Eine kleine, ordentliche Wohnung im Speckgürtel einer großen Stadt im Westen Deutschlands: viele Möbel aus Holz und Imitat, ein Ledersofa in hellem Grün, den Esstisch schützt eine transparente Plastikdecke. Hier wohnt eine scheinbar typisch deutsche Familie zur Miete. An den Wänden und in der Schrankwand finden sich Fotos, die meist zwei hübsche, lachende Jungen zeigen, acht und vier Jahre alt – die Söhne der Gastgeberin und ihres Mannes. Nichts deutet darauf hin, dass hier ständig alles in Gefahr ist, aus den Fugen zu geraten.

Clemens*, der ältere der beiden Söhne, hat das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Davon gibt es zwei Varianten. Die bekanntere heißt ADHS – oft wird das Kürzel als Oberbegriff verwendet – und geht mit Hyperaktivität einher. Clemens hat ADS, die Variante ohne Hyperaktivität: Ein Zappelphilipp ist er nicht, doch seine Tobsuchtsanfälle bis zur völligen Erschöpfung bringen seine Eltern zur Verzweiflung. Clemens’ Störung dominiert ihr Leben.

Katja Zabel*, die Mutter, eine zierliche Industriekauffrau von 37 Jahren mit zart getönter Metallbrille und langem aschblondem Haar, hat sich ein paar Stunden Auszeit von ihrer Arbeit für einen Onlineshop genommen, um zu beschreiben, wie das ist: mit einem Kind zu leben, das dieses Syndrom hat, von dem viele Menschen glauben, es sei bloß eine Zeitgeist-Erfindung gieriger Pharmakonzerne und überforderter Eltern. Katja Zabel spricht konzentriert und reflektiert über die Jahre der verzweifelten Suche nach der Ursache von Clemens’ Verhalten. Sie macht niemandem Vorwürfe, gestattet sich kein Selbstmitleid. Nur als sie sich den Moment in Erinnerung ruft, in dem sie sich plötzlich wünschte, ihr Sohn möge getrennt von ihr leben, muss sie schlucken. Eines müsse rüberkommen aus dem, was sie sage – dass sie ihren Sohn trotz allem aus tiefstem Herzen liebe.

Frau Zabel erzählt: Am Anfang war alles wunderbar. Clemens war ein rosiges, richtig zufriedenes und glückliches Baby. Er hat früh durchgeschlafen und viel gelächelt. Ein Wunschkind war er sowieso, obwohl mein Mann bereits eine ältere Tochter aus erster Ehe hatte und bei der Geburt von Clemens im Dezember 2004 schon Anfang 40 war.

Clemens hat kurz vor seinem ersten Geburtstag laufen gelernt und dann auch bald die ersten Wörter geplappert. Das war ziemlich früh, aber das war mir damals nicht bewusst. Er war ja mein erstes Kind, ich war 28, und bis zur Geburt hatte ich als Assistentin bei einer großen Bank gearbeitet, in der Investmentabteilung.

Die Trotzanfälle haben begonnen, da war Clemens noch kein Jahr alt. Durchaus ein normales Alter dafür, könnte man denken. Aber diese Ausbrüche waren nicht so, wie man das von anderen Kleinkindern kennt: mal schreien, weinen und sich wieder einkriegen, wenn jemand trösten kommt. Clemens’ Ausbrüche dauerten lange, sehr lange, eine Stunde, oft auch eineinhalb. Anderthalb Stunden Gebrüll und Geweine!

Er war völlig außer sich und nicht ansprechbar, einfach nicht erreichbar. Und hinterher total erschöpft, völlig fertig.

Die Anlässe waren für uns nicht erkennbar, auch nicht, wenn man die kindliche Perspektive einnahm. Da war kein Spielzeug kaputtgegangen, es mangelte ihm nicht an Aufmerksamkeit, er war nicht hingefallen oder so. Es kam für uns wie aus heiterem Himmel.

Ich bin bis heute oft durchgeschwitzt nach Clemens’ Ausbrüchen, patschnass. Das Schreien löst unheimlich viel Stress aus, man gewöhnt sich da nicht dran. Und dazu noch dieses irrationale Verhalten!

Mit knapp zwei Jahren hat Clemens es geliebt, vom Spielplatz herunter- und auf eine stark befahrene Straße zu laufen. Immer wieder hat er das gemacht, so schnell konnte man gar nicht gucken, geschweige denn hinterherrennen. Es ist da kein Lerneffekt eingetreten wie bei anderen Kindern, denen man nach und nach klarmacht, was das für Folgen haben kann. Clemens hat sich einfach nur kaputtgelacht, obwohl er verstand, was man ihm sagte.

Lange war ich ratlos. Im Laufe der Jahre habe ich herausgefunden, dass er offenbar eine bestimmte Vorstellung davon im Kopf hat, wie eine Situation zu verlaufen hat. Wie so ein Bauplan. Den kennt bloß keiner außer ihm. Er teilt das nicht mit. Wenn es dann nicht nach diesem Plan abläuft, bricht es unkontrolliert aus ihm heraus. Jedenfalls denke ich mir das so.

Clemens schrie und wütete auf der Straße, auf dem Spielplatz, zu Hause. Wenn wir unterwegs waren, habe ich ihn dann manchmal einfach unter den Arm geklemmt und weggetragen. Das ging, solange er noch klein war. Ich bin aber trotzdem viel mit ihm rausgegangen, habe Verwandte besucht und war mit ihm auf Spielplätzen, die ganze Woche über. Ich glaube, ich tat das auch, damit ich es besser ertragen konnte. Nur allein mit ihm zu Hause, da bekommt man manchmal das Gefühl, selbst durchzudrehen. Aber die Blicke, die man erntet, wenn es draußen passiert, sind eindeutig. Sie sagen einem: Du hast das Kind nicht im Griff, du bist schuld, wirst doch wohl den Jungen ruhig kriegen! Nur ältere Frauen reagieren anders. Die kommen und bieten Gummibärchen an. Wenn es so einfach wäre.

Mein Mann und ich sind immer sehr unterschiedlich mit der Situation umgegangen, bis heute ist das so. Mein Mann will einfach nur, dass das Schreien aufhört, dass Ruhe und Frieden herrschen, wenn er aus der Firma kommt. Er ist Monteur bei einem Autokonzern. Er bleibt gern unauffällig und liebt es, zurückgezogen zu leben. Beide sind wir auf Harmonie bedacht und können es nicht leiden, im Mittelpunkt zu stehen. Das ist aber komplett konträr zu dem, was unser Sohn mit uns macht: Er sorgt dafür, dass sich alle nach uns umdrehen, egal, wohin wir kommen. Als wir auf unserer Hochzeitsreise nach Mallorca am Flughafen aufs Gepäck warteten, schrie Clemens wie am Spieß – er wollte einfach nicht akzeptieren, dass er in der überfüllten Halle nicht auf Erkundungstour gehen durfte. Das Gepäck kam erst nach einer halben Stunde. Er schrie und tobte und schrie. Es ist, als würde er uns auf eine Bühne zerren.

Es fällt mir bis heute jedes Mal schwer, zu begreifen, dass mein Kind das nicht mit Absicht macht. Es fühlt sich nämlich verdammt anders an. Nur daran, wie unglücklich Clemens danach ist und wie fertig, erkenne ich, dass er das nicht will.

Ich bin natürlich von Beginn an mit ihm bei Kinderärzten gewesen deswegen. Der erste empfahl uns Bücher wie Wackelpeter und Trotzkopf, einen Ratgeber für Kinder mit "hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten". Oppositionell, das ist der Begriff, der sich bis heute durch alle Diagnosen zieht.