Am Ende ließe sich vielleicht mit einem Gänseblümchen noch am ehesten die richtige Antwort finden: Riestern lohnt sich, es lohnt sich ein bisschen, es lohnt sich nicht ... Das funktioniert wahrscheinlich ähnlich gut, wie sich auf die Versprechungen der Politik zu verlassen, denn auch die sind bisweilen so aussagekräftig wie Gänseblümchenzupfen. Etwa Norbert Blüm: "Die Rente ist sicher." Oder Ex-Arbeitsminister Walter Riester, Erfinder der gleichnamigen Altersvorsorge: "Mit der kapitalgedeckten Rente werden wir das Rentenniveau insgesamt dauerhaft anheben." Ob er dieses Versprechen halten wird, dazu lassen sich viele Experten befragen und viele Studien lesen. Das Ergebnis: Riestern lohnt sich, es lohnt sich überhaupt nicht, es lohnt sich – eher nicht.

Die starke Front der Kritiker ist überzeugt: Es lohnt sich für die meisten Bürger nicht. Denn die Lebensversicherungsbranche rechne mit einer überzogenen Lebenserwartung, die die Statistiken des Statistischen Bundesamts weit übersteige. So müsse der Sparer weit über 90 Jahre alt werden, um so viel Geld herauszubekommen, wie er eingezahlt habe, und von den staatlichen Zulagen zu profitieren, hat der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein ausgerechnet, und der war mal Vorstand des Bunds der Versicherten. Die Branche streitet das nicht einmal ab. Erst kürzlich gab der Allianz-Chef in einem Interview zu, dass das Versicherungsunternehmen mit einer Lebenserwartung von 102 Jahren rechne.

Die Verteidiger der Rente entgegnen, die Kritiker hantierten mit falschen Zahlen und unterschätzten die Überschüsse dieser Produkte. Riestern lohne sich wegen der Zulagen für jeden.

Was stimmt, wird wohl endgültig erst feststehen, wenn die ersten Riester-Sparer in Rente gehen. Und das dürfte noch zehn bis 20 Jahre dauern.

Bis dahin ist Riestern eher eine Frage des Glaubens. 15,6 Millionen Bundesbürger glaubten bisher daran und schlossen einen Riester-Vertrag ab, meist als Rentenversicherung. Aber vor allem junge Leute sind angesichts der Kritik immer schwerer zum Sparen zu bewegen: Noch 2008 hielt laut einer Postbank-Studie knapp jeder zweite 30-Jährige einen Riester-Vertrag für die ideale Altersvorsorge, zwei Jahre später war nur noch jeder vierte davon überzeugt. Inzwischen gibt es sogar mehr Kündigungen als Neuverträge. Seit Jahresbeginn schrumpfte erstmals die Zahl der laufenden Verträge um 27 000. Die Versicherungen haben 31 000, die Fondssparpläne sogar 36 000 Verträge verloren, während Banksparpläne und der Wohn-Riester für das Eigenheim Kunden hinzugewannen. Außerdem zahlen Sparer in jeden fünften Vertrag nichts mehr ein. "Ungefähr die Hälfte aller Sparer hält die Policen nicht bis zum Ende durch", schätzt Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen.

Fest steht gut zehn Jahre nach Einführung der Riester-Rente nur eines: Sie verursachte eine der größten Umwälzungen im Altersvorsorgesystem der Bundesrepublik und schwemmte den Finanzkonzernen Milliarden Euro in die Kassen. Um zu verhindern, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber jährlich einen immer höheren Anteil der Löhne in die gesetzliche Rentenkasse einzahlten, deckelte die damalige rot-grüne Regierung die Rentenbeiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern auf jeweils elf Prozent. Dafür senkte sie das Rentenniveau auf 40 Prozent des Durchschnittslohns im Jahr 2040 ab und hielt die Bevölkerung mit den üppigen Riester-Zulagen dazu an, stattdessen privat fürs Alter zu sparen. Jeder Beschäftigte, der auf die staatlich subventionierte private Vorsorge setzt, überweist vier Prozent seines Bruttoeinkommens an einen Versicherungskonzern oder eine Investmentgesellschaft. Zusammen mit der gesetzlichen Altersvorsorge legt er also 15 Prozent seines Einkommens für die Rente zurück, deutlich mehr als zuvor.

Die Frage ist, was das bedeutet und wem dieses Plus letztlich zugutekommt. Schon jetzt bezieht den Daten der Deutschen Rentenversicherung zufolge über die Hälfte der Neurentner nicht einmal 700 Euro vom Staat. Für die Zukunft sieht es ähnlich aus: Im Schnitt erarbeiten sich Männer zurzeit jährlich 27 Euro an Rentenansprüchen, Frauen 21 Euro. Macht nach 30 Jahren Arbeit 807 beziehungsweise 627 Euro Rente. Den Rest, den sie zum Leben brauchen, liefere ja der Kapitalmarkt – so lautete das Versprechen.

Nur haben die Finanzmärkte sich bisher leider nicht daran gehalten. Seit 2001 sanken die Zinsen immer weiter. Darum äußerte der Sozialbeirat, das Beratungsgremium der Bundesregierung in Sachen Altersvorsorge, zuletzt sehr explizit "Zweifel an der Effektivität einer kapitalgedeckten Altersvorsorge". Das Munich Center for the Economics of Aging (MEA) beantwortete die Riester-Frage sogar schon 2008 sehr deutlich: Wenn sich die Riester-Spareinlagen nach Kosten, Steuern und Inflation mit 4,5 Prozent verzinsten, wären Riester-Sparer ab einem Renteneintritt im Jahr 2030 in der Lage, ihre Rentenlücke über die Sparverträge zu decken. Liege die Realverzinsung dagegen bei "sehr niedrigen 2,5 Prozent" – was die Mathematiker damals für äußerst pessimistisch hielten, während man es heute eher als überambitioniert bezeichnen muss –, könnten Neurentner erst ab 2045 die Rentenlücke mit der Riester-Rente ausgleichen.

"Dass langfristige Verträge nicht durchgehalten werden, ist ein generelles Problem"

Die Realität im Jahr 2012 sieht so aus: Im Schnitt bekommen Riester-Kunden derzeit 3,56 Prozent gutgeschrieben, ermittelte die Rating-Agentur Assekurata, beim schlechtesten Versicherer sogar nur 2,5 Prozent. Das bezieht sich wohlgemerkt nicht auf die Gesamtsumme der Einzahlungen, sondern auf den Sparanteil, der nach Abzug aller Kosten übrig bleibt. Die Riester-Rechner, die an den Erfolg der Zusatzrente glauben, unterstellen aber immer noch, dass sich das Kapital der Sparer mit mindestens vier Prozent verzinse. Weil das nicht so ist und die Überschüsse von Jahr zu Jahr sinken, sind bereits elf Jahre nach der Riester-Einführung laut Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung die garantierten Auszahlungssummen um 40 Prozent geschrumpft. Zurzeit heißt das: Ein 37-Jähriger, der 30 Jahre lang monatlich 100 Euro einzahlt, bekommt später im Schnitt 130 Euro Monatsrente raus, hat Assekurata ermittelt. Die muss er aber noch mit 20 bis 25 Prozent versteuern. Und längst nicht jeder Riester-Kunde legt jeden Monat so viel zurück, der Durchschnittsertrag einer Police dürfte eher bei 85 Euro im Monat liegen.

Das viel zu niedrige Zinsniveau an den Kapitalmärkten ist nur einer der Faktoren, die die optimistischen Prognosen ins Wackeln bringen. Darüber hinaus gingen die Riester-Planer noch von zwei weiteren entscheidenden Voraussetzungen aus, die ebenfalls "in einer Reihe von Fällen in der Realität nicht so verwirklicht werden können", wie der Sozialbeirat feststellt. Auch die Sparer halten sich nicht an ihre Vorgaben. Dazu müsste jeder vier Prozent seines Bruttoeinkommens zur Seite legen. Das aber machen die wenigsten. Im Schnitt, hat das Zulagenamt erfasst, fließen nur 2,8 Prozent des Gehalts in die Verträge, weil die Beschäftigten nicht mehr einzahlen wollen, können oder nach Gehaltserhöhungen schlicht das Aufstocken vergessen haben. So bekommen sie auch nicht die vollen gesetzlichen Zulagen, mit denen die Statistiken so gerne rechnen. Im Gegenteil, sagen Branchenkenner: Von denjenigen, die 2002 eine Riester-Rente abgeschlossen haben, bekomme ein Großteil gar keine Förderung mehr, weil diese Riester-Sparer das Riester-Sparen lange eingestellt haben. Dass langfristige Verträge nicht durchgehalten werden, sei ein generelles Problem.

Noch etwas weniger beeindruckend wird die Zahl der Verträge, wenn man weiß, dass viele davon von Müttern oder Hausfrauen abgeschlossen sind, die gesetzlich überhaupt nicht selbst vorsorgen und in die private Vorsorge nur das jährliche Minimum von 60 Euro einzahlen. Dafür kassieren sie zwar die vollen Zulagen, aber im Alter abgesichert sind sie so auch nach einer 30-jährigen Sparphase nicht.

Und zuletzt haben die Planer nicht mit dem einnehmenden Wesen der Versicherer gerechnet. Die langen nämlich kräftig zu. Die Rürup-Kommission setzte zehn Prozent des jährlichen Sparbeitrags als Kosten an. "Tatsächlich hat jedoch kein Riester-Vertrag eine derart einfache Kostenstruktur", stellte eine Studie des MEA jetzt fest. Im Schnitt behalten die Unternehmen in der Ansparphase 13 Prozent ein, die teuersten sogar 20 Prozent. "Die Kosten absorbieren somit bei diesem Vertrag rund zwei Drittel der Zinserträge", mahnt das MEA. Über die Gesamtlaufzeit zehrten die Kosten ein Viertel der Garantiezinsen auf. Als Faustregel gilt: Je höher die Zulagen, je besser die Verzinsung und je geringer das Einkommen des Sparers, desto höhere Kosten genehmigen sich die Versicherer, hat die MEA-Studie ermittelt. Warum sie sich das leisten können? Wegen "mangelnder Transparenz" im Markt, die genauen Kosten seien dem Verbraucher oft gar nicht bekannt.

Der Sozialbeirat kritisiert die Anbieter deutlich, und zwar nicht vorrangig wegen der niedrigen Bruttorendite, sondern wegen der "als überhöht betrachteten Abschluss- und Verwaltungskosten sowie für die Versicherten nachteiligen Kalkulationsgrundlagen der Produktanbieter". Die Experten befürchten, dass ein zu großer Teil der staatlichen Förderung von den Anbietern abgeschöpft werde. Für den Sparer bleibt dagegen laut MEA-Studie nicht viel übrig – jedenfalls dann nicht, wenn man von der durchschnittlichen Lebenserwartung ausgeht, die das Statistische Bundesamt errechnet hat. Dann "sind die effektiven Renditen in der Rentenphase durchweg negativ". Und ob der Riester-Sparer seine statistische Lebenszeit überdauert, das weiß nicht mal das Gänseblümchen.