Wann ist ein Rabauke einfach nur ein Rabauke – und wann braucht er medizinische und therapeutische Hilfe? Stellen Ärzte übereifrig Diagnosen, weil unsere Gesellschaft laute und hibbelige Kinder – vor allem Jungs – nicht mehr erträgt? Weil Mediziner und Pharmaindustrie Geld verdienen wollen? Oder haben die Kinder ein ernst zu nehmendes Problem? Diese Fragen stehen immer im Raum, wenn es um die "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) geht und um ADS, die Variante des Syndroms ohne Hyperaktivität.

Zuletzt befeuert wurde die seit Jahren andauernde Debatte über ADHS durch eine Auswertung der Barmer GEK. Im Januar teilte Deutschlands größte Krankenkasse mit, seit 2006 habe sich die Zahl der ADHS-Diagnosen um satte 42 Prozent erhöht. 750.000 ihrer 8,69 Millionen Mitglieder lebten schon mit der Diagnose, das Gros davon Kinder: 472.000 Jungen und 149.000 Mädchen unter 19 Jahren. Fast jeder fünfte Junge zwischen sechs und elf Jahren müsste demnach an der Störung leiden, hieß es. Rolf-Ulrich Schlenker, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer, warnte: "Wir müssen aufpassen, dass die ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren." Angesichts der rasant steigenden Ausgaben für Medikamente gegen ADHS – statt elf Millionen Tagesdosen des Wirkstoffs Methylphenidat im Jahr 2000 wurden 2010 bundesweit schon 56 Millionen Dosen verschrieben – setzte Schlenker nach: "Pillen gegen Erziehungsprobleme sind der falsche Weg."

Die Barmer-Untersuchung schien den Verdacht zu bestätigen, ADHS sei bloß eine Erfindung versagender Eltern und der nimmersatten Pharmaindustrie. Aber es handelte sich um keine repräsentative Studie, weil die Daten nur von einer einzigen Krankenkasse stammten.

Die Debatte über eine angebliche Generation ADHS, die daraufhin entbrannte, konnte keine Antwort auf die Frage geben, ob ADHS nun eine Psycho-Mode oder doch eine ernst zu nehmende Störung ist. Das liegt daran, dass beides stimmt.

Die Existenz der ADHS ist unter Medizinern und Psychologen keineswegs umstritten – wohl aber sind es die Häufigkeit und die Qualität vieler Diagnosen. ADHS gilt nicht als Krankheit, sondern beschreibt ein Syndrom. Obwohl Kinder mit ADHS so schlau und begabt sein können wie andere, schaffen sie es nicht, im Unterricht oder beim Essen eine längere Zeit lang still zu sitzen und ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren, Eindrücke zu filtern, zu gewichten und zu verarbeiten. Sie werden überflutet von Informationen. Schulversagen und ein schwieriges Sozialverhalten sind oft die Folge. Kinder mit ADS sind nicht zappelig, neigen jedoch stärker zu unkontrollierten Handlungen – oder gleiten verträumt bis zur Selbstvergessenheit durch den Tag. Die Grenzen zwischen einem kindlichen Verhalten, das noch als normal gilt, und krankhaften Veränderungen der Psyche bleiben häufig unscharf.

Wie entsteht ADHS? Tobias Banaschewski, Ärztlicher Direktor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, sagt, "dass es die eine neurobiologische Ursache für das Syndrom genauso wenig gibt wie die Möglichkeit, ADHS allein durch Umwelteinflüsse wie falsche Erziehungsmethoden auszulösen". Ziemlich gesichert sei, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft geraucht oder Alkohol getrunken haben, häufiger Gefahr laufen, die Störung zu bekommen. Es gibt aber auch genetisch bedingte Anlagen für ADHS.

Bei vielen ADHS-Kindern sind Areale im Stirnlappen des Gehirns beeinträchtigt, die für die Selbstkontrolle des Menschen zuständig sind, für die Koordination und Planung seiner Handlungen. Das Wachstum dieser Hirnzonen hinkt dann der intellektuellen Entwicklung hinterher. ADHS-Kinder sind deshalb oft vergesslich, und auch ihr Zeitgefühl ist beeinträchtigt.

Zudem ist die Ausschüttung von Dopamin gestört, der körpereigenen Belohnungsdroge. Das führt dazu, dass das Gehirn schlechter in der Lage ist, Reize zu gewichten und zu verarbeiten.

Jedes zweite ADHS-Kind, sagen Experten, braucht Medikamente, um die Symptome für sich und die Umwelt erträglich zu machen. Denn ADHS-Kinder handeln oft impulsiv und aggressiv. Sind auch die Langzeitwirkungen auf das Gehirn nicht ganz erforscht, so gilt doch der Wirkstoff Methylphenidat (verkauft etwa unter den Namen Ritalin und Concerta) als probates Psychopharmakon. Er macht nicht süchtig.

Kinderärzte dürfen seit 2010 keine Psychopharmaka mehr gegen ADHS verschreiben, sondern müssen dies Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen überlassen. Aber auch die sind in der Diagnostik nicht unbedingt sattelfest: Wissenschaftler der Universitäten Basel und Bochum baten letztes Jahr 1.000 Psychotherapeuten und Psychiater, vier Fallgeschichten nach Aktenlage zu begutachten und anzugeben, ob ADHS vorlag. Nur eine Fallgeschichte erfüllte tatsächlich alle Kriterien für ADHS. Wo das Syndrom nicht hätte diagnostiziert werden dürfen, irrte sich jeder sechste Teilnehmer der Studie. Der eine tatsächliche Fall wiederum wurde bei sieben Prozent der Begutachtungen übersehen.

Ob Eltern Verständnis, Hilfe und Therapien für ein ADHS-Kind bekommen, hängt in Deutschland zu einem großen Teil vom Wohnort und von den Lehrern ab. In vielen Regionen kann es Monate oder gar Jahre dauern, bis Kinder einen Platz in einer Verhaltens-, Ergo- oder Psychotherapie ergattern oder Eltern in einer Erziehungsberatung – falls es diese Angebote überhaupt gibt.