Es geschieht nicht oft, dass man auf einen so schöpferisch Verrückten trifft. Einen, der gar nicht anders kann, als das, was ihm begegnet, zu verknüpfen, zu überhöhen, in ein gelebtes Kunstganzes zu überführen. Und zwar alles! Menschen, Bücher, Fotografien, über den Tisch krabbelnde Insekten, griechische Mythen, pommersche Flussufer, Internetlektüren und einen warmen, fliegensummenden Sommernachmittag im August.

Quer über die Wiese seines Gutshauses im Dörfchen Nossendorf, südlich von Stralsund, kommt Hans-Jürgen Syberberg der Besucherin entgegen. Im hellen Leinenanzug mit Weste. Die schlohweißen Haare scheinen in der Bewegung zu wehen. Syberberg wirkt heiter und trotz seiner 77 Jahre überraschend jungenhaft.

Die Begrüßung ist so entspannt, als sei man schon zehn Mal da gewesen. "Möchten Sie Tee oder Sekt mit Holundersirup?", fragt Syberberg. "Oder vielleicht beides?"

Das ist er also. Der Mann, dessen Filme über deutsche Mythen und deutsche Katastrophen mit der Besessenheit und dem Wahnwitz ihrer Figuren verschmolzen: Adolf Hitler, Karl May, Ludwig II. Syberbergs Hitler – ein Film aus Deutschland, 1977 entstanden, wurde von Susan Sonntag zum "ehrgeizigsten symbolischen Kunstwerk unseres Jahrhunderts" erklärt. In dieser visuell entfesselten Fantasie führt er den Zuschauer in eine künstliche Atelierlandschaft, spaltet Hitler auf in eine Vielzahl von Stimmen, Schauspielern, Puppen und Marionetten, von der Chaplin-Figur über die Wagner-Ausgeburt und einen Stroboskop-Teufel bis zur trivialen Vision seines Kammerdieners. Die Mischung aus Totentanz, Horrorkabinett und Nazi-Hölle, angefüllt mit Kulturtrümmern, umwogt von farbigen Nebeln, entspricht Syberbergs tiefer Überzeugung, dass Trauerarbeit nur geschehen kann, wenn man sich der Faszinationskraft des "Dritten Reiches" stellt und den "Hitler in uns" erkundet.

Immerzu füttert er das Internet mit Weisheiten und Schnappschüssen

Es war sein fünfstündiger, aus einem einzigen Interview bestehender Film Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried, der die Freundschaft des Bayreuther Clans mit Adolf Hitler offenbarte und deshalb von den Wagners erbittert bekämpft wurde. In seinen Schriften und Notizen wiederum geißelte Syberberg die Kunstfeindlichkeit der bundesrepublikanischen Gesellschaft und eine pluralistische Demokratie, die für ihn nur ästhetisches Mittelmaß hervorbrachte. Die einen feierten den Film- und Theaterregisseur als hellsichtigen Romantiker, Kleist-Deuter und Parsival-Kenner. Die anderen sahen ihn als Irrationalisten und Reaktionär, der mit schiefen Vergleichen den Nationalsozialismus verharmlose. Syberberg sagte immer, was ihm nicht passte, und es war selten das Passende.

Im Eingangszimmer des weiß gestrichenen Gutshauses aus dem 19. Jahrhundert steht Helga Syberberg, eine Frau mit grauen Haaren und schelmischem Lächeln. Mit leicht österreichischem Einschlag entschuldigt sie sich für die tickende Eieruhr in ihrer Hand: "Ich hab’ da was im Rohr." Vielleicht braucht es dieses Lächeln und eine gewisse österreichische Weltnachsicht, wenn man mit einem wandelnden Kunstwillen zusammenlebt. Beim Blick in die spülmaschinenlose Küche erwähnt Helga Syberberg beiläufig, wie sehr ihr Mann halt an dem betagten Spülstein hänge, der ihn an seine Kindheit erinnere.

Es sind nur wenige Meter von der Haustür bis zum lichten Esszimmer, aber schon hat man das Gefühl, eine bewohnte Bühne zu betreten. Hinter einem Türrahmen stehen anmutige Gipsnachbildungen zweier Skulpturen des preußischen Bildhauers Johann Gottfried Schadow, die Syberberg bei seiner Penthesilea-Aufführung verwendete. An der Wand hängt eine Rubens-Kopie der mythischen Jägerin Atalante. Das Bild aus dem Familienbesitz habe er über das Internet gefunden und zurückgekauft, erzählt Syberberg stolz. "Und zwar ziemlich überteuert", sagt seine Frau und stubst ihn in die Seite. Syberberg zeigt auch die alte Scheune, Lesungs- und Projektionsort, an dem die Kulissen seiner Aufführung von Kleists Die Marquise von O. hängen: Gemälde von Schloss Friedersdorf und dem Berliner Schloss 1945, kurz vor der Sprengung. Von seinen Einpersonen-Inszenierungen mit der Schauspielerin Edith Clever sprechen bis heute alle, die dabei waren, mit quasi-religiöser Ergriffenheit.