StressvermeidungEin Manager für die Arztpraxis

Immer mehr Mediziner klagen über Stress. Viele geben deshalb die Führung ihrer Praxis an einen Manager ab. Sie übernehmen Organisation, Controlling und Kommunikation. von Silke Weber

Im Leben von Stefanie Hansen gibt es fast nur Grünphasen. Nur morgens stoppt sie kurz hinter der Treppe, beugt sich zu Boden und zieht den Teppich vor der Rezeption der Hamburger Zahnarztpraxis auf Kante. Sie wundert sich, dass sonst niemand den Blick für solche Details zu haben scheint. Dann biegt sie nach links in ihr Büro ab. An ihrer Tür hängt ein grünes Ampelmännchen. Und Grün heißt: Jeder kann mit seinen Belangen zu ihr kommen.

Stefanie Hansen, 29 Jahre alt, ist Praxismanagerin. Sie stellt ihre Tasche neben dem Schreibtisch ab, und bevor Hansen ihre Arbeit aufnimmt, dreht sie auf ihren Absatzschuhen eine Begrüßungsrunde durch die Praxis, "durch alle Abteilungen des Unternehmens", wie sie sagt, die Buchhaltung, das Labor und die Arztzimmer. Dann weiß jeder, dass sie jetzt da und ansprechbar ist.

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Eine Praxis ist wie ein mittelständisches Unternehmen und muss auch so geführt werden, Hansen weiß das. Aber angehende Ärzte lernen an der Universität nicht, wie sie ein Unternehmen leiten müssen, da entgleitet manchen später der eigene Betrieb. Zudem werden die Praxen größer, den einzelnen niedergelassenen Arzt gibt es gegenüber medizinischen Versorgungszentren oder Gemeinschaftspraxen seltener. Der Beruf des Praxismanagers wird dadurch wichtiger, es braucht jemanden, der den Überblick behält.

Die Hamburger Zahnarztpraxis, in der Stefanie Hansen arbeitet, zählt 41 Mitarbeiter. Hansen arbeitet 40 Stunden in der Woche und hat sogar noch eine Kollegin in ihrem Bereich. Zusammen entfallen 55 Stunden aufs Praxismanagement. Ein Arbeitsaufwand, den die Ärzte der Praxis früher in Nachtschichten oder an den Wochenenden zu bewältigen versuchten. "Wir saßen manchmal bis nachts um zwei und haben am neuen Praxiskonzept gearbeitet", sagt Frank Hoffmann, Hansens Vorgesetzter.

Der Verwaltungsaufwand für Ärzte ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen: ständig neue Formulare, Regelungen, Modelle oder EU-Normen – alles muss der Arzt genau dokumentieren. Selbst in der kleinsten Arztpraxis sind etliche Abläufe zu koordinieren, von der Terminvergabe über die Diagnose bis hin zur Buchhaltung oder dem Marketing. Arzt und Praxismanager in Personalunion – das kann schnell zu viel werden.

Am Universitätsklinikum Heidelberg haben Psychologen 200 Ärzte nach ihren Stressfaktoren gefragt. Bürokratie und Verwaltungsaufwand (56,6 Prozent) standen ganz oben auf der Liste, gefolgt von Freizeitmangel und langen Arbeitszeiten (41,9 Prozent). Gerade niedergelassene Ärzte klagen zudem über das Problem der "Fließbandmedizin" (32,3 Prozent).

Wer eine eigene Praxis hat, ist gesetzlich verpflichtet, an ihrer Organisation zu arbeiten: Im Januar 2010 mussten niedergelassene Ärzte ein Qualitätsmanagement einführen, um ihre Praxisabläufe systematisch nach fachlichen Standards zu optimieren und effizienter zu gestalten – von der Terminvergabe bis zum Notfallplan. Seit Januar 2011 arbeitet Stefanie Hansen als "angestellte Praxismanagerin bei der Verwaltungsgesellschaft der Gemeinschaftspraxis Dres. Milde, Hoffmann & Jahn in Hamburg", so steht es in ihrem Lebenslauf. Gerade hat sie eine Befragung zur Zufriedenheit der Mitarbeiter im Unternehmen nach Vorgaben der Europäischen Union abgeschlossen, und die Ergebnisse zeigen, dass sich die Mitarbeiter im Vergleich zu ein paar Jahren zuvor wohler fühlen.

Um zu sehen, wie wichtig Ordnung und Organisation für Stefanie Hansen sind, reicht ein Blick auf ihren Schreibtisch. Die Platte ist blank. Und Frank Hoffmann sagt, er gehe jetzt nicht mehr mit dem Gefühl nach Hause: Oh Gott, das hätte ich noch machen müssen.

Leserkommentare
    • edgar
    • 14. September 2013 10:10 Uhr

    ... in Arztpraxen angekommen ist.
    Wenn jeder das tut, was sie am besten kann, ist allen Beteiligten geholfen.

    Ich war letztens in einer ähnlich organisierten Praxis. Dort schienen nicht mehr die Ärzte sondern die Managerinnen die gewesen zu sein, die sagen, wo es lang geht (organisatorisch). Der Arzt hat sich nur noch um meine Krankheit gekümmert.
    Selbst das Starten des Programms für die MRT-Visualisierung überließ er einer Asssitentin.

    Das Wissen und die Erfahrung guter Ärzte ist zu schade um es für unwesentliche Dinge zu verschwenden.

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    • tx123
    • 14. September 2013 20:06 Uhr

    Und wenn wir jetzt noch feststellen, dass gerade die straffe Arbeitsteilung dumm und krank macht, dreht man sich hier im Kreis.

  1. grade in diesen großen Praxen fühlt man wie über ein Fließband gezogen.
    Oberflächlich drauf geschaut, dann das Urteil und der Nächste bitte.
    Abtasten oder sonst was - bloß nicht, könnte ja krank sein :o

    Ich hatte 6 Monate Bauchschmerzen mit anderen Unannehmlichkeiten, ging zu 7 ! verschiedenen Deutschen Ärtzen und wurde mit Blödsinn abgespeist. Ein Besuch bei einem ausländischen Arzt mit mini Praxis war anders. Zuerst abgetastet, Fragen gestellt danach Pillen und die Geschichte war durch.

    Nie wieder gehe ich in solche großen Praxen.

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    • gruntle
    • 14. September 2013 14:40 Uhr

    ein hochrepräsentatives Erlebnis...

    In einer Praxis die definierte Abläufe und Strukturen hat leidet mitunter vllt. die Nestwärme, allerdings hat die ziemlich wenig mit der Versorgungsqualität (eingeräumte Zeit für Anamnese und körperliche Untersuchung, apparative Diagnostik, etc., Therapieregime) zu tun.
    Ich könnte mir eher vorstellen, dass ein Arzt der nicht die ganze Zeit im Hinterkopf hat, dass er abends noch ein überfälliges Mitarbeitergespräch zu führen, die Quartalsabrechung zu machen und sich mit technischen Problemen des neuen Praxis-Verwaltungs-EDV-Programms herumzuschlagen hat, seinen Patienten deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken kann.

    denn der Schluss aus Ihren Beobachtungen wäre, dass Ärzte, die sich auch um die Verwaltung ihrer Praxis kümmern, letztlich die besseren Ärzte sind. Wird ein Arzt besser wenn er sich nicht nur um den Patienten kümmert? Für mich nicht nachvollziehbar, denn ich wüsste nicht wie seine Fähigkeit richtige Diagnosen zu stellen, dadurch beeinflusst würde.

  2. Ein interessanter Artikel, der einen guten Einblick in diesen relativ neuen Beruf ermöglicht. Ich arbeite seit 7 Jahren selber als Praxismanager in einer sog. Überörtlichen Gemeinschaftspraxis (einer Gemeinschaftspraxis mit mehreren Standorten) und etwa 60 Angestellten.

    Für die oder den, der sich für diesen Beruf interessiert, sollte man vielleicht noch darauf hinweisen, dass es bei niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten zwei Arten von Praxismanagern (weiblich oder männlich) gibt: Den "weitergebildeten Praxismanager" und den "akademischen Praxismanager".

    Während der erste meist aus der Praxis selbst stammt (und ganz überwiegend weiblich ist), die Qualifikation für ihre Position durch Weiterbildung erwirbt und schwerpunktmäßig im Bereich Arbeitsorganisation (u.a. Qualitätsmanagement) und Personalorganisation und Kommunikation nach außen (Patientenbeschwerden, Lieferanten, auch Marketing) tätig ist, hat der zweite eine akademische Ausbildung (BWL oder z.B. Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie) und meist noch ein Zusatzstudium Praxismanagement abgeschlossen und arbeitet als leitender Angestellter, dem Aufgaben in unternehmerischer Funktion übertragen sind. So hat dieser meistens Einstellungs- und Entlassungsbefugnis, Handlungsvollmacht und/oder Prokura. Er ist also deutlich stärker in die unternehmerische (u.a. kaufmännische) Steuerung des Betriebs eingebunden und z.B. für die selbständige Umsetzung größerer Projekte verantwortlich.

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  3. was man sich als Patient antun kann, sind sogennannte überörtliche Gemeinschaftspraxen. Ich frage mich, was die Ärzte früher gemacht haben, als es den Beruf der Praxismanagerin noch nicht gab.Was wird uns demnächst noch alles angeboten?

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    Es tut mir leid, dass Sie mit einer Überörtlichen Gemeinschaftspraxis (fachsprachlich: ÜBAG) schlechte Erfahrungen gemacht haben, aber Ihre Einschätzung dass diese gegenüber Einzelpraxen für den Patienten nachteiliger sind, trifft (nicht nur aus meiner Sicht) nicht zu.

    Der Grund, warum immer weniger Ärzte und Zahnärzte eine Einzelpraxis führen und immer mehr Einzelpraxen geschlossen werden, liegt darin, dass Einzelpraxen heute nur noch schwerlich wirtschaftlich rentabel geführt werden können (sprechen Sie einfach mal mit einem Arzt/Zahnarzt, der seine Praxis aufgeben musste).

    Der Patient bemerkt normalerweise eine ÜBAG gar nicht. Einer der Standorte ist "seine" Praxis mit "seinen" ständig präsenten Ärzten/Zahnärzten zu denen er Vertrauen aufbauen kann. Ein Patient erlebt den einen Standort der ÜBAG eben wie "seine" Praxis.

    Im Vergleich zu Einzelpraxen haben Gemeinschaftspraxen (und eben ÜBAGs) für den Patienten einen großen Vorteil: Für die Behandlung unterschiedlicher und schwieriger Fälle können diese viel mehr fachliche Kompetenzen anbieten (Tätigkeitsschwerpunkte, Zusatzqualifikationen, fach(zahn-)ärztliche Ausbildungen) als ein Einzelzahnarzt. Der Patient kann also oft fachlich adäquater behandelt werden.

    Kritischer sehen viele Patienten eher die sehr großen, klinikähnliche Arzt- oder Zahnarztpraxen. Und dies meines Erachtens durchaus zurecht, denn hier liegt der Schwerpunkt oft eher auf der (betriebswirtschaftlich erforderlichen) Masse.

  4. Jetzt geht das bei den Ärzten auch schon los. Wenn die Leute keine Lust haben oder schlecht ausgebildet oder der Lden schlecht geführt ist, dann nutzt das alles nichts.
    Wenn ein Betrieb, wie oben beschrieben ist, ordentlich geführt ist, ist das Qalitätswesen nur überflüssige nevige Bürokratie

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    • gruntle
    • 14. September 2013 14:47 Uhr

    Das sehe ich anders. Es fällt sicher viel (mehr oder weniger) überflüssige Bürokratie an, aber mir als Patient ist z.B. sehr wichtig dass es festgelegte Ablaufpläne /SOPs zu praxisinternen Notfällen, Infektionswellen, Hygienemaßnahmen etc. gibt.
    Das Vorliegen solcher wird durch QM (so hoffe ich) sichergestellt und erhöht somit das Vertrauen das ich dem Praxisteam entgegen bringen kann.

    • gruntle
    • 14. September 2013 14:40 Uhr

    ein hochrepräsentatives Erlebnis...

    In einer Praxis die definierte Abläufe und Strukturen hat leidet mitunter vllt. die Nestwärme, allerdings hat die ziemlich wenig mit der Versorgungsqualität (eingeräumte Zeit für Anamnese und körperliche Untersuchung, apparative Diagnostik, etc., Therapieregime) zu tun.
    Ich könnte mir eher vorstellen, dass ein Arzt der nicht die ganze Zeit im Hinterkopf hat, dass er abends noch ein überfälliges Mitarbeitergespräch zu führen, die Quartalsabrechung zu machen und sich mit technischen Problemen des neuen Praxis-Verwaltungs-EDV-Programms herumzuschlagen hat, seinen Patienten deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken kann.

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    • hans.jo
    • 14. September 2013 15:36 Uhr

    "In einer Praxis die definierte Abläufe und Strukturen hat leidet mitunter vllt. die Nestwärme,"

    Sie wischen das vom Tisch, als sei das völlig unbedeutend. Dabei ist schon seit langem bekannt, daß der heilende Effekt häufig eher ein auf der persönlichen Zuwendung basierender Placeboeffekt ist...

    • tx123
    • 14. September 2013 20:13 Uhr

    > seinen Patienten deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken kann.

    Es ist doch das Gegenteil gerade der Fall, da ja nicht mehr unbedingt der Arzt ganz oben in der Rangordnung steht, sondern der Praxismanager, der Arbeit und Aufgaben zuteilt. Patienten werden dann zu Produkten, die es schnellstmöglich wie am Fließband abzuarbeiten gilt.

    > Eine Praxis ist wie ein mittelständisches Unternehmen und muss
    > auch so geführt werden, Hansen weiß das.

    Das heißt übersetzt: Gewinnmaximierung! Empathie und intensive Gespräche haben da keinen Platz.

    • gruntle
    • 14. September 2013 14:47 Uhr

    Das sehe ich anders. Es fällt sicher viel (mehr oder weniger) überflüssige Bürokratie an, aber mir als Patient ist z.B. sehr wichtig dass es festgelegte Ablaufpläne /SOPs zu praxisinternen Notfällen, Infektionswellen, Hygienemaßnahmen etc. gibt.
    Das Vorliegen solcher wird durch QM (so hoffe ich) sichergestellt und erhöht somit das Vertrauen das ich dem Praxisteam entgegen bringen kann.

    Antwort auf "Qualitätsmanagement"
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    Die dreckigsten Toiletten sind die zertifizierten und QM-gesteuerten, gehen Sie doch einfach mal auf ein Klo einer bekannten Fastfood-Kette. Da rennt alle zwei Stunden ein Mitarbeiter hin und macht seinen Haken auf die ausgehängte Unertschriftenliste. Am Monatsende hat hat man dann ganz viele, unterschriebene Blätter im QM-Ordner und kann sie dem Auditor zeigen.

    Nie gab es mehr Augenwischerei als bei QM und Zertifizierung. Das ist so ein Humbug.

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