Das Kalb hebt den Schwanz, es kackt. Christian Udes fröhliche Miene verrutscht. "Die machen aber ganz schön viel Mist", sagt er zum Bauern neben sich. "Fällt das denn jetzt automatisch durchs Gitter hinunter ins Silo?" Nein, sagt der Bauer, so etwas gebe es nicht in diesem Teil des Stalls. "Ach", sagt Ude, "muss man das alles von Hand wegmachen?"

Ein sonniger Donnerstag im August. Christian Ude, Oberbürgermeister von München und Spitzenkandidat der SPD bei der bayerischen Landtagswahl, besucht einen Bauernhof in Forchheim, Oberfranken. Der Besuch ist Teil der Wahlkampfreise, auf der Ude die Bayern davon überzeugen will, ein besserer Ministerpräsident zu sein als Horst Seehofer von der CSU. Geprüft werden: Volksnähe, Ortskenntnis, Brauchtumskunde. Im Kuhstall sollte ein bayerischer Regierungschef so heimisch wirken wie im eigenen Wohnzimmer. In Forchheim gelingt Ude diese Übung nur bedingt.

Im dunklen Anzug stakst er durchs stinkende Stroh und strahlt neugierig die Kühe an. Beugt er sich freundlich vor ans Gatter, weicht das Vieh erschrocken zurück. Insekten umschwirren Ude bei jedem Schritt. Während der Brotzeit auf dem Hof ruft er: "Mei, sind das viele Fliegen!"

Im Rennen um Bayerns höchstes Regierungsamt hat Christian Ude derzeit wenig Aussicht auf Erfolg. Wenn die Bayern am 15. September ihren Landtag gewählt haben, wird ihr Ministerpräsident nach aller Wahrscheinlichkeit weiterhin Horst Seehofer heißen. In jüngsten Umfragen erreicht die CSU bis zu 48 Prozent, sie darf nach einer Legislaturperiode Schwarz-Gelb wieder auf die absolute Mehrheit hoffen; die SPD dagegen rutschte zuletzt auf 18 Prozent ab. Diese Lage hat allerdings nicht nur mit den teils ungelenken Auftritten des Spitzenkandidaten Ude zu tun.

Jahrzehntelang galt Bayern mit seiner folkloristischen CSU als politischer Sonderfall, als schwarze Trutzburg unten im Süden, rhetorisch stets kurz vor der Abspaltung. Diese Zeiten sind vorbei. Bayern hat sich gewandelt, es ist normaler geworden. Durch Zuzug und Globalisierung hat es sich dem Rest des Landes angeglichen, in gewisser Weise ist es heute deutscher als früher, mit Folgen für die Politik.

So klar wie nie zuvor spiegelt sich die politische Situation der Republik in Bayern, weshalb die Landtagswahl stärker als bisher ein Omen für den Bund ist – nur eine Woche später, am 22. September, wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Abgesehen von den Freien Wählern, die in Bayern eine wichtige, im Bund aber keine Rolle spielen, könnten die Ausgangslagen vor den Wahlen kaum ähnlicher sein. Bayern ist jetzt überall: Hier wie dort kämpft die SPD um ihren Status als Volkspartei. Die Grünen erobern neue Milieus, was insgesamt aber nichts bringt. Und die Schwarzen mit ihren alternativlosen Stars Angela Merkel und Horst Seehofer? Klauen allen die Themen und haben ihren Koalitionspartner FDP vielleicht zu Tode umarmt.

Martin Zeil hat heute einen Termin, der eigentlich nicht wehtut. Der bayerische Wirtschaftsminister und FDP-Spitzenkandidat besucht in Schweinfurt die SenerTec GmbH, einen Hersteller von Kraft-Wärme-Koppelungsanlagen. Mittelstand, FDP-Land. Der Prokurist der Firma führt Zeil durch die Produktionshalle, in einer Kiste liegen stählerne Motoren, Zeil lächelt versonnen hinein wie in eine Wiege. Langlebig sei der Motor, sagt der Prokurist, "könnte aus der FDP-Zentrale stammen". Zeil grinst nun etwas schief und schweigt.

Vier Prozent, das ist die Umfragelage der FDP in Bayern. Gut möglich, dass die Partei nach dem 15. September wieder da landet, wo sie schon vor der Landtagswahl 2008 war: in der außerparlamentarischen Opposition. Ihr Bündnis mit der CSU glich vor fünf Jahren einer Sensation, heute nimmt sie kaum noch jemand wahr. "Die CSU-Landesregierung hat die Bedeutung unseres Sektors schon erkannt", sagt der SenerTec-Mann am Schluss der Führung. "Welche CSU-Landesregierung meinen Sie?", fragt Zeil ein bisschen spitz. Der Prokurist stutzt. "Oh, Entschuldigung", sagt er, "ich meine natürlich die Landesregierung aus CSU und FDP."

Das Schicksal der regionalen FDP mag für Bayern keine Überlebensfrage sein – für die Bundespartei könnte es eine werden. Im Berliner Thomas-Dehler-Haus ist eine Niederlage in Bayern allerdings schon eingepreist und kühl zum eigenen Vorteil gewendet: Scheitert die FDP bei der Landtagswahl, hoffen die Parteistrategen im Bund auf einen Mitleidseffekt. "Huch, so war das aber nicht gemeint!", sollen die Wähler denken und die Liberalen bei der entscheidenden Abstimmung am darauffolgenden Sonntag satt zurück in die Bundesregierung wählen.

Horst Seehofer dürfte es fast egal sein, ob Schwarz-Gelb auch in Bayern in die Verlängerung geht. Er tritt schon jetzt als Alleinherrscher auf, zum Beispiel bei Puma in Herzogenaurach an einem backofenwarmen Sommerabend. Die Besucherhalle ist voll, über 400 Menschen wollen den Ministerpräsidenten bei "Seehofer direkt" erleben. Auf der Bühne erzählt er von den Reisen durch sein Reich: "Wenn ich im Auto sitze und meine Vermerke nicht unterschreiben kann, weil’s so ruckelt, wie neulich in Tuntenhausen, dann sag ich dem Innenminister Bescheid, dass er die Straße richten soll, und siehe da: Tuntenhausen ist jetzt einwandfrei zu erreichen." Seehofer klingt nicht wie der demokratisch gewählte Chef einer Regierungskoalition, sondern wie ein Monarch, dessen Wille geschieht, sobald er mal kurz das Zepter schwingt.

Dass Seehofer und seine Partei sich beim Volk allen Verfehlungen zum Trotz fast royaler Beliebtheit erfreuen, ist eine der letzten Besonderheiten, die Bayern noch vom Rest der Republik unterscheidet. Seine Affäre inklusive unehelichem Kind hat Seehofers Popularität nicht geschmälert, und der CSU schadete Demoskopen zufolge selbst die jüngste Gehaltsaffäre im Landtag kaum. Historiker sehen in Bayerns monarchistischer Prägung und der Liebe zum "Kini" eine Erklärung dafür, dass die Bürger den Mächtigen dort noch heute vieles durchgehen lassen, solange nur der Rahmen stimmt. Als Christian Ude einmal bei einer Bierzeltrede stolz daran erinnerte, dass der Sozialdemokrat Kurt Eisner 1918 die Republik ausgerufen habe, brüllte einer aus dem Publikum: "Ja, das war ja der Fehler!"