Zeitungen werden von Journalisten gemacht. Bis zum Morgen dieses Tages schien das allen in dem stickigen Saal am Stadtrand von Hagen in Westfalen eine Selbstverständlichkeit. Ohne Journalisten gibt es keine Zeitung: So hätten sie Kindern erklärt, was ihr Beruf ist.

Doch an diesem Tag ist nichts mehr selbstverständlich, und was ihr Beruf ist, was er sein wird, wissen die Männer und Frauen im Saal nicht mehr.

Es ist Dienstagabend, der 15. Januar dieses Jahres. Draußen fällt Schnee in dicken Flocken, drinnen rinnt Kondenswasser die Fensterscheiben herunter. 80 Redakteure, Fotografen und freie Mitarbeiter sitzen auf Stühlen und Tischen, stehen an der Wand. Sie tragen Rollkragenpullis und Jack-Wolfskin-Jacken. Gerade noch haben sie an der aktuellen Ausgabe der Westfälischen Rundschau gearbeitet, die am nächsten Morgen an Kiosken liegen und in Briefkästen stecken wird, Titelzeile: Bessere Versorgung älterer Kranker. Eine Redakteurin hat über einen Prozess gegen ein Dortmunder Recycling-Unternehmen geschrieben, eine freie Mitarbeiterin über die Auftragslage der heimischen Autohändler.

In zwei Wochen werden sie keine Artikel mehr schreiben, keine Fotos mehr schießen. Nicht für die Westfälische Rundschau (WR). Die Zeitung ist – oder war – das linke Flaggschiff der Essener Funke Mediengruppe, die bis vor Kurzem noch WAZ Mediengruppe hieß. Am Vormittag hat einer der drei Geschäftsführer des Verlags verkündet: "Es wird komplett geschlossen."

120 Redakteure, 180 freie Mitarbeiter. Freigestellt zum 1. Februar.

"Das ist eine Riesensauerei!", ruft jetzt ein Ver.di-Gewerkschafter. "Euch rauszuschmeißen und das erst zwei Wochen vorher zu sagen!" Ver.di hat das Treffen zusammen mit dem Deutschen Journalisten-Verband im Haus Busch in Hagen organisiert, wo viele der Redakteure ausgebildet wurden. Es ist eine Versammlung gegen die Ohnmacht.

Der Gewerkschafter skizziert den Weg des Widerstands: Klagen, Shitstorms, Streiks.

Eine Frau ruft: "Wir sind ja angehalten, bis zum Schluss schön weiter Zeitung zu machen. Die drohen schon damit, dass sie uns in den nächsten zwei Wochen fristlos kündigen und wir keine Abfindung kriegen."

Eine andere muss, kaum dass die Versammlung angefangen hat, schon wieder gehen. Sie schiebt einen Kinderwagen vor die Tür und sagt: "Zum Glück arbeitet mein Mann in einer anderen Branche."

"Unser Ziel ist es, die ›Westfälische Rundschau‹ zu erhalten und damit die Medienvielfalt in dem Verbreitungsgebiet sicherzustellen." ( Pressemitteilung der WAZ Mediengruppe vom 15. Januar)

Wenn die 120 Redakteure und 180 freien Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau ihre Arbeit verlieren, wird das der Leser vielleicht erst einmal gar nicht merken. Die Zeitung erscheint weiter. Die WR, eines der ersten Blätter, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lizenz erhielten, Auflage Anfang des Jahres: 115 000, produziert zwar vom 1. Februar keine eigenen Artikel mehr. Aber sie druckt jetzt einfach Fotos und Texte von anderen Zeitungen der Funke Mediengruppe und von der lokalen Konkurrenz.

Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Eine Zeitung wird ohne Journalisten gemacht.

Die Region kennt die Härte des Niedergangs. Zechen und Stahlwerke wurden geschlossen, das Opel-Werk in Bochum steht vor dem Aus. Jetzt trifft es einen neuen Sektor, Menschen, die studiert haben und in Büros arbeiten.

Seit Anfang des Jahrtausends ist das Wort "Zeitungskrise" in der Welt, das manche Journalisten inzwischen fast mit selbstquälerischer Lust verwenden.

Es stimmt ja: Die Printbranche ist im Umbruch, sie muss sich verändern, und die Lösungen liegen nicht eben auf der Hand. Das Geschäft mit den Kleinanzeigen wanderte ins Internet ab. Zeitungen bauten Online-Auftritte auf, mit denen die meisten Verlage Verluste machen. Viele Regional- und Lokalblätter verkaufen inzwischen immer weniger Zeitungen, erzielen aber immer noch Renditen, die manche Dax-Unternehmen vor Neid erblassen lassen.

Manche Verlage, die weder große Auflage noch große Renditen machen, haben kapituliert und lassen ihre Zeitungen sterben. Gruner + Jahr etwa stellte im vergangenen November die Financial Times Deutschland ein. Andere Häuser lassen ihre Zeitungen bis zur Unkenntlichkeit schrumpfen. So erging es der Frankfurter Rundschau, die ebenfalls im November Insolvenz anmeldete und vom einstigen Erzfeind, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, übernommen wurde.

Und dann gibt es Verlage, die Redaktionen zusammenlegen, um mit weniger Leuten mehr Produkte befüllen zu können. Dieses System perfektionierte die WAZ Mediengruppe mit ihren vier nordrhein-westfälischen Zeitungen schon vor der Schließung der WR.

Auf die Finanzierungskrise des Journalismus reagierte der Konzern mit einer schlichten Antwort: Wenn weniger Geld herauskommt, stecken wir auch weniger Geld hinein.

Synergieeffekte, Zentralisierung, Konzentration auf die Kernbereiche, das waren die Schlagworte.

Auf den ersten Blick scheint das plausibel, doch wie würden wir reagieren, wenn der Autohersteller Opel einen Absatzrückgang seiner Autos damit kompensieren wollte, dass er an der Qualität spart und die neuen Wagen nur noch mit vier Gängen und ohne Airbags ausliefert?