Das Prinzip ist einfach: Wer nicht viel in die Rentenkasse einzahlt, bekommt auch nicht viel heraus. Aber ist es auch gerecht? Einer Verkäuferin, die 30 Jahre lang 30 Stunden in der Woche arbeitet, acht Euro pro Stunde verdient und von diesem Gehalt ihre gesetzlichen Rentenbeiträge zahlt, bleiben laut der Gewerkschaft ver.di im Alter bestenfalls 300 Euro im Monat zum Leben.

Millionen Menschen in Deutschland, die häufig ihr Leben lang arbeiten, können sich nicht darauf verlassen, im Alter abgesichert zu sein.

Zum Beispiel Petra T.* Sie ist Kinderpflegerin in einer Münchner Kindertagesstätte. Sie ist fest angestellt, arbeitet Vollzeit und verdient 2200 Euro brutto im Monat. Früher hat die 46-Jährige als Altenpflegerin gearbeitet, das war etwas besser bezahlt, doch diese Tätigkeit musste sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Um ihren 19-jährigen Sohn beim Studium unterstützen zu können, jobbt Petra T. zusätzlich an manchen Wochenenden und Feiertagen bei einer Zeitarbeitsfirma und verdient sich in verschiedenen Pflegeheimen ein paar Hundert Euro dazu. Angenommen Petra T. zahlt 35 Jahre lang von ihrem heutigen Gehalt in die gesetzliche Rentenkasse ein, bekommt sie im Alter im besten Fall 800 Euro heraus.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist eine Parallelwelt entstanden, in der eine Vollzeitstelle keine Garantie mehr dafür ist, im Alter abgesichert zu sein. "Die gesetzliche Altersvorsorge bröckelt", sagt Dorothea Voss von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Es ist ein Problem, das alle Lohnklassen betrifft, aber für Menschen mit niedrigem Einkommen unlösbar geworden ist. Sie haben kein oder fast kein Geld übrig, um privat vorzusorgen, in der vagen Hoffnung, dass die Kapitalmärkte ihnen bis zum Alter ein ausreichend großes Sümmchen erwirtschaften werden, um ihre Vorsorgelücke zu schließen.

"Niedriglohnempfänger können die fehlenden Beträge nicht kompensieren", sagt Voss. Das bedeutet, dass der Austräger von Werbeprospekten im Minijob, die Krankenschwester oder der Aushilfskellner in Teilzeit, aber auch eine Vollzeitkraft wie Petra T. zwar so viel verdienen, dass es ihnen zum Leben gerade reicht. Aber eben nur in der Gegenwart, nicht in der Zukunft.

Immer mehr Menschen werden im Ruhestand also nicht mehr für sich selbst sorgen können. Nahezu jeder fünfte erwerbstätige Deutsche – rund 8,1 Millionen Menschen – arbeitet heute im sogenannten Niedriglohnsektor. Das sind 1,2 Millionen mehr als noch vor zehn Jahren.

Diese Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt war einst politisch gewollt. Auch heute noch betont Heinrich Alt, Mitglied im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, welch wichtige Rolle der Niedriglohnsektor bei der Integration von Arbeitslosen spiele und dass die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft steigere.

Doch ein Teil der Zeche für den Anschub auf dem Arbeitsmarkt muss nun aus der Rentenkasse gezahlt werden. Nach einem Jahrzehnt wird deutlich: Nicht nur die ersten beiden Säulen der Altersvorsorge – gesetzlich und privat – tragen im Niedriglohnbereich nicht, auch betrieblich ist in diesen Lohngruppen nichts zu holen: "Oftmals haben sie nicht genügend Einkommen, um über eine betriebliche Altersversorgung etwas für das Alter zurückzulegen", sagt Voss von der Hans-Böckler-Stiftung.

Bereits vor elf Jahren hat der Gesetzgeber deshalb die Grundsicherung im Alter eingeführt. Sie soll Rentnern ein existenzsicherndes Auskommen garantieren und beträgt zwischen 630 Euro in östlichen Bundesländern und 780 Euro beispielsweise in Hamburg.

Der Haken an der Sache: Wer trotz klammer Haushaltskasse ein paar Euro in eine private Vorsorge steckt, um so die magere gesetzliche Rente aufzubessern, dem wird dieses Zusatzeinkommen von der Grundsicherung wieder abgezogen. Er bekommt nicht mehr heraus als jemand, der nicht zusätzlich privat vorgesorgt hat. "Auf die Grundsicherung im Alter wird das gesamte Einkommen, also auch sämtliche Rentenansprüche, angerechnet, auch die Riester-Rente", erläutert Evelyn Räder, Expertin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik bei ver.di.

Die Gewerkschaft hat ein eigenes Modell vorgeschlagen, wie die zu niedrigen Renten bezuschusst werden könnten. Dabei wird nicht jegliche eigene Vorsorge auf die Grundsicherung angerechnet, sondern erst eine Zusatzrente ab einer bestimmten Höhe – "sodass es sich für bestimmte Beschäftigte auch lohnt, zusätzliche Anwartschaften aufzubauen", sagt Räder.

Außerdem protestiert die Gewerkschaft dagegen, dass das gesetzliche Rentenniveau in den nächsten Jahrzehnten schrittweise immer weiter abgesenkt werden soll. Die Sozialverbände schlagen darum schon lange Alarm. Die von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagene Zuschussrente, finanziert aus einem noch unklaren Mix aus Rentenkasse und Steuertöpfen, war schnell wieder vom Tisch. Sie hätte zunächst 30, von 2023 an dann 35 Beitragsjahre und von 2019 an eine zusätzliche betriebliche oder private Vorsorge vorausgesetzt. Die Kritik: Eine solche Zuschussrente hätte den Geringverdienern zwar eine gewisse Sicherheit im Alter versprochen, aber das Finanzierungsrisiko nur in die Zukunft verschoben. Gleichzeitig opponierten die Gewerkschaften: Die Beitragsjahre, die die Voraussetzung für eine solche Rentenaufbesserung gewesen wären, seien "für viele wegen Erziehungszeiten oder Arbeitslosigkeit kaum zu erreichen" gewesen, sagt ver.di-Vertreterin Evelyn Räder.

Für ver.di gibt es einen Königsweg aus der Vorsorgefalle für Geringverdiener: die Stabilisierung des Arbeitsmarkts und die Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro oder mehr. Auch Dorothea Voss von der Hans-Böckler-Stiftung kämpft für einen Mindestlohn und die breite Anwendung von Tarifverträgen. So könnten sich mehr Menschen ausreichend sozial absichern. Aber auch sie findet, dass das gesetzliche Rentenniveau zu niedrig und damit ein Teil des Problems sei. So groß das Problem auch ist, so wenig drängend scheint es in der politischen Diskussion. Schließlich spielt das Drama in der Zukunft und damit im aktuellen Wahlkampf allenfalls eine untergeordnete Rolle.

Petra T. jedenfalls hat verstanden: "Auf den Staat allein kann ich mich nicht verlassen." Und weil ihr die Aussicht auf die Höhe ihrer gesetzlichen Rente Sorge bereitet, zahlt die alleinerziehende Mutter nun jeden Monat 25 Euro extra in eine private Vorsorge ein. Mehr kann sie sich nicht leisten. Darüber, dass das im Ruhestand wahrscheinlich keinen Unterschied macht, denkt sie lieber nicht nach.

*Name geändert