Die Menschen sehnen sich nach Wurzeln – und seien es die von Rettich und Roter Bete. Mitten in der Stadt, zwischen Altglascontainern und Gullydeckeln, beginnen sie mit dem Graben, Gießen, Unkrautzupfen, lassen das Handy ruhen und beackern die Wirklichkeit mit der Hacke. Hier ist der Mensch kein User irgendwelcher Pods und Pads, nicht Objekt ferner Interessen. Er buddelt selbst, erntet selbst, spürt dieses Selbst mit allen Sinnen, vor allem wenn ihn mal wieder die Brennnesseln stechen.

Lange galt die Stadt als jener Ort, an dem die Bewohner glücklich waren, endlich keine Feldarbeit mehr verrichten zu müssen, nicht länger abhängig zu sein von den Unbilden des Wetters. Nun beginnt sich dieser Emanzipationsprozess neu auszurichten: Als freies Ich darf sich betrachten, wer Möhren aus der Erde gräbt. Und so ist Urban Gardening längst mehr als bloß eine Sommerlaune der Wohlstandsjugend. In den urbanen Hochbeeten gedeiht neben dem Gemüse auch ein kultureller Wandel.

Selbst dort, wo man es nicht unbedingt erwarten würde, in Kassel oder Minden, verschieben sich Sinn und Bestimmung des öffentlichen Raum. Und damit verändert sich nicht selten die Art, wie die Bürger sich selber sehen, als Einzelne und als Gemeinwesen. In Andernach zum Beispiel, 30.000 Einwohner, nördlich von Koblenz am Rhein gelegen: Dort begann die Verwandlung vor drei Jahren mit einem geradezu anarchistischen Beschluss. Es schien, als wollte Lutz Kosack, dem Status nach Sachbearbeiter, verantwortlich für das städtische Grün, mit einem mal der oberste Guerilla Gardener sein: Keine Eisbegonien mehr, keine Tagetes, gleich mehrere adrette Blumenrabatten ließ er umgraben. Ebenso die tristen Wiesen an der Stadtmauer, die ohnehin nur noch als Hundeklo dienten. Und pflanzte dort Tomaten und Zwiebeln, Zucchini und Kohl, auch Kartoffeln, dazu Beerensträucher, Feigen, Quitten, Knackmandeln. Und zusammen mit seinen Kollegen verlieh er Andernach einen neuen Titel: die essbare Stadt.

Nein, es war nicht die Idee irgendwelcher Imageberater. Nicht das Touristenamt oder eine Wirtschaftsförderagentur, sondern Kosack und einige Mitstreiter hatten beschlossen, ihre Stadt als einen Kulturraum der anderen Art zu erproben: als Ort des Blühens, Pflückens, Schmeckens. Nicht einmal einen Ratsbeschluss gab es dafür, sie wollten sich nicht durch ein langes Wenn und Aber abhalten lassen, sie schritten zur Tat. Als die ersten Pläne bekannt wurden, an einem 1. April, dachten viele Andernacher an einen schlechten Scherz.

Heute sind die meisten stolz auf die ebenso simple wie seltsame Initiative. Neugierige aus den Nachbargemeinden schauen vorbei, selbst aus der Schweiz und Holland kommen Besucher, um die Gurken und Weinranken zu besichtigen. Als in diesem Sommer ein Kongress tagte, um über urbanen Gemüseanbau zu diskutieren, zeigten sich gleich einige Dutzend Stadtverwaltungen hellauf begeistert. Vermutlich dürften es Eisbegonien vielerorts schon bald sehr schwer haben.

Neulich erst riefen die Freiburger an und wollten wissen, was man denn bei öffentlichen Gemüsebeeten beachten müsse und welche Art von Zaun die Andernacher empföhlen. Sie bekamen die lapidare Antwort: keine. Es gehört zum Risiko und Reiz der essbaren Stadt, dass sie sich nicht abschirmt wie ein Schreber- oder Gemeinschaftsgarten. Sie gehört allen und niemandem, ihre Bewohner sind ihre Besitzer, daran werden sie von den Rüben, Erbsen und Erdbeeren erinnert. Und es bleibt dem freien Spiel der vielen überlassen, was sie aus diesen ungewohnten Eigentumsverhältnissen machen.

Anfangs, erzählt Kosack, hätten manche an den Kartoffelpflanzen gezogen, einfach um zu sehen, ob sie schon reif sind. Auch ein Feigenbaum kam abhanden, weil wohl jemand dachte, nicht nur die Früchte, sondern die ganze Pflanze dürfe man mitnehmen. Die meisten Bürger hingegen strichen recht zögerlich an den Beeten vorbei, weil sie nicht wussten, was denn hier nun zu tun, was gestattet sei. Eine urbane Erfahrung, bei der das vertraute Terrain der Stadt mit einem Mal auf verführerische Weise fremd erschien. Es gab und gibt keine Regeln, jeder muss sich selbst ins Verhältnis setzen: zu anderen und zu dem, was dort vor den Augen aller heranwächst. Wie viel darf ich nehmen? Was soll ich teilen? Nolens volens erfährt sich der Bürger hier als Gemeinwesen, auf riechende, schmeckende Weise nimmt er Anteil an dem, was ihm und allen offensteht.