Was wir wählen : Die Qual der Wahl

Welche Partei wählen Sie? Eine Frage, und 48 namhafte Künstler und Intellektuelle antworten – oder auch nicht.
Die Kuppel des Reichstagsgebäudes © Adam Berry/Getty Images

Martin Walser
Herr Steinbrück will mit jedem Satz einen Treffer landen. Frau Merkels Sätze klingen nicht so, als wären sie schon fertig gewesen, bevor sie gesagt wurden. Frau Merkel musste ihre Sätze suchen, und wir atmeten auf, wenn sie sie fand. Die Sätze von Herrn Steinbrück wirkten im TV-Duell oft gebraucht. Herr Steinbrück versuchte zu verbergen, wie überlegen er sich fühlte. Er wusste viel mehr Zahlen als Frau Merkel. Frau Merkel wirkte mehr durch sich selbst. Zahlen kann ich nicht nachprüfen. Dasein ist erlebbar. Frau Merkel musste nur da sein. Wer recht haben muss, muss Herrn Steinbrück wählen. Wer leben will, kann Frau Merkel wählen. Und ich habe schon vor mehr als zehn Jahren eingesehen und formuliert, dass das Rechthaben kein nennenswerter Bewusstseinszustand ist.

Martin Walser, 86, ist einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller

Gesine Schwan
Ich empfehle, die SPD zu wählen, mit dem eindeutigen Ziel, keine Große Koalition zu bilden. Rot und Grün decken zusätzlich zu ihren Übereinstimmungen komplementäre Ausschnitte unserer Gesellschaft ab: den Sektor der sozial Schwächeren und den der wohlhabenden Bürger, die als Citoyens handeln, nicht als Bourgeois. Wir brauchen beide Perspektiven, um nachhaltige Politik in Deutschland zu gestalten.

© Krafft Angerer/Getty Images

Dies vor allem mit einer langfristigen Perspektive für ein handlungsfähiges, solidarisches Europa. Hier tut eine wirkliche Wende not, die verantwortliche demokratische Entscheidungsverfahren mit erheblich mehr parlamentarischer Beteiligung auf europäischer wie auf nationaler Ebene verbindet mit dem Ziel einer solidarischen europäischen Wachstumspolitik, für die wir offen, nicht trickreich unter der Hand gemeinsam haften.

Gesine Schwan, 70, Politologin und Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, kandidierte 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten

Richard David Precht
Parteien tragen heute in der Gesellschaft kaum noch zur politischen Willensbildung bei. Sie sind primär Selbsterhaltungssysteme ohne echten Austausch mit anderen gesellschaftlichen Systemen. Dafür gibt es viele Gründe, von denen die Parteien durchaus nicht alle selbst verschuldet haben. Was vorrangig fehlt, ist eine Zukunftsvision, wie wir angesichts gewaltiger Herausforderungen in zehn oder zwanzig Jahren leben wollen. Doch statt Haltungen zu entwickeln und entsprechende politische Strategien zu generieren, reagiert die Politik auf kurzfristige Aufregungsthemen, die von den Massenmedien gespeist werden. Was wir brauchen, ist eine ehrliche Diskussion über die Zukunft der Demokratie und die Rolle der Parteien. Da diese aber von den Parteien nicht gewollt sein kann, bleibt alles beim Alten. So gesehen, ist selbst die Wahl zwischen Wählen oder Nichtwählen nicht wirklich wichtig.

Richard David Precht, 48, wurde als Philosoph mit mehreren Bestsellern bekannt. Im ZDF moderiert er unter dem Titel "Precht" eine eigene Sendung

Rainer Forst
In modernen, komplexen Gesellschaften ist die Vorstellung unrealistisch, sich mit einer Partei ganz identifizieren zu können. Für eine Wahlentscheidung muss es genügen, eine Partei zu finden, die die wichtigen politischen Fragen stellt und den richtigen Kompass für die Antworten hat: Wie überwinden wir die vielfältigen Formen der Diskriminierung in unserer Gesellschaft? Wie ist nachhaltiges Wirtschaften möglich? Wie sieht eine Politik der Gerechtigkeit aus, die mehr ist als eine Notreparatur der schlimmsten Ergebnisse des Marktversagens? Wie sähe ein Europa aus, das sich die demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse zur Aufgabe machte? Was tun wir angesichts globaler Armut? Die Partei, die ich wähle, hat gerade in Bezug auf die Frage sozialer Gerechtigkeit eine Diskussion geführt, die zeigt, dass sie die Fähigkeit zur Selbstkorrektur besitzt. Auch das ist ein Vorzug. Ich wähle die Grünen.

Rainer Forst, 49, lehrt Politische Theorie und Philosophie an der Universität Frankfurt am Main

Durs Grünbein
Ich empfehle, eine wirklich europaoffene Partei zu wählen, aber die ist weit und breit nicht in Sicht.

Der nationale Eigensinn in seiner politischen Form war und ist eine Enttäuschung. Ich sitze in einer Bucht am Mittelmeer und träume von einer europäischen Verfassung. Das Beste, was wir im Augenblick haben, ist die erzwungene Solidarität unter uns Wahlmüden.

Der Sozialstaat sorgt für das Mindeste – unter den Bedingungen der Ungleichverteilung –, der Solidarstaat für das Minimum an Zusammenhalt auf einem Kontinent, dessen Bevölkerungen nicht verschiedener sein könnten. Von Parteien, die das aufs Spiel setzen, ist dringend abzuraten. Soll ich Namen nennen, die mir hinterher noch leidtun könnten? Ich würde auf diesem Wege Norbert Lammert, Andrea Nahles, Christian Lindner und Cem Özdemir gern meine persönlichen Grüße übermitteln. Das ist alles.

Durs Grünbein, 51, ist Lyriker und Essayist. 1995 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, seit Kurzem lebt er mit seiner Familie in Rom

Nils Minkmar
Es war ein ganz schön langer und harter Weg, bis das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde. Die meiste Zeit dachten die Herrschenden, die Reichen und die Gebildeten, dass es purer Unsinn sei, jede und jeden über die Geschicke des Landes mitbestimmen zu lassen. Tapfere Frauen und Männer, die schon früher dafür kämpften, wurden ermordet. Nach unendlichen Irrungen und Wirrungen ist es heute so. Es ist ein schönes, heiliges und sehr wirkmächtiges Recht. Das Mindeste ist, es am 22. September auch auszuüben und sich vorher eigene Gedanken zu machen. Darüber hinaus noch eine Wahlempfehlung abzugeben passt nach meinem Verständnis aber nicht zum Beruf des Journalisten. Unsere Loyalität muss den Texten und den Leserinnen und Lesern gelten. Wenn man eine Partei empfiehlt, könnten Zweifel daran aufkommen. Und es ist auch unnötig, die Leute können selber urteilen. Hinter der Zeitung steckt ja immer ein kluger Kopf.

Nils Minkmar, 46, ist Buchautor und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Hermann Kant
Nicht dass mir nicht um den Frieden zu tun wäre, aber recht eigentlich geht es, wenn ich wählen gehe, um meinen Seelenfrieden. Fehlte ich am Wahltag, fehlte mir etwas.

Es ist ein wenig wie Weihnachten: Einmal im Jahr besinge ich das hochheilige Paar; den Rest sind wir Fremde. Einmal alle vier Jahre könnte ich den Ausschlag geben. – So ähnlich geht wohl Lotterie.

Wahl sollte ich die Sache in Hinblick auf mich nicht nennen. Denn ich stehe ja nicht mit dem Apfel in der Hand vor drei Schönen. Von einem hochheiligen Paar hier barmherzig zu schweigen.

Ich setze meine Kreuze dort, wo sie dringlich erwartet werden. Ich setze sie, um der Linken das Kreuz zu stärken. Die hat so viele Feinde; da will ich ihr, des Friedens und meines Seelenfriedens wegen, zählbar freundlich bleiben.

Hermann Kant, 87, war einer der einflussreichsten Schriftsteller der DDR ("Die Aula"). Zuletzt erschien von ihm der Erzählband "Lebenslauf, zweiter Absatz"

Amelie Fried
Selten war ich mir so unschlüssig, was ich wählen soll, wie vor dieser Wahl. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, diesmal nicht zu wählen – was ja auch ein Statement wäre. Aber als geübte Demokratin widerstrebt mir das dann doch, deshalb werde ich wohl wählen und vermutlich auch wieder die Partei, die ich meistens gewählt habe. Mit gutem Gewissen eine Empfehlung abgeben kann ich beim derzeitigen Zustand von Partei, Programm und Spitzenkandidat leider nicht.

Amelie Fried, 55, ist Moderatorin, Publizistin und Kinderbuchautorin

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