Für den deutschen Außenminister ist die Sache klar: "Der Widerspruch zwischen der hehren Diplomatie und dem schnöden Geschäftemachen ist überholt. Beides gehört zusammen." Guido Westerwelle verkündet diese Botschaft jüngst den wichtigsten deutschen Diplomaten auf deren alljährlich stattfindender Konferenz im Auswärtigen Amt. Dort kommen sie aus der ganzen Welt zusammen und treffen sich an einem Tag auch im holzvertäfelten Weltsaal mit prominenten deutschen Wirtschaftsvertretern. Das Essen zahlen die Unternehmen.

Der Minister bedankt sich artig dafür und sagt: "Wir verstehen uns ausdrücklich als Dienstleister der deutschen Unternehmen."

Westerwelle bekommt Applaus – auch von Martin Winterkorn, dem mächtigen Chef von Volkswagen, des mit 550.000 Mitarbeitern größten deutschen Industrieunternehmens.

Der 66-jährige Automanager, der den VW-Konzern bis 2018 zum weltgrößten Autohersteller machen will, darf nach dem Minister sprechen. Ausdrücklich bedankt er sich für "die vielfältige Unterstützung" und die gute Zusammenarbeit, von der es gar nicht genug geben könne: Schließlich denke doch jeder bei Coca-Cola an Amerika, bei Samsung an Südkorea. Und bei Volkswagen "hoffentlich an tolle Autos und Deutschland".

Tatsächlich beschäftigt die Autobranche hierzulande 750 000 Menschen. Rechnet man die Arbeitsplätze im Kfz-Handwerk, bei Dienstleistern und Lieferanten dazu, kommt man sogar auf mehrere Millionen. Die Autobauer bilden die wichtigste Industrie der Republik.

Die deutschen Konzerne wissen dieses Gewicht einzubringen, um ihre Interessen durchzusetzen. Keine andere Industrie ist in diesen Wochen vor der Bundestagswahl erfolgreicher dabei. Hiesige Automobil-Lobbyisten bringen die Bundeskanzlerin dazu, den Klimaschutz und diplomatische Umgangsformen hintanzustellen. Sie bringen die Regierung dazu, andere EU-Regierungen zu locken und ihnen zu drohen. Sie schaffen es, ihre Interessen zu denen der deutschen Regierung zu machen.

Deutschlands Automobilindustrie hat Angela Merkel sogar dazu gebracht, vom Schutz der industriellen Basis zu sprechen, wenn Sie den Schutz der Konzern-Interessen meint. Die Art und Weise, mit der die Bundeskanzlerin nun um diese Interessen kämpft, nennen Diplomaten und Regierungsvertreter aus anderen EU-Staaten schlicht "Erpressung".

Als Matthias Groote (SPD) am 24. Juni dieses Jahres nach einer Marathonsitzung am Nachmittag aus dem Brüsseler Ratsgebäude ins Freie tritt und die Sommerluft schnuppert, ist diese Entwicklung noch undenkbar. Groote ist erschöpft, aber er ist auch zufrieden. Schließlich hat er gerade seinen größten politischen Erfolg errungen. Tagelang hat der Europaabgeordnete für das Parlament mit den Vertretern der Regierungen und der EU-Kommission verhandelt. Es ging um den Klimaschutz, darum, dass Autos in Europa künftig weniger Kohlendioxid in die Umwelt blasen sollen.

Groote ist Vorsitzender des einflussreichen Umweltausschusses, und er findet, dass er in jener Nacht im Rahmen der machtarithmetischen Möglichkeiten gute Arbeit geleistet hat, an deren Ende, wie so oft in Brüssel, ein Kompromiss steht: Bis 2020 dürfen neue Pkw nicht mehr als 95 Gramm CO₂ pro Kilometer in die Luft blasen, 4,1 Liter Benzin oder 3,6 Liter Diesel auf 100 Kilometer verbrauchen sie dann noch. Es muss aber nicht jedes Auto dieser Norm genügen. Wenn ein Konzern Autos baut, die mehr Klimagas ausstoßen, kann er das durch Autos, deren Ausstoß unter den Grenzen liegt, ausgleichen. Am Ende zählt der Durchschnitt aller Fahrzeuge, die der Konzern im Angebot hat.