Hundefleisch : Acht Stunden kochen

In China gilt Hundefleisch als Delikatesse und Potenzmittel: Seit Jahrtausenden schwören Feinschmecker darauf. Nun haben ihnen Tierschützer den Krieg erklärt.
Chinesische Tierschutzaktivisten demonstrieren in Yulin in der Südwestprovinz Guangxi vor einem Hunderestaurant, Juni 2013 © STR/AFP/Getty Images

Zum Beispiel der Hund in Meeresschildkrötensud, eine traditionelle Kaltspeise aus der Provinz Jiangsu: Man nehme einen Hund und eine Meeresschildkröte. Füge Salz, Kumin, Anis, Ingwer, Sanddornbeeren und elf weitere Gewürze hinzu. Lasse das Ganze acht Stunden lang unbedeckt bei mittlerer Hitze köcheln. Vor dem Servieren abkühlen.

In China essen sie Hunde, und das schon seit der Jungsteinzeit. Eine Ausnahme bildete die Regentschaft des Song-Kaisers Huizong (1082 bis 1135 nach Christus), der nämlich war im Jahr des Hundes geboren worden und verbat sich den Verzehr seiner astrologischen Artgenossen. Schon immer galt der Hund als Lieferant für das bessere Fleisch. Gebar eine Frau einen Jungen, gab’s zur Belohnung Hundefleisch, war’s nur ein Mädchen, musste sie sich mit Schweinefleisch begnügen. Hund zu essen sei gesund, sagen Ärzte der chinesischen Medizin, er wärme den Körper, stärke Niere und Magen, gilt als Potenzmittel. Hund sei eine Delikatesse, schwärmen seine Anhänger. "Drei Mal Hundefleisch zu kosten haut selbst eine Gottheit um!", lautet ein Sprichwort.

Jetzt aber sind den Hundeessern natürliche Feinde erwachsen – die Hundeliebhaber. In China ist ein Kulturkampf entbrannt. "Barbaren", "fiese Schlächter", schimpfen die Tierschützer, "möget ihr selbst im nächsten Leben als Hunde wiedergeboren werden!" Unvergessen der Moment, als ein Tierschützer vor zwei Jahren auf einer Autobahn in der Nähe von Peking einen Lkw erspähte, der 580 Hunde geladen hatte. Über Weibo, den chinesischen Twitterdienst, informierte er seine Mitstreiter. Innerhalb kürzester Zeit belagerten mehr als hundert Tierliebhaber den Wagen. Nach 15-stündigen Verhandlungen legten sie zusammen und kauften dem Fahrer seine Fracht für umgerechnet mehr als 13.000 Euro ab.

Die Fronten sind nicht ganz eindeutig. Es geht nicht so sehr um Arm und Reich, Stadt und Land als vielmehr um verschiedene Regionen. Längst wird der Hund nicht mehr überall in China gegessen, der Brauch hat sich vor allem im Nordosten gehalten und im Süden, in den Provinzen von Jiangsu, Guangxi und Guangdong.

Der Hund als Haustier ist auch in China nicht neu. Legendär das "Hundehaus" der berühmten kaiserlichen Witwe Cixi, in dem mehr als eintausend Möpse lebten, die rund um die Uhr von zehn Eunuchen betreut wurden. Täglich wurden den Tieren erlesene Speisen serviert, sie wurden gebadet und parfümiert, trugen Leibchen aus Leder und Seide. Die sie aber auch nicht vor Cixis Launenhaftigkeit schützen konnten. Bisweilen soll sie im Zorn einen Mops so weit von sich geschmissen haben, dass es ihm die Knochen brach. Die Schuld wurde dann gewöhnlich einem Eunuchen zugeschoben.

Im modernen China wird der Hund immer wichtiger. Die Ein-Kind-Politik macht viele Menschen einsam, Familien leben oft weit voneinander entfernt. Wo sonst keiner mehr ist, bleibt der Hund. Bisweilen wird er mit all der Hingabe verwöhnt, die Menschen in einer Gesellschaft der Einzelkinder gelernt haben. In Peking gibt es Hundeswimmingpools und Hundehotels, Hundetherapeuten und Hundesalons. Sie bieten Vierbeiner-Pediküre, Vierhändemassage oder die Lavendel-Solarium-Behandlung für den depressiven Hund. Wer sich an der Hundehaftigkeit seines Hundes sattgesehen hat, kann ihn komplett umstylen, zum Panda, Löwen oder Ninja Turtle.

Längst beschränkt sich die Tierschutzbewegung nicht nur auf den Hund. Nirgends aber kochen die Emotionen so hoch wie in seinem Fall.

Tierschützer bestürzt nicht allein der Hundeverzehr, sondern vor allem die Hundefleischindustrie. Nur der geringste Teil der zehn Millionen Hunde, die jährlich in China geschlachtet werden, stammen Aktivisten zufolge von offiziellen Hundezuchten. Sehr viel mehr Tiere würden verschleppt und einfach getötet. Hundefänger machen sich auf die Suche nach Straßenhunden, manchmal stehlen sie auch Haushunde. Der Transport, in winzigen Käfigen, verletzt und traumatisiert die Tiere, viele verenden schon auf dem Weg. Weil die Käufer ihr Fleisch am liebsten frisch haben, bestehen sie oft darauf, dass die Hunde im Restaurant oder Geschäft geschlachtet werden, so können sie prüfen, ob er gesund ist.

Das alles ist ohne Zweifel grausam und bestürzend. Und doch fragt man sich: Warum setzen sich in China so viele Menschen für Tiere ein, in Zeiten, da noch immer so viele Menschen leiden? Warum kämpfen sie für Tierrechte in einem Land, in dem keine Menschenrechte garantiert werden?

Vielleicht ist es nur menschlich, sich zuerst um das zu kümmern, was einem am nächsten steht. Wer fürchtet, dass sein liebster Schoßhund von Hundefängern geklaut wird, dem erscheint der Dissident hinter Gittern vielleicht vergleichsweise fern. So widersprüchlich der Kampf um Hunderechte in einem Land wie China anmuten mag: In erster Linie geht es um Empathie. Und wer Mitgefühl für Tiere verspürt, der wird es hoffentlich auch eines Tages für Menschen fühlen. Wer sich für Tierrechte einsetzt, dem werden möglichweise auch Menschenrechte nicht ganz egal sein.

In Deutschland wurden übrigens auch einst Hunde verspeist, noch im vergangenen Jahrhundert. Inzwischen darf man Hunde nicht mehr schlachten. Seit 1986.

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Kommentare

53 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

@ 11 Hampelmann

Das ist das Schlimme an den Dogmatikern aller Art und an den Vegetariern. Sie deuten alle Widersprüche des Daseins als bewusstes Handeln. Aber nun leben wir auch in einer Zeit, die die Eindeutigkeit und Aufrichtigkeit fordert wie früher der Calvinismus, der katholische Gottesstat oder der Sozialöismus mit der klaren Voraussetzung, dass selbstverständlich die Ausnahme die Regel bestimmt.

Sollen die Vegetarier auf Fleisch verzichten, die chinesischen Tierschützer auf Hundefleisch, appellieren und hoffen, dass sie Nachahmer finden. Wie alle Menschen, die die Welt nicht mit Feuer und Schwert verbessern wollen.