BrasilienDie App für den Umsturz

Wie brasilianische "Medien-Ninjas" kämpfen von 

Demo gegen Korruption in Rio de Janeiro Ende August

Demo gegen Korruption in Rio de Janeiro Ende August  |  © VANDERLEI ALMEIDA/AFP/Getty Images

Brasilianer können seit August die App zum Umsturz auf ihr Smartphone laden: "Mídia Ninja" ist kostenlos und kommt finster daher. Grau-schwarzes Design, zwei Augen mit entschlossenem Blick. Sie lugen aus einer Gesichtsvermummung hervor.

Mit der App erhält man Zugang zu den Angeboten der brasilianischen Mídia Ninjas. Das ist eine Gruppe von Guerilla-Reportern, die seit Beginn der großen Demonstrationen im Juni zu einem nationalen Medienphänomen herangewachsen sind: Mehrere Hundert junge Leute sind Tag für Tag und Nacht für Nacht in brasilianischen Städten unterwegs, um von den Demonstrationen zu berichten. Ohne die "Medien-Ninjas", sagen viele in der Bewegung, wäre ihr Protest längst erlahmt.

Anzeige

In Brasilien sind die Wochen vorbei, in denen Hunderttausende auf Parlamente, Rathäuser und Fußballstadien marschierten, um bessere Lebensbedingungen, eine weniger korrupte Politik oder gleich ein neues Regime zu fordern. Erst kündigte die Präsidentin Dilma Rousseff vage Reformen an, dann kamen die Politiker in einigen Bundesstaaten tatsächlich Einzelforderungen der Demonstranten entgegen. Das hat zwar jeder im Lande als Beschwichtigungspolitik verstanden – aber dennoch war bald die Luft raus aus den Massendemos.

Und doch vergeht bis heute kein Tag ohne neue Proteste, sie sind nur viel kleiner. Da besetzen ein paar Hundert Menschen ein Rathaus, da will ein Occupy-Camp vor der Haustür des Gouverneurs von Rio nicht weichen, und vor zwei Wochen zogen Tausende Lehrer aus Protest gegen schlechte Schulbedingungen durch die Straßen von Rio.

Stets dabei: die Medien-Ninjas. Sie betreiben keinen klassischen Journalismus, sie sind vor allem Zeugen. Die typische Form ihrer Berichterstattung ist, dass ein junger Mensch sein Smartphone in die Höhe hält und Bild und Ton live ins Internet überträgt, gerne stundenlang. "Keine Schnitte, keine Zensur", lautet das Motto der Ninjas. Wann und wo ein neues Video zu sehen ist, erfährt man über Twitter, über Facebook – und über die App.

Die Ninjas wurden im Frühjahr, noch vor den Protesten, von dem 34-jährigen Journalisten Bruno Torturra ins Leben gerufen. Torturra steht einem umstrittenen Medienunternehmen namens Fora do Eixo nahe, das seit Jahren neue Medienangebote erfindet, gerne radikal experimentiert – und vor allem extrem kostengünstig arbeitet. Gegner werfen der Firma Ausbeutung vor: Musiker zum Beispiel erhielten oft keinen Cent, es gebe "sklavenähnliche Arbeitsbedingungen" und sogar ein sektenartiges Zusammenleben vieler Mitarbeiter. Fora do Eixo unterhält 20 Gemeinschaftshäuser in mehreren Städten, wo viele der Ninjas leben und – unentgeltlich – arbeiten.

Bei den Demos im Sommer hatten die Ninjas ihren großen Moment: Zeitweise griffen mehr als 100.000 Menschen auf ihre Videos zu, Ausschnitte daraus waren im Abendfernsehen zu sehen, und bis heute haben sich 180.000 zu Sympathisanten auf Facebook erklärt. Die Ninjas wurden zum Bestandteil der Bewegung – Bürgerreporter und Aktivisten: immer an der Front, mit Tränengas besprüht, und zusammen mit den Demonstranten verhaftet.

Inzwischen hat sich ihre Rolle gewandelt: Ein durchschnittliches Video der Medien-Ninjas schauen sich vielleicht noch 30 Leute an. Und trotzdem sind die Ninjas für die Protestbewegung essenziell geblieben. Ihre Liveberichte sind heute wie ein Ticker der Protestbewegung. Und die Ninjas sind noch etwas anderes geworden: eine Art panoptisches Überwachungsregime von unten, das die Polizei aus der Sicht der Demonstranten überwacht.

Bei einer Demo im Juli sorgten Aufzeichnungen der Ninjas für nationale Aufregung, weil sie zu beweisen schienen, dass ein Undercover-Polizist einen Molotowcocktail geworfen und damit die Stimmung künstlich aufgeheizt hatte. Als dann ein Demonstrant fälschlich beschuldigt wurde, halfen die Mídia Ninjas mit ihrem Material aus – der Mann kam wieder frei. Torturra macht aus dieser aktiven Rolle keinen Hehl: Die Mídia Ninjas schützten die Demonstranten und ihr Demonstrationsrecht. "Und gleichzeitig die Demokratie."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Acaloth
    • 06. September 2013 21:09 Uhr
    1. ......

    "Die Mídia Ninjas schützten die Demonstranten und ihr Demonstrationsrecht. "Und gleichzeitig die Demokratie.""

    Und wer schützt die Polizisten ?
    Wer schützt die Leute deren Eigentum zerstört wird ?
    Demonstrationen sind nicht der Weisheit letzter Schluss....gerade hierzulande missversteht man nur zu gerne das Demonstrationen eine friedliche Meinungskundgebung sein sollten und keine Pseudo-Strassenrevolte.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Brasilien | App | Protest | Journalismus | Berichterstattung | Demonstration
Service