Aber sind sie nicht alle gleich schlimm – das syrische Regime und die syrischen Rebellen, Alawiten und Sunniten, die mörderischen Soldaten und die mörderischen Glaubenskämpfer? Für viele, die aus der Ferne entsetzt zusehen, ist dieser Bürgerkrieg in eine Wolke von politischer und moralischer Unübersichtlichkeit gehüllt. Wie soll man da zwischen Gut und Böse unterscheiden und Partei ergreifen? Warum soll man gar Militär einsetzen, um den einen Schurken gegen die anderen zu Hilfe zu kommen?

Der Giftgasangriff in der vergangenen Woche, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom Regime zu verantworten ist, hat die Welt aus diesem Gefühl der lähmenden inneren Unentschiedenheit aufgeschreckt. Ein vergleichbares Kriegsverbrechen der Rebellen hat es nicht gegeben; das Regime hat eine international als Tabu geltende Grenze überschritten und so für einen Augenblick moralische Klarheit hergestellt. Auch damit, nicht nur mit dem Ausmaß der angerichteten Verheerung, hat es zu tun, dass es nun vermutlich erstmals zu einer militärischen Strafaktion gegen Assad kommen wird.

Insgesamt kann freilich keine Rede davon sein, dass die syrische Opposition in diesem Konflikt nur Opfer und unschuldig wäre. Kriegsverbrechen und Grausamkeiten werden auch von Anti-Assad-Kämpfern begangen. Das wohl makaberste Beispiel wurde im Mai bekannt: Auf einem Video war ein Rebellen-Kommandeur in der Nähe der Stadt Al-Kusair zu sehen, der einem gefallenen gegnerischen Soldaten Herz und Leber aus dem Leib schneidet und unter den "Allah ist groß"-Rufen seiner Leute ein Stück davon abbeißt.

Unter den Assad-Gegnern finden sich militante Islamisten, die einen Schrecken für das eigene Land und eine Gefahr für die Region darstellen. Möglicherweise ist die Radikalisierung auch auf der Rebellenseite schon so weit fortgeschritten, dass es auf absehbare Zeit keine Befriedung des Landes geben kann, sondern nur eine sich weiter drehende Spirale der Gewalt. Das wäre der Albtraum: dass es gar nicht mehr um Assad und seine politischen Gegner geht, sondern um eine zum tödlichen Hass gesteigerte Feindseligkeit zwischen den Religions- und Bevölkerungsgruppen.

Zweierlei jedoch darf man dabei nicht übersehen. Zum einen ist die Radikalisierung der syrischen Rebellen kein Naturgesetz, sondern mitverschuldet vom Verhalten des Auslands. Die politisch einigermaßen verantwortlichen, dem Westen gegenüber aufgeschlossenen Oppositionskräfte haben für ihre Haltung außer freundlichen Worten nichts bekommen – keine relevanten Waffen- und Munitionslieferungen, geschweige denn eine unterstützende Militärintervention. Es hat sich in diesem Bürgerkrieg bisher schlicht nicht ausgezahlt, Maß zu halten und Vernunft walten zu lassen. Kein Wunder, dass dann der Radikalismus als Alternative attraktiver wird. Man müsste stattdessen den Richtigen helfen, um den Zulauf zu den Falschen einzudämmen.

Der zweite Punkt ist für die politisch-moralische Einschätzung noch wichtiger. Man muss sich klarmachen, wer in Syrien zuerst zur Gewalt gegriffen hat, und vor allem: wer bis heute die Eskalationsdynamik vorantreibt. Das ist ohne Zweifel das Regime in Damaskus. Der Konflikt hat vor zweieinhalb Jahren, im März 2011, nicht als Aufstand begonnen, sondern mit friedlichen Demonstrationen im Zuge des Arabischen Frühlings. Es war die Regierung Assad, die sich für die Niederschlagung des Bürgerprotests statt für ernsthafte Reformen und Demokratisierung entschied. Die Diktatoren Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten hatten nach anfänglichem Widerstand ihre Macht aufgegeben. Assad wählte den Krieg gegen das eigene Volk.

Seitdem ist es wieder und wieder das Regime gewesen, das Gewaltschwellen überschritten und zu immer massiveren Kampfmitteln gegriffen hat. Der Einsatz von Panzern (bereits im Mai 2011), schwerer Artillerie, der Luftwaffe mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen, schließlich von Scudraketen – alle diese Steigerungen der Kriegsintensität sind von der Führung in Damaskus ausgegangen. Sogar die Marine griff ein, von Kanonenbooten aus, die im August 2011 vor der umkämpften Küstenstadt Latakia lagen.