Mercedes-Benz ist bekanntlich mächtig stolz auf seine elektronischen Fahrhilfen. "Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen" lautet der Werbespruch für den Bremsassistenten, der das Auto von selbst verzögert, bevor es zu einem Unfall kommt. Wie wunderbar das funktioniert, konnte man in zahlreichen offiziellen Werbespots sehen – und jetzt auch in einem inoffiziellen, der von Tobias Haase, einem Studenten der Filmakademie Ludwigsburg, als Abschlussarbeit produziert wurde. Große Aufregung! Millionenfache Abrufe im Internet, Distanzierung des Autobauers, Empörung in den Medien. Warum?

Das meisterhafte Video, meisterhaft schon in seiner Imitation der Werbeästhetik, erweitert die ohnehin leicht vermessene Botschaft der Reklame kurzerhand um eine sarkastische geschichtsphilosophische Pointe. Der Mercedes, der dort offenbar auf einer Zeitreise in ein Dorf des späten 19. Jahrhunderts gelangt ist, bremst ein erstes Mal vorbildlich vor spielenden Kindern – ein zweites Mal aber, als ihm noch ein kleiner Junge vor den Kühler läuft, bremst es nicht, "Adolf", schreit die entsetzte Mutter, und wenig später sieht man den Buben tot in Form eines Hakenkreuzes auf der Fahrbahn liegen. Das Ortsschild, von dem tüchtigen Mercedes wenig später passiert, trägt die Aufschrift Kronland: Oberösterreich, Ortschaft: Braunau am Inn. Dann, triumphierend, der große Satz "Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen".

Gemessen an der humorlosen Medienempörung – Brutalität, Kinderfeindlichkeit, Trivialisierung Hitlers –, ist die Reaktion des Autobauers, der nur auf dem Hinweis bestand, mit dem Video nichts zu tun zu haben, vergleichsweise verhalten. Und in der Tat liegt die feindselige Pointe woanders. Sie richtet sich gegen jenen Typus der philosophisch überhöhenden Werbung, die Versicherungen, Bankdienstleistungen und selbst Konsumprodukte mit einer Aura des Metaphysischen und Existenziellen versehen möchte. "Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen" – wenn das stimmen sollte, sagt das Video, müsste das Auto quasi über Fähigkeiten der Vorsehung verfügen und also gegebenenfalls, vor einem kommenden Ungeheuer der Weltgeschichte, auch einmal nicht bremsen.

Die Parodie entlarvt den Größenwahn der Werbesprache durch Ausbuchstabieren – und zeigt damit, was wirkliche Kunst dem angemaßten Kunstcharakter der Werbung doch noch voraus hat: die Konsequenz und eine Radikalität, vor der sich Reklame immer hüten muss, damit sich nicht der Schleier hebt vor ihrer wahren Banalität. Das behauptete Pathos ist nur Camouflage, Tarnfleck der Werbung.