum der Duftnoten stark einschränken könnte. Alle parfumierten Kosmetika auf dem europäischen Markt wären davon betroffen, Shampoos, Cremes, Deodorants, von Axe bis Yves Saint Laurent.

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Es geht der EU-Kommission um den Schutz der Bürger. Ein bis drei Prozent von ihnen reagieren allergisch auf bestimmte Duftstoffe, das sind immerhin fünf bis fünfzehn Millionen Menschen. Worauf und wie heftig, hat das Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS), das die Kommission berät, in einer Metastudie untersucht. Auf deren Grundlage empfiehlt es in einem Gutachten: 127 allergene Substanzen sollten auf der Verpackung deklariert werden, zwölf Duftstoffe müssten mit einem niedrigeren Schwellenwert versehen werden. Und drei gehörten ganz verboten.

Rabea Weihser
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Rabea Weihser leitet die Ressortgruppe Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Auf der schwarzen Liste stehen Baummoos und Eichenmoos, Botaniker nennen sie Evernia furfuracea und Evernia prunastri. Viele Kunden lieben diese pflanzlichen Extrakte wegen ihrer waldigen Note. Als Grundton finden sie sich in unzähligen Herrenparfums wie Old Spice, Nivea For Men, CK One oder Bleu de Chanel. Dermatologen schätzen die Moosauszüge weniger, denn einem Großteil ihrer Patienten verschaffen deren Inhaltsstoffe Chloratranol und Atranol nicht nur Wohlgeruch, sondern auch Ausschlag.

Zwar wird gerade Naturkosmetik als gut verträgliche Alternative zu synthetischen Cremes oder Parfums beworben. Firmen wie Weleda oder Dr. Hauschka arbeiten nur mit Rohstoffen aus dem Garten, nicht aus dem Reagenzglas. Und vor allem gesundheitsbewusste Kunden folgen diesem Ökotrend. Doch ausgerechnet ätherische Öle können die Haut besonders reizen. Das hat einen einfachen Grund: Schließlich produzieren die Pflanzen sie nicht nur als Bienenlockmittel, sondern vor allem als Abwehrstoffe gegen Schädlinge und als Schutz gegen Krankheiten. Sanftheit wäre da unangebracht.

Parfumeure reizen solche Öle auf ganz andere Art. Ob Ylang-Ylang, Jasmin oder Sandelholz: Naturstoffe sind besonders komplexe Bestandteile einer Duftkomposition, ihr Nuancenreichtum ist unnachahmlich. Ein echtes Rosenöl etwa besteht aus mehr als 400 Molekülen, deshalb kann eine geübte Nase so viel Schönes darin entdecken.

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Auch Ernest Beaux, der 1921 die Rezeptur von Chanel No. 5 für seine Auftraggeberin Coco Chanel entwickelte, setzte auf die Kraft der Natur. Seither wurde die Urformel wahrscheinlich immer wieder minimal moduliert, um den Anforderungen des Marktes zu genügen – No. 5, wie es heute als Parfum, Eau de Parfum, Eau de Toilette oder Eau Première im Laden steht, müsste wohl längst No. 500 heißen. Aber das hoch konzentrierte und extrem kostspielige Parfum Grand Extrait von Chanel No. 5 enthält ganz bestimmt noch immer echte Mairose und Jasmin von den Plantagen im französischen Grasse, zusammen mit, ja, Eichenmoos.

Leserkommentare
  1. "Ein bis drei Prozent von ihnen reagieren allergisch auf bestimmte Duftstoffe, das sind immerhin fünf bis fünfzehn Millionen Menschen. "

    Also sollen 97 bis 99 Prozent der Bürger der EU auf natürliche Düfte verzichten? Allein schon das Vorhaben ist verrückt. Wenn die EU das durchzieht, gibt es hoffentlich einen Aufschrei und Gegenwehr. Populärer würde es sie einmal mehr nicht machen.
    Dan könnte man auch gleich Kamillentee verbieten und die gesamte homöopathische Medizin. Und den Pollenflug im Frühjahr, unter dem noch viel mehr Manschen leiden.

    Warum führt man nicht einfach eine Kennzeichnung ein oder ein Siegel: "Frei von natürlichen Stoffen?"

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    • Moika
    • 05. September 2013 9:56 Uhr

    Interessant wird doch die Reaktion des großen Parfumherstellers Frankreich sein. Was wird Hollande unternehmen? Brüssel besetzen und die EU-Verbraucherschützer verhaften?

    Aber ein insgesamt sehr interessanter Artikel, bestätigt er doch das, was viele von uns schon immer vermutet - aber nie schwarz auf weiß bestätigt bekamen.

    • jwiemer
    • 05. September 2013 10:38 Uhr

    ... nein, aber mehr und mehr die Bürokraten-EU.

    Die Regelungswut und den Paternalismus empfinde ich langsam als unerträglich.

    • Atan
    • 05. September 2013 9:34 Uhr

    gefährlichen, nicht patentrechtlich geschützten Naturkram vorgegangen werden.

    Erst wenn Europa flächendeckend durch europarechtlich normierte synthetische Einheitsprodukte versorgt ist, die überaus gesundheitsbedenkliche Freiheit der Lebensgestaltung durch ein enges Vorschriftenkorsett gestützt wird und viele, viele Bürokraten Tag und Nacht das Supergrundrecht der Sicherheit durchsetzen, werden Europas Bürger ihre "Schöne, Neue Welt" hygienisch einwandfrei lieben.

    Hurra! Hurra! Hurra!

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    ...bestimmt über die Zukunft des Parfüms."

    Ich traue meinen Augen nicht. Sind wir wirklich (wieder) in der Situation, in der EINE Behörde glaubt zu wissen, was das Beste für den Bürger ist?

    Bis ins letzte Lebensdetail?

    Das darf doch nicht wahr sein.

    Auf Seite 3 des Artikels finden Sie ein Beispiel für einen dieser Stoffe, auf die manche Menschen allergisch reagieren. Da können Sie außerdem lesen und entdecken, dass die Substanz, HICC, erstens ein Synthetikum ist und zweitens patentiert.

    Aber ich vermute, dass wenn man im Titel eines Artikels schon liest, dass die EU irgendwas regulieren will, dann sind bei einigen Menschen gleich Schotten dicht, es wird zum Kommentarteil vorgespult und mal gleich Luft abgelassen.

    Man kann das ja gerne kritisch sehen, das ist ja auch völlig ok und gut so. Aber aber bitte erstmal lesen.

    • antinwo
    • 05. September 2013 9:37 Uhr

    es sterben jährlich tausende Menschen in der EU an Allergischen reaktionen auf z.B Erdnüsse, eigentlich sollte man essen komplett verbeten den 1.5 Prozent der Menschen werden bestimmt übergewichtig und schaden somit ihrer Gesundheit.

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  2. ...üble Exzem-Bilder auf die Flasche aufkleben ;-)

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  3. Nach dieser Logik kann man auch Brot verbieten. Meine Oma z.B. veträgt kein Brot, sie wird nicht die Einzige sein. Also: EU-weites Brotverbot!

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    Brot kann man essen oder nicht. Wenn einem jemand gegenübersitzt, der Brot isst, dann kann einem das herzlich egal sein. Bei Duftstoffen ist das ja einfach was anderes.
    Dass die EU versucht was gegen den enormen Anstieg der Allergien bzw. der Zahl Allergiker zu machen, ist prinzipiell ja erst einmal was Gutes. Welcher Weg dafür unternommen wird, scheint mir auch nach diesem Artikel aber erst einmal noch offen zu sein. Verbote sind für allerdings auch erst der wirklich allerletzte Weg bzw. nur dann angebracht, wenn wirklich eine akute Gefahr von einer Substanz ausgeht.
    Allergien bilden was das angeht schon eine Ausnahme bei der Prävention, da es sich um die einzige "Krankheit" handelt die signifikant höher in gehobenen Gesellschaftsschichten auftritt. Da liegt neben dem Sagrotan-Effekt als wohl der Hauptgrund ein Zusammenhang mit eher teurerer Naturkosmetik zumindest nicht gerade weit weg.

    Aber ist ja klar, dass hier gleich von der EU-Diktatur die Rede ist, die einem Vorschreiben will, wie man zu leben hat. Die EU nimmt einem alles, was im Leben Spaß macht, so wie sie uns schon DDT, TCDD und E605 genommen hat.

    Sie haben die "Logik" hier wohl nicht ganz begriffen. Um auf ihr polemisches Brot-Beispiel zurück zu kommen: Ob ihre Oma als Allergikerin Brot futtert oder nicht bleibt ihr überlassen. Wird sie jedoch unfreiwillig von Mitmenschen mit "Brot-Pollen" bombardiert sieht die Sache plötzlich ganz anders aus. Und jetzt einmal "Brot-Pollen" mit Parfüm austauschen und sie durchblicken die "Logik" um die es hier geht sicherlich.

    Ich und deine Oma hätte nichts dagegen, wenn glutenhaltige Lebensmittel entsprechend gekennzeichnet werden müssen. Das hindert niemanden daran weiter Brot zu essen.

  4. Wir brauchen euch, können unser Leben nicht selber meistern. Wir brauchen eure Verbote undzwar ganz dringend. Bitte bewahrt uns weiter vor schädlichen Einflüssen. Achso, guckt euch mal die Atomkraft an, ich habe gehört, die soll richtig schädlich sein... Achja, Lobby und so, da geht ihr ja nicht ran.

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  5. Für Kosmetika gilt heute ein besonders lasche Kennzeichnungspflicht. Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, den Konsumenten durch mehr Information eine informierte Kaufentscheidung zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Siehe auch:

    http://www.degruyter.com/...

    abgesehen davon ist auch dieser Artikel leider geprägt von wissenschaftlcihen Ungenauigkeiten und schwammig falschen Begrifflichkeiten...

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    • antinwo
    • 05. September 2013 9:57 Uhr

    zu jeglichen Stoffen die mit der Mensch nicht als Nahrung zu sich nimmt, sondern über die Haut oder die Lunge, ihn aber trotzdem in seiner Gesundheit beeinflussen können, vermisse ich schon seit langem

    Die Tendenz zeigt leider ein e sehr traurige Gegenbewegung, alle natürliche soll verboten oder patentiert werden, aber bei Monsantos gmo´s drückt man selbstverständlich mal ein Auge zu.

    Mittlerweile glaube ich Politik, ist ausschließlich Lobbygesteuert, der Bürger wird nur noch als Melkkuh wahrgenommen.

    • sauce
    • 05. September 2013 9:44 Uhr

    Kennzeichnung in Lebensmitteln macht Sinn. Allergische Reaktionen können da ja auch echt übel sein - und wenn eine eigentlich nußfreie Schokolade "Spuren von Erdnüssen" enthält, ist das für die Betroffenen wichtig zu wissen.
    Wenn man aber auf en Parfum reagiert, merkt man das schnell, bekommt lästige (nicht gefährliche) Pickel und es ist kein Problem darauf zu verzichten.
    Essen muß man (auch mal Schokolade ;) ) .... Parfum dagegen ist eher kein Grundbedürfnis.
    Wenn man darauf reagiert, läßt man es weg und fertig. Dazu braucht man nur Menschenverstand - und keine EU-Richtlinie !

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