Dass der Ehering etwas zu locker an ihrem Finger sitzt, zeigt, wie sehr die letzten Jahre an ihr gezehrt haben. Die Jahre, seit sie Kinder hat. Nächte ohne Schlaf, die Überforderung, Angst und die zwei Kinder, die sie sich anders vorgestellt hatte. Nicht so anstrengend, nicht so schwierig. Und die Ehe, schwierig auch die. Geldprobleme und Streitereien, die ausarten, vor allem wenn Alkohol im Spiel ist. Ihr Mann, kontrollierend, eifersüchtig, sie fühlt sich eingeengt, allein. Nun ist Hannah Graber, 38, wieder schwanger. Schwanger geworden in einer Nebenbeziehung mit einem Mann aus der Nachbarschaft, einem Kollegen des Ehemannes. Wäre da nicht ihre katholische Vergangenheit, der Fall wäre klar. Abtreiben. So aber sieht sich Hannah in der größten Krise ihres Lebens und sucht Hilfe bei der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK).

Hannah Graber, das bin ich. Ich habe mir ihr Leben und ihre Geschichte ausgedacht. Ich habe sie mit Kleidern und einem Telefon ausgestattet und werde ihr einen anderen Dialekt leihen. Ich werde in ihrem Namen Dinge sagen, die nicht stimmen, und eine Beratung in Anspruch nehmen, die ich nicht brauche. Ich will wissen, wie eine Beratung der SHMK abläuft. Ob sie professionell, unabhängig und kompetent ist, wie dies versprochen wird. Oder ob die politische Mission des Vereins Mamma, der hinter der SHMK steht und der gegen jede Form der Abtreibung kämpft, bis ins Beratungszimmer reicht. Ich tue dies, weil die Öffentlichkeit ein Recht hat, zu wissen, mit wem die Spitäler in Olten, Einsiedeln, Davos und bald auch in Bellinzona kooperieren, wenn sie sich von der SHMK Babyfenster finanzieren und unterhalten lassen. Und dass sie, wenn sie der SHMK eine Plattform bieten, auch deren politischen Absichten eine Bühne bereiten. Zum Beispiel der Volksinitiative "Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache", deren Mitinitiant Dominik Müggler ist – der Vater der Babyfenster, der gleichzeitig die SHMK und den Verein Mamma präsidiert. Die Initiative wird in der anstehenden Herbstsession im Ständerat behandelt.

Ich sitze am Küchentisch, wähle ein erstes Mal die Gratisnummer der SHMK-Hotline. Trotz Mittagszeit werde ich sofort an eine Beraterin weitergeleitet. Sie zeigt Verständnis für meine Geschichte und lässt mich wissen, dass es kein Problem sei, ein Kind von einem fremden Mann zu bekommen. Dass dies aber auch kein Grund sei, eine Schwangerschaft zu beenden. Und dass sie mich treffen möchte. Bald steht der Termin, die Bestätigung kommt per SMS.

Ich frage nach: "Sie haben gesagt, mein Mann muss nicht wissen, dass er nicht der Vater ist. Wie kann ich mit einem solchen Geheimnis leben? Für immer? Was tun, wenn das Kind dem wahren Vater gleicht?" Die Beraterin gibt mir, wieder per SMS, zu bedenken: "Wie können Sie mit dem Geheimnis leben, dass Sie ein Kind abgetrieben haben?? Wenn der Vater nicht dunkelheutig (sic!) ist, fällt das nicht auf! Die Verwandtschaft, der man ähnlich sehen kann, ist gross."

Die Aussage erstaunt, kenne ich doch selber Geschichten von Kuckuckskindern, die so frappant dem leiblichen Vater gleichen, dass das Geheimnis auffliegt.

Die SHMK versteht sich als unabhängiges Hilfswerk. Sie ist von der Zewo zertifiziert und lässt ihre Buchhaltung von PricewaterhouseCoopers prüfen. Die Beraterinnen stehen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr zur Verfügung und bieten Frauen und Paaren, "die durch Schwangerschaft in Not geraten sind", rasche Hilfe an. Letztes Jahr gaben sie 1191 Menschen Rat, 321 von ihnen befanden sich in "akuter Abtreibungsgefahr". Die große Mehrheit habe sich nach der Beratung für das Kind entschieden. So schreibt es Dominik Müggler im Jahresbericht 2012. Seine Stiftung finanziert sich ausschließlich über Spendengelder. Letztes Jahr flossen ihr 4,47 Millionen Franken zu.

Bahnhof Basel. Haare toupieren, Augenringe schminken. Umziehen. Im Schließfach verstaue ich, was nicht Hannah gehört. Löse eine Fahrkarte nach Münchenstein-Gartenstadt, steige ins Tram.

Was würde Hannah erwarten, wenn sie nicht bei der SHMK Hilfe suchen würde, sondern bei einer staatlich anerkannten Beratungsstelle? "Unser oberstes Prinzip ist die Ergebnisoffenheit der Beratung. Wir informieren neutral, unterstützen Frauen und Paare in ihrer Entscheidungsfindung, zeigen verschiedene Lösungsmöglichkeiten auf und weisen auf Risiken hin", sagt Christine Sieber von Sexuelle Gesundheit Schweiz, der Dachorganisation dieser Beratungsstellen. "Wird eine Frau zu einer Entscheidung gedrängt, kann ein Schwangerschaftsabbruch zu einem traumatischen Erlebnis werden."

An der Tramhaltestelle treffe ich die Beraterin, eine Kollegin der Frau, mit der ich bisher Kontakt hatte. Sie ist erstaunt, dass ich es bin. "Ich hätte Sie jünger geschätzt, nicht 38" ist ihr erster Satz. Und den zweiten Satz, den wird sie in den folgenden 90 Minuten häufiger sagen als jeden anderen: "Haben Sie keine Angst, Hannah, wir helfen Ihnen." Sie legt die Hand auf meinen Arm. Ein Satz, eine Geste, die auch den ehemaligen Mitarbeitenden geläufig sind, mit denen ich später Kontakt haben und die mir bestätigen werden, dass die Beratung, wie ich sie erlebe, "sehr typisch" sei.

Im Beratungszimmer stehen neben der Kinderspielecke ein Sofa, zwei Sessel, ein Clubtisch, darauf ein Stapel mit Unterlagen, zuoberst eine ausgedruckte Mail mit meiner SMS-Nachricht vom Vormittag: "Abtreibung ist erlaubt bis 12. Woche, oder? Kann ich das mit Medikament machen? Kann ich das bei Ihnen bekommen (kaufen?)"