Martin Walser
Herr Steinbrück will mit jedem Satz einen Treffer landen. Frau Merkels Sätze klingen nicht so, als wären sie schon fertig gewesen, bevor sie gesagt wurden. Frau Merkel musste ihre Sätze suchen, und wir atmeten auf, wenn sie sie fand. Die Sätze von Herrn Steinbrück wirkten im TV-Duell oft gebraucht. Herr Steinbrück versuchte zu verbergen, wie überlegen er sich fühlte. Er wusste viel mehr Zahlen als Frau Merkel. Frau Merkel wirkte mehr durch sich selbst. Zahlen kann ich nicht nachprüfen. Dasein ist erlebbar. Frau Merkel musste nur da sein. Wer recht haben muss, muss Herrn Steinbrück wählen. Wer leben will, kann Frau Merkel wählen. Und ich habe schon vor mehr als zehn Jahren eingesehen und formuliert, dass das Rechthaben kein nennenswerter Bewusstseinszustand ist.

Martin Walser, 86, ist einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller

Gesine Schwan
Ich empfehle, die SPD zu wählen, mit dem eindeutigen Ziel, keine Große Koalition zu bilden. Rot und Grün decken zusätzlich zu ihren Übereinstimmungen komplementäre Ausschnitte unserer Gesellschaft ab: den Sektor der sozial Schwächeren und den der wohlhabenden Bürger, die als Citoyens handeln, nicht als Bourgeois. Wir brauchen beide Perspektiven, um nachhaltige Politik in Deutschland zu gestalten.

© Krafft Angerer/Getty Images

Dies vor allem mit einer langfristigen Perspektive für ein handlungsfähiges, solidarisches Europa. Hier tut eine wirkliche Wende not, die verantwortliche demokratische Entscheidungsverfahren mit erheblich mehr parlamentarischer Beteiligung auf europäischer wie auf nationaler Ebene verbindet mit dem Ziel einer solidarischen europäischen Wachstumspolitik, für die wir offen, nicht trickreich unter der Hand gemeinsam haften.

Gesine Schwan, 70, Politologin und Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, kandidierte 2004 und 2009 für das Amt des Bundespräsidenten

Richard David Precht
Parteien tragen heute in der Gesellschaft kaum noch zur politischen Willensbildung bei. Sie sind primär Selbsterhaltungssysteme ohne echten Austausch mit anderen gesellschaftlichen Systemen. Dafür gibt es viele Gründe, von denen die Parteien durchaus nicht alle selbst verschuldet haben. Was vorrangig fehlt, ist eine Zukunftsvision, wie wir angesichts gewaltiger Herausforderungen in zehn oder zwanzig Jahren leben wollen. Doch statt Haltungen zu entwickeln und entsprechende politische Strategien zu generieren, reagiert die Politik auf kurzfristige Aufregungsthemen, die von den Massenmedien gespeist werden. Was wir brauchen, ist eine ehrliche Diskussion über die Zukunft der Demokratie und die Rolle der Parteien. Da diese aber von den Parteien nicht gewollt sein kann, bleibt alles beim Alten. So gesehen, ist selbst die Wahl zwischen Wählen oder Nichtwählen nicht wirklich wichtig.

Richard David Precht, 48, wurde als Philosoph mit mehreren Bestsellern bekannt. Im ZDF moderiert er unter dem Titel "Precht" eine eigene Sendung

Rainer Forst
In modernen, komplexen Gesellschaften ist die Vorstellung unrealistisch, sich mit einer Partei ganz identifizieren zu können. Für eine Wahlentscheidung muss es genügen, eine Partei zu finden, die die wichtigen politischen Fragen stellt und den richtigen Kompass für die Antworten hat: Wie überwinden wir die vielfältigen Formen der Diskriminierung in unserer Gesellschaft? Wie ist nachhaltiges Wirtschaften möglich? Wie sieht eine Politik der Gerechtigkeit aus, die mehr ist als eine Notreparatur der schlimmsten Ergebnisse des Marktversagens? Wie sähe ein Europa aus, das sich die demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse zur Aufgabe machte? Was tun wir angesichts globaler Armut? Die Partei, die ich wähle, hat gerade in Bezug auf die Frage sozialer Gerechtigkeit eine Diskussion geführt, die zeigt, dass sie die Fähigkeit zur Selbstkorrektur besitzt. Auch das ist ein Vorzug. Ich wähle die Grünen.

Rainer Forst, 49, lehrt Politische Theorie und Philosophie an der Universität Frankfurt am Main

Durs Grünbein
Ich empfehle, eine wirklich europaoffene Partei zu wählen, aber die ist weit und breit nicht in Sicht.

Der nationale Eigensinn in seiner politischen Form war und ist eine Enttäuschung. Ich sitze in einer Bucht am Mittelmeer und träume von einer europäischen Verfassung. Das Beste, was wir im Augenblick haben, ist die erzwungene Solidarität unter uns Wahlmüden.

Der Sozialstaat sorgt für das Mindeste – unter den Bedingungen der Ungleichverteilung –, der Solidarstaat für das Minimum an Zusammenhalt auf einem Kontinent, dessen Bevölkerungen nicht verschiedener sein könnten. Von Parteien, die das aufs Spiel setzen, ist dringend abzuraten. Soll ich Namen nennen, die mir hinterher noch leidtun könnten? Ich würde auf diesem Wege Norbert Lammert, Andrea Nahles, Christian Lindner und Cem Özdemir gern meine persönlichen Grüße übermitteln. Das ist alles.

Durs Grünbein, 51, ist Lyriker und Essayist. 1995 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, seit Kurzem lebt er mit seiner Familie in Rom

Nils Minkmar
Es war ein ganz schön langer und harter Weg, bis das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde. Die meiste Zeit dachten die Herrschenden, die Reichen und die Gebildeten, dass es purer Unsinn sei, jede und jeden über die Geschicke des Landes mitbestimmen zu lassen. Tapfere Frauen und Männer, die schon früher dafür kämpften, wurden ermordet. Nach unendlichen Irrungen und Wirrungen ist es heute so. Es ist ein schönes, heiliges und sehr wirkmächtiges Recht. Das Mindeste ist, es am 22. September auch auszuüben und sich vorher eigene Gedanken zu machen. Darüber hinaus noch eine Wahlempfehlung abzugeben passt nach meinem Verständnis aber nicht zum Beruf des Journalisten. Unsere Loyalität muss den Texten und den Leserinnen und Lesern gelten. Wenn man eine Partei empfiehlt, könnten Zweifel daran aufkommen. Und es ist auch unnötig, die Leute können selber urteilen. Hinter der Zeitung steckt ja immer ein kluger Kopf.

Nils Minkmar, 46, ist Buchautor und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Hermann Kant
Nicht dass mir nicht um den Frieden zu tun wäre, aber recht eigentlich geht es, wenn ich wählen gehe, um meinen Seelenfrieden. Fehlte ich am Wahltag, fehlte mir etwas.

Es ist ein wenig wie Weihnachten: Einmal im Jahr besinge ich das hochheilige Paar; den Rest sind wir Fremde. Einmal alle vier Jahre könnte ich den Ausschlag geben. – So ähnlich geht wohl Lotterie.

Wahl sollte ich die Sache in Hinblick auf mich nicht nennen. Denn ich stehe ja nicht mit dem Apfel in der Hand vor drei Schönen. Von einem hochheiligen Paar hier barmherzig zu schweigen.

Ich setze meine Kreuze dort, wo sie dringlich erwartet werden. Ich setze sie, um der Linken das Kreuz zu stärken. Die hat so viele Feinde; da will ich ihr, des Friedens und meines Seelenfriedens wegen, zählbar freundlich bleiben.

Hermann Kant, 87, war einer der einflussreichsten Schriftsteller der DDR ("Die Aula"). Zuletzt erschien von ihm der Erzählband "Lebenslauf, zweiter Absatz"

Amelie Fried
Selten war ich mir so unschlüssig, was ich wählen soll, wie vor dieser Wahl. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, diesmal nicht zu wählen – was ja auch ein Statement wäre. Aber als geübte Demokratin widerstrebt mir das dann doch, deshalb werde ich wohl wählen und vermutlich auch wieder die Partei, die ich meistens gewählt habe. Mit gutem Gewissen eine Empfehlung abgeben kann ich beim derzeitigen Zustand von Partei, Programm und Spitzenkandidat leider nicht.

Amelie Fried, 55, ist Moderatorin, Publizistin und Kinderbuchautorin

Habermas, Safranski, Berg, Ostermeier, Tellkamp, Hegemann, Meckel, Rihm

Jürgen Habermas
Nach meinem Eindruck steht die ungare Stimmungslage vor der Bundestagswahl in Zusammenhang mit der Tabuisierung des Themas, das eine kleinmütig-perspektivenlose Kanzlerin aus machtopportunistischen Gründen unter dem Deckel halten möchte. Ich meine die Krise einer Währungsunion, die auch aufgrund der Kurzsichtigkeit und des national bornierten Gerangels der in Brüssel versammelten Regierungschefs auf dem halben Weg zu einer politischen Union feststeckt. Zu Hause legt sich der Wortschwall der Verleugnung wie ein Schaumteppich auf die Köpfe einer verunsicherten Bevölkerung, die es besser weiß und doch an die unglaubwürdige Botschaft des im eigenen Garten gesicherten Wohlstandes glauben möchte – mag es den Nachbarn noch so schlecht gehen.

In dieser Situation empfiehlt sich Peer Steinbrück als ein Politiker von ganz anderer Statur – durchsetzungsfähig, zukunftsorientiert und verantwortungsbereit, ein Charakter mit Sinn für das, was relevant ist. Rot-Grün traue ich den Mut zu, die Alternativen offen auf den Tisch zu legen und Frankreich für einen echten Politikwechsel zu gewinnen.

Um für den Kurs in Richtung eines demokratischen Kerneuropas Mehrheiten zu schaffen, wird sich freilich am Ende die ganz große Koalition der zweieinhalb europafreundlichen Bundestagsparteien zusammenfinden müssen. Dafür haben SPD und Grüne schon in der Opposition Vorleistungen erbracht. Deshalb sollten sich beide Parteien, wenn es denn weder für sie noch für Schwarz-Gelb reichen sollte, auch nach der Wahl nicht trennen – und, sei’s drum, mit einer in Europafragen tief zerstrittenen Union nur gemeinsam die nächste Regierung bilden.

Jürgen Habermas, 84, einflussreichster Sozialphilosoph unserer Zeit, hat mit seinen Werken entscheidende Begriffe geprägt ("Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus")

Rüdiger Safranski
Ich bin diesmal besonders unschlüssig, welche Partei ich wählen werde. Gewiss ist nur, dass es keine sein wird, von der ich so überzeugt bin, dass ich mich für sie öffentlich ins Zeug legen könnte.

Rüdiger Safranski, 68, hat soeben das Buch "Goethe. Kunstwerk des Lebens" veröffentlicht

Sibylle Berg
Ich würde Folgendes vorschlagen: Angela Merkel verlässt sofort ihre Partei, geht zu den Grünen, wird Außenministerin, Gregor Gysi verlässt sofort seine Partei, wird Finanzminister, Internet und Daten lassen wir Frau Weisband erledigen. Volker Beck wird Kanzler, Carolin Emcke macht den Job dieser Frau, die den Namen ihres Gatten angenommen hat und den ich leider vergessen habe. So weit die Personalfragen. Inhaltlich sind die Grünen trotz für mich unerklärlicher Haltung zur Prostitution die Partei, die vermutlich noch am ehesten zu empfehlen ist.

Sibylle Berg, 51, wurde mit dem Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" berühmt

Thomas Ostermeier
Als Künstler sollte man sich meiner Meinung nach aus parteipolitischen Empfehlungen raushalten. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, welche politischen Entwicklungen oder Formulierungen mir in letzter Zeit besonders aufgestoßen sind. Dass das Primat der Politik in einem Gemeinwesen seinen Platz räumen musste für das Primat der Ökonomie, ist mehr als besorgniserregend und kommt zum Beispiel in so einer Formulierung wie der von der "marktkonformen Demokratie" zum Ausdruck. Dass das die meisten von uns schulterzuckend hinnehmen, scheint ein weiterer Hinweis darauf zu sein, wie wenig wir an unsere politische Form der Repräsentation in der parlamentarischen Demokratie glauben.

Die finanzielle Krise ist keine finanzielle, sondern eine politische. Das ist der Kern des Konflikts in unseren westlichen Demokratien. Die Politik wiederzuerobern als eine Sache, die uns alle angeht und nicht nur in den Händen einiger weniger Volksvertreter liegt, damit wir uns nicht selber die Hände schmutzig machen müssen, ist Aufgabe unserer Zeit. Ob eine alle vier Jahre stattfindende Wahl das geeignete Mittel dafür ist, ist nicht unbedingt offensichtlich. Offensichtlich ist jedoch, dass man dieses historisch errungene Privileg des Plebiszits auf keinen Fall aufgeben darf. Deswegen würde ich auch nie auf die Idee kommen, nicht zur Wahl zu gehen. Wenn man so wie ich in jüngster Zeit in Ländern wie Russland oder den besetzten Palästinensergebieten unterwegs war, wird einem erst bewusst, wie wertvoll vieles von dem ist, was wir als selbstverständlich erachten. Das Recht auf freie Meinungsäußerung zum Beispiel.

Auch wenn wir in unserer ironisierenden Art, mit unseren politischen Vertretern in Deutschland umzugehen, seit Jahren geschult sind, sollten wir nicht vergessen, dass Wahlen auch ein Ausdruck der Errungenschaften unserer Zivilisation sind. Trotz allem Zynismus sollten wir dankbar sein, dass es sie gibt. Alle großen bis mittelgroßen Parteien haben sich ohnehin darauf geeinigt, den Bürgern so lange wie möglich eine sozialdemokratische Wohlfahrtsgesellschaft zu versprechen. Insofern muss sich jeder Wähler nur überlegen, wie glaubhaft sie in den Nuancierungen ihrer jeweiligen Versprechen sind. Auf lange Sicht wird eine marktkonforme Demokratie ohnehin keine Demokratie sein, und wenn wir die nicht aufs Spiel setzen wollen, sollten wir überlegen, wie wir eine Demokratie etablieren, die es schafft, die Wirtschaftsordnung an sie anzupassen.

Der Theaterregisseur Thomas Ostermeier, 45, ist Künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, an der zurzeit seine Inszenierung des "Volksfeinds" von Henrik Ibsen zu sehen ist

Uwe Tellkamp
Natürlich wähle ich die Partei, die uns direkt in die Ausfahrt Schlaraffia leitet: ökologisch, sozial gerecht, Geld aus vollen Händen für alle, Freiheit noch mehr, Sicherheit, Gerechtigkeit, free Internet, free Willy, Dauerbreibefütterung gratis, Kreativtöpfern für unsere Kleinsten, Baumbonus ...

Der Wähler dürfte jetzt genau wissen, wen ich meine.

Uwe Tellkamp, 44, hat den Bestseller "Der Turm" geschrieben

Carl Hegemann
Alle Menschen werden Spieler – die einen zocken mit hohen Einsätzen, die andern bleiben ihr Leben lang im Sandkasten. Auch die Wahlen sind ein Spiel. Die wirklichen Entscheidungen treffen aber nicht die Wähler, sondern, wenn ich das in der Zeitung richtig gelesen habe, die global spielenden Konzerne und die global spielenden Geheimdienste. Beide zusammengenommen wissen auf einer soliden Datenbasis am besten, was gut für uns ist, was verändert werden soll und was mit Drohnen abgeknallt werden muss. Das souveräne Volk entscheidet nichts und weiß nichts, der Rechtsstaat ist ausgeschlossen.

Wenn man des ungeachtet trotzdem mitspielt und wählen geht, kann es einem auch noch passieren, dass man mit seiner Stimme ausgerechnet die Partei unterstützt, die man am wenigsten leiden kann. Wählt man zum Beispiel die Partei, der man am nächsten steht, sagen wir: die CDU, dann kann es passieren, dass die FDP unter fünf Prozent kommt und die SPD, die man gerade nicht wollte, zur Großen Koalition antritt. Das heißt: Wer CDU will und SPD nicht will, müsste aus taktischen Gründen FDP wählen, auch wenn er diese Partei doof findet. Ich habe das vor vielen Jahren mal bei den Landtagswahlen in Hessen gemacht: FDP gewählt, um sie als Koalitionspartner der dort regierenden SPD zu retten. Das führte dazu, dass die abstiegsbedrohte FDP völlig überraschend 17 Prozent der Stimmen erhielt, und das reichte für sie zur Regierungskoalition. Und zwar zur Regierungskoalition mit der CDU, die damals viel schwächer war als die SPD! Das war Pech im Spiel. Das hatte keiner erwartet. Aber hier zeigt sich auch: Wahlen können ein sehr spannendes Spiel sein. Deshalb mache ich immer wieder gerne mit und gucke mir nachher auch gerne die Wahlberichterstattung im Fernsehen an.

Carl Hegemann, 64, Dramaturg am Hamburger Thalia Theater und Vater von Helene Hegemann, wurde u. a. als Mentor Christoph Schlingensiefs bekannt

Miriam Meckel
Oh Gott. Wie soll man in differenzlosem Feld eine Entscheidung treffen ...?

Die Publizistin und Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, 46, ist Institutsdirektorin an der Schweizer Universität St. Gallen. Zuletzt publizierte sie "NEXT"

Wolfgang Rihm
Früher habe ich SPD gewählt, später gelegentlich grün. Dann empfand ich die Entwicklung beider Parteien als immer problematischer.

Für einen, der Kunst macht, sie also nicht lediglich genießt oder als moralischen Appellhof missversteht, kommt heute eigentlich nur die CDU infrage. Bei allen anderen Parteien scheint das Verhältnis zur Urheberschaft von Kunst brüchig bis gebrochen. Meist wird in einer Art populistischem Taumel vorgespielt, man sei gänzlich mit den Formen und Zielen der Unterhaltungswelt einverstanden und diesen verbunden. Sicher ist auch die CDU nicht frei von populistischem Gesten-Repertoire. Aber ich spüre dort doch eine substanziellere Verbundenheit zu dem, was Kultur genannt werden kann. Lange hing ich der Idee an, CDU und Grüne – das sei die ideale Kombination. Die einen könnten die Defizite der anderen korrigieren. Daran habe ich heute meine Zweifel.

Eine Bundestagswahl ist aber auch eine Personenwahl. Frau Merkel verdient Respekt für ihre Umsicht und Unaufgeregtheit, mit der sie in der gegenwärtigen Situation agiert. Ich werde diesmal CDU wählen.

Wolfgang Rihm, 61, ist einer bekanntesten Komponisten der Gegenwart

von Hirschhausen, Meinecke, Rutschky, Raue, Voss, Krüger, Bossong, Bosse

© Hannes Magerstaedt/Getty Images

Eckart von Hirschhausen
Auch für Ärzte, die im Fernsehen arbeiten, gilt die Schweigepflicht. Daher kann ich nichts weiter empfehlen als: hingehen und mitmachen. Und pro Zettel gilt frei nach Monty Python: Jeder nur ein Kreuz!

Eckart von Hirschhausen, 46, ist Arzt, Comedian und Moderator. Jüngste Veröffentlichung: "Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist?"

Thomas Meinecke
Meine Laufbahn als Wähler zu Zeiten der alten Bundesrepublik begann ich damit, auf dem Wahlzettel in sämtliche Kreise, in die man Kreuze hätte setzen sollen, ein großes A zu malen. Damit war ich ein unmissverständlich ausgewiesener Ungültig-Wähler. (Ich brachte es nicht fertig, die gerade aufkommenden Grünen oder die SPD Helmut Schmidts zu wählen, auch die vorhandenen kommunistischen Listen nicht, denen manche meiner Freunde anhingen.) Erst mit der sogenannten Wiedervereinigung und dem bald darauf folgenden forcierten Rückbau des Sozialstaates sowie der bitteren Erfahrung, erneut deutsche Hegemonialkriege erleben zu müssen, rückte für mich, rein pragmatisch gesehen, die PDS (nunmehr Die Linke) in den konkreten Möglichkeitsbereich, sie zu wählen. (Ein Gedanke, der mir in meinem voralpinen Dörfchen naturgemäß leichterfällt als meinen Freunden aus der abgewickelten DDR.)

Thomas Meinecke, 58, ist Schriftsteller, Musiker und DJ. Zuletzt erschien von ihm im Verbrecher Verlag die Prosasammlung "Analog"

Michael Rutschky
Ich möchte keine Wahlempfehlung aussprechen, und ich möchte nicht begründen, warum ich keine Wahlempfehlung ausspreche. Ich persönlich werde, wie immer, die SPD wählen. Seit Luhmann erkennen wir doch im Paradox ...

Der Schriftsteller und Essayist Michael Rutschky, 70, veröffentlichte zuletzt "Das Merkbuch. Eine Vatergeschichte"

Peter Raue
Jede Wahl ist eine Qual – und die Partei, die meine Vorstellungen umsetzt, muss erst erfunden werden. Auch das Wahlgeheimnis ist ein unverzichtbares Instrument jeder demokratischen Wahl – aber ein Bekenntnis, welcher Partei der Wähler seine Stimme gibt, sollte jeder Demokrat wagen, auch wenn er, wie der Verfasser dieser Zeilen, keiner Partei angehört. Also: Ich wähle mit der Zweitstimme CDU (in meinem Wahlkreis kann ich den CDU-Kandidaten beim besten Willen nicht wählen). In vielen Fragen, die mir wesentlich sind, finde ich die überzeugende(re) Antwort in dieser Partei. Da ist ein Staatsminister für Kultur – Bernd Neumann –, der es erreicht hat, den Bundeskulturetat zu erhöhen, die Länder in seine Entscheidungen und Vorhaben einzubeziehen, sodass das alberne Geschrei von der Kulturhoheit der Länder und der daraus resultierenden angeblichen Unzulässigkeit eines "Bundeskulturministeriums" verstummt ist. Er hat der Filmwirtschaft neue segensreiche Impulse gegeben. Die CDU hat – gegen das Votum der SPD und den hinhaltenden Widerstand der FDP – das Leistungsschutzrecht für die Presse wenigstens auf den Weg gebracht. Der Wärme spendende Schutzmantel für Urheberrechte, also für Künstler und deren Werke, ist bei der CDU schlicht dichter gewoben als bei allen anderen Parteien. Die FDP und ihre Justizministerin dagegen haben, wohl aus Angst vor den Piraten, bei der dringend nötigen Stärkung der Urheberrechte in der digitalen Welt schlicht nicht geliefert. Für das Wohl der Bundesrepublik mögen das Seitenwege sein. Aber auch in den Hauptwegen – Festhalten an der Euro-Währungsunion, deutliche Sprache hinsichtlich des Verschwindens jeglicher rechtsstaatlicher Gestalt in Russland, Kontinuität in wesentlichen Steuerfragen (Begünstigung beim Handel mit der Kunst, Bedenken gegen die Freihandelszone und damit den Angriff auf die Buchpreisbindung) – fühle ich mich in der CDU sicherer aufgehoben als bei allen anderen Parteien.

Der Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue, 72, ist einer der maßgeblichen Juristen für Presse- und Urheberrecht in Deutschland

Gert Voss
das deutsche staatstheater langweilt mich gewaltig obwohl es einige interessante protagonisten gibt aber ihre rollen geben nichts her trotzdem stirbt die hoffnung als letztes ich gehe wählen

Gert Voss, 71, ist einer der größten deutschen Nachkriegsschauspieler und festes Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater

Michael Krüger
Nach der erbärmlichen Art und Weise, wie die deutsche Presse (mit wenigen Ausnahmen) mit Peer Steinbrück umgesprungen ist, der als ungehobelter Poltergeist mit Lust auf hohe Vortragshonorare und Liebe zu Fettnäpfchen dargestellt wurde, wird ein Teil meines Kreuzes ihm gehören. Er ist mir jedenfalls lieber als die Datenträger Friedrich und Pofalla, die mir als wandelnde Leitzordner einreden wollen, es sei nichts passiert. Wohin ich den Rest meines Kreuzes tragen werde, werde ich am Wahltag entscheiden, weil ich immer noch hoffe, dass bis dahin wenigstens einer aus der Deckung geht und sagt, was ihm Kultur (außerhalb des Netzes und innerhalb der EU) bedeutet. Kann aber auch sein, dass ich mein Kreuz selber trage bis über die Wahl hinaus.

Michael Krüger, 69, ist Schriftsteller und Chef des Hanser Verlags. Zuletzt veröffentlichte er den Gedichtband "Umstellung der Zeit"

Nora Bossong
Eine Wahlempfehlung habe ich nicht, aber einen Wahlwunsch, und das wären neue Koalitionen. Wenn sich zum Beispiel die FDP aus ihrer Deckung hinter der CDU/CSU hervorwagte, bekäme sie vielleicht wieder etwas Farbe ins Gesicht. Wenn die Grünen sich nicht allzu fest an die SPD klammerten, könnten sie womöglich freier mit ihren Veränderungen umgehen. Das bekannte Argument für den Verbleib in alten Koalitionsspielräumen: Die Übereinstimmungen sind dort am größten. Aber es geht hier ja nicht um eine harmonische Paarbeziehung, sondern um ein Team, das möglichst taugliche Ideen hervorbringen soll, und da können divergierende Sichtweisen durchaus von Vorteil sein, ganz abgesehen davon, dass nach Harmonie auch bei Übereinstimmenden mitunter lange zu suchen war.

Nora Bossong, 31, debütierte 2006 mit dem Roman "Gegend" und bekam bereits mehrere Auszeichnungen

Jan Bosse
Die Grünen und ich – das ist ein bisschen wie in Szenen einer Ehe, die ich demnächst im Staatstheater Stuttgart inszeniere. Ich liebe sie sehr, ärgere mich oft über sie, manchmal halte ich sie kaum aus, aber ohne sie geht Deutschland gar nicht!

Jan Bosse, 44, ist einer der erfolgreichsten deutschen Theaterregisseure

Ringsgwandl, Schwarzer, Lewitscharoff, Martenstein, Menasse, Hensel, Biller, Bovenschen

Georg Ringsgwandl
Wahlempfehlungen von Leuten, die sich Künstler oder Intellektuelle nennen, halte ich für abenteuerlich. Erstere sind geistig nicht zurechnungsfähig, und Letztere täuschen sich genauso wie jeder andere.

Ich sehe nicht, wie mein Wahlverhalten anderen helfen könnte. Die Wahlen sind laut Grundgesetz geheim, und dabei sollte man es auch belassen.

Georg Ringsgwandl, 66, wurde als Kabarettist und Liedermacher vielfach ausgezeichnet

Alice Schwarzer
Früher habe ich noch an Parteien geglaubt und natürlich immer die "richtige" gewählt. Aber das ist schon lange vorbei. Für mich geht es bei Wahlen nicht mehr um Glaubensfragen, sondern nur noch um glaubwürdige Personen, präzise Interessen – kurzum das kleinere Übel. Wahlempfehlungen scheinen mir bei der Gemengelage vermessen. Ich bin ja nicht Günter Grass.

Alice Schwarzer, 70, Journalistin und Gründerin der Frauenzeitschrift "Emma"

Sibylle Lewitscharoff
Ginge es nur um eine Wahl im Schwabenland, wäre die Sache für mich klar: Winfried Kretschmann ist mein politischer Held. Selten hat das Land einen so umsichtigen, klugen Politiker gekürt. Es freut mich auch, dass inzwischen Fritz Kuhn das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart versieht. Loben wir die Schwaben, die ihr politisches Geschirr derzeit so gut aufgeräumt im Schrank zu stehen haben!

Bei der Bundestagswahl wird die Sache schwierig. Ich brauche nur die extrem törichte Claudia Roth im Fernsehen zu erblicken, und ich winde mich vor Abscheu. Außerdem – wie hat diese ansonsten recht tapfere Partei die Dummheit begehen können, derart ausufernde Steuererhöhungen zu fordern? Ich zahle zwar gern Steuern, bin sogar stolz darauf, inzwischen recht üppig zu zahlen, aber solche Erhöhungspläne gehen einfach zu weit.

Bleibt die SPD. Hätten sie den klugen Frank-Walter Steinmeier als Zugpferd gekürt, wäre ihm meine Hauptstimme sicher gewesen. Nun aber weiß ich nicht, was tun. Traditionell hat meine Familie häufig SPD gewählt. Nach wie vor ist für mich die größte politische Tat der Nachkriegszeit Willy Brandts Kniefall in Warschau. Unvergessen! Reicht aber nicht, um diese Partei vollen Herzens zu wählen.

Also – was tun? Mit der CDU verbindet mich nichts bis auf die erfreuliche Tatsache, dass eine Frau aus der vormaligen DDR das höchste Amt im Staate innehat und sich darin nicht schlecht bewährt. Der FDP wünsche ich den Untergang. Der gescheite Christian Lindner, um den es wahrlich schade ist, wird gewiss ein anderes nobles Betätigungsfeld finden.

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, 59, erhält im Oktober den Georg-Büchner-Preis. In Kürze erscheint von ihr das Buch "Pong redivivus"

Harald Martenstein
Ich habe in meinem Leben nach reiflicher Überlegung die verschiedensten Parteien gewählt. Meistens haben die von mir gewählten Parteien die Wahl verloren. Falls sie aber gewonnen haben, weigerten sie sich auf die frechste nur denkbare Weise, so zu regieren, wie ich es für angemessen halte. Ich bin offenbar ein total schlechter Wähler. Deswegen muss ich leider davon abraten, von meiner Seite kommenden Empfehlungen auch nur die geringste Bedeutung beizumessen. Um Schaden von unserem Land abzuwenden, sehe ich davon ab, welche zu geben."

Harald Martenstein, 60, Journalist, Schriftsteller und Kolumnist im ZEITmagazin. Zuletzt erschien von ihm im Aufbau Verlag "Romantische Nächte im Zoo"

Eva Menasse
Vor einigen Wochen stand in der ZEIT der treffende Satz, dass Angela Merkel langsam an die britische Queen gemahne: Sie wird vom ganzen Land geliebt, doch eine weitaus geringere Anzahl der Deutschen befürwortet die Politik ihrer Partei, gar ihrer Koalition. Als hätte, wie bei der Queen, die Person mit der Politik gar nichts zu tun. Das, zusammen mit dem Umstand, dass mit Peer Steinbrück ein international wertgeschätzter, erfahrener, finanzpolitisch hochkompetenter, zudem ein witziger, redegewandter und temperamentvoller Politiker in einer monatelangen, beispiellosen, schockierend gleichförmigen Medien-Schlammschlacht herabgewürdigt und lächerlich gemacht wurde, ergibt ein beunruhigendes Bild vom Zustand Deutschlands. In Griechenland und Spanien ringen ganze Generationen ums Überleben, rundum in Europa wächst der Rechtsextremismus bedrohlich an, aber hierzulande hockt man ängstlich auf seinem vergleichsweise gigantischen Reichtum und fürchtet sich schier zu Tode – als wäre die Zukunft nicht allezeit ungewiss.

Den Ängstlichen geht es nicht mehr um Politik, sondern um Pose. Und die Pose der Angela Merkel ist, das muss man anerkennen, fehlerlos und unüberwindlich. Solange sie das Gesicht nicht verzieht, wird, so hoffen die Deutschen, schon nichts wirklich Schlimmes passieren. Doch Politik ist vom Menschen gemacht, kein Naturgesetz, wo der Apfel immer, "alternativlos", der Erde zustrebt. Und deshalb wird ihre Strategie der allerkleinsten, zögernden Schrittchen irgendwann ein Ende finden. Irgendwann, bald, wird offensichtlich werden, dass auch Deutschland bluten muss für das Euro- und Bankendesaster, zugunsten nämlich des Weiterbestands eines demokratischen und vereinten Europas. Und Frau Merkel ist, etwa in der Sportart Verhandlungsmarathon, gewiss eine Spitzenleistungsträgerin, aber was sie nicht kann, ist die "Hauruck- und Ärmel-Hoch-Rede".

Deshalb ganz klar: Rot oder Grün! Das sind, nur zur Erinnerung, die, die damals die Sozialsysteme reformiert haben, wovon wir heute profitieren. Das sind die, die aus Überzeugung den Atomausstieg eingeleitet haben und nicht, wie Schwarz-Gelb, ihren nassforschen "Ausstieg aus dem Ausstieg" panisch zurücknehmen mussten, weil es eben doch möglich ist, dass so ein bombensicheres Atomkraftwerk explodiert. Rot-Grün, damit sich wieder etwas bewegt in diesem Land – angefangen beim Gesicht des nächsten Kanzlers.

Eva Menasse, 43, ist eine österreichische Schriftstellerin. Ihr jüngster Roman "Quasikristalle" erschien im Frühjahr

Jana Hensel
Als Frau und Ostdeutsche muss ich natürlich Angela Merkel wählen. Als Frau und Ostdeutsche kann ich natürlich nie im Leben CDU wählen. Und weil es zwischen diesen beiden Sätzen für mich nicht viel gibt, habe ich schon vor vier Jahren gar nicht gewählt. Ich bin politisch ortlos, fühle mich fast ein wenig verloren und habe manchmal das Gefühl, der Kanzlerin damit ziemlich nah zu sein. Ein Trost aber ist das nicht.

Jana Hensel, 37, ist Buchautorin und stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Wochenzeitung "Freitag"

Maxim Biller
Intellektuell, kulturell und politisch befindet sich unser Land heute, sieht man die Sache rein formal, auf dem Stand der vergehenden Spät-DDR.

Seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten gelten bei uns dieselben Dogmen, ästhetisch und inhaltlich, und fast jeder hat Angst, gegen sie zu verstoßen, also grundsätzlich die Prinzipien des Mainstreams infrage zu stellen. Denn damit könnte er ja seine Vorgesetzten, seine Kollegen, seine Partei gegen sich aufbringen und von einem Tag auf den anderen alles verlieren. Darum gibt es bei uns schon so lange keine aufregenden Diskussionen, Bücher und Filme, keine anständigen, charismatischen Kapitalisten, keine wütenden Studenten und vor allem – keine Politiker mehr, die mehr wollen und können, als unsere herzlose, aber funktionierende Gegenwart zu verwalten. In einer solchen Zeit ist eine Frau, die in der DDR der siebziger und achtziger Jahre Denken und Handeln gelernt hat, natürlich die perfekte Wahl. Wenn Sie also wollen, dass alles bleibt, wie es ist, müssen Sie unbedingt Angela Merkel Ihre Stimme geben. Die Sache hat aber einen Nachteil: Je länger nichts geschieht, desto größer ist das Chaos, das nach dem Ende des Nichts kommt. Wer allerdings glaubt, SPD, FDP, Linke oder Grüne hätten eine gute Alternative zum Gleichmacherstil von Angela Merkel, hätte in der vergehenden DDR wahrscheinlich eine der Blockparteien gewählt. Kurzum: Die Lage ist nicht nur schlecht, sondern auch noch überhaupt nicht witzig.

Maxim Biller, 53, ist Schriftsteller und Kolumnist im ZEIT-Feuilleton

Silvia Bovenschen
Obwohl gesundheitlich momentan geschwächt, werde ich vermutlich wählen gehen, aber ich frage mich, ob es nicht gerade diese Schwäche ist, die mich an die Urne treibt. Das Gebot, die Wahl als demokratische Errungenschaft zu ehren, wird immer abstrakter, sehe ich doch gerade diese Errungenschaften zunehmend gefährdet, wenn ich – nur um ein aktuelles Beispiel zu nehmen – an die Aussicht denke, dass wir, die treuen Wähler, von einigen amerikanischen Internetkonzernen im Verbund mit den Geheimdiensten in allem Tun und Denken bis hinein in die privatesten Winkel durchleuchtet werden können, und wenn ich zugleich an die schläfrigen Reaktionen unserer marktkonformen Politiker auf die weitreichenden Konsequenzen der digitalen Revolution denke. Es ist wahrscheinlich auch nur diese Schwäche, die mich hoffen lässt, dass ein Regierungswechsel, der jetzt schon als Illusion gehandelt wird, eine Besserung bringen könnte. Ich befürworte einen Wechsel, für eine weitere Empfehlung fehlt es an Kraft und Überzeugung. Also: Auf zum kleineren Übel.

Silvia Bovenschen, 67, Literaturwissenschaftlerin, wurde bekannt durch ihr Buch "Die imaginierte Weiblichkeit", 2013 publizierte sie den Roman "Nur Mut"

Dorn, Weber, Händler, Kermani, von Schirach, Biermann, Welzer, Beck

Thea Dorn
Es fällt mir schwer, mich in dieser Parteienödnis als Wegweiserin zu versuchen. Die CDU ist die große Schlafwandlerin geworden, die es stets dorthin treibt, wo sie den dicksten Balken wähnt. Bei der SPD bin ich mir nicht sicher, ob es sich überhaupt noch um eine Partei handelt. Die Grünen flößen mir Grauen ein, weil sie jede Lebensregung mit ihrem Gütesiegel ersticken wollen. Die FDP könnte nur dann eine Wahlmöglichkeit sein, wenn sie sich auflösen, ein Jahr in Klausur gehen und die gesammelten Werke von Karl Popper lesen würde.

Thea Dorn, 43, ist Schriftstellerin und Dramaturgin. Zuletzt erschien von ihr "Die deutsche Seele"

Andreas Weber
Meine Empfehlung lautet: Grüne wählen. Nicht weil diese ein besonders durchdachtes Programm zum Umgang mit der Natur hätten oder gar Ideen für eine neue Wirtschaft als Ökosystem (das ist die von ihnen mehrheitlich propagierte green economy mit ihrer Effizienz- und Leistungsmoral und ihrem technischen Optimismus ja gerade nicht). Nein, einfach darum, weil die Grünen als Einzige immer noch nicht ganz vergessen haben, dass das Problem unserer Zivilisation ein Problem mit der Lebendigkeit ist, mit jener der anderen Wesen und mit unserer eigenen. Die Grünen könnten eine politische Ökologie wieder hörbar machen, wie sie die Partei einst in den späten Siebzigern hervorgebracht hat, und allein so Seele und Humanität wieder ins politische Denken bringen. Ich empfehle sie mit jener Haltung, die Václav Havel unübertroffen so beschrieb: "Hoffnung ist etwas vollkommen anderes als Optimismus. Hoffnung ist das, was Sinn gibt, ganz gleich, wie es ausgeht."

Andreas Weber, 46, schreibt viel beachtete Bücher über unser Verhältnis zur Natur

Ernst-W. Händler
Für alle Parteien existiert ein gap zwischen den programmatischen, weltverbessernden Zielen und deren Begründung auf der einen Seite und tatsächlich verfolgten Absichten und deren Motivation auf der anderen Seite.

Dieser gap ist allen Beteiligten bewusst, ebenso die Tatsache, dass der inoffizielle Teil der Veranstaltung moralisch weit weniger hochstehend ist als der offizielle. Man kann sich dem Thema auch anschaulicher über den Begriff des Charakterfehlers nähern. Das gibt dann die folgende Auswahl:

CDU/CSU Heuchelei, FDP Rücksichtslosigkeit, Grüne blaming, SPD Neid. (Es sei ausdrücklich angemerkt, dass die Parteien nicht nur aus Charakterfehlern bestehen.) Für eine Partei zu stimmen bedeutet, nicht nur einen Charakterfehler in Kauf zu nehmen, sondern sich bewusst für ihn zu entscheiden. Deswegen ist Ihre Frage indiskret.

Ernst-W. Händler, 60, ist Unternehmer und Schriftsteller. In seinem jüngsten Roman "Der Überlebende" schreibt er über einen empathielosen Ingenieur

Navid Kermani
Ich empfehle, die Grünen zu wählen, weil: ich erstens Nichtwählen vor meinem biografischen Hintergrund und angesichts von weltweit so vielen, oft blutig niedergeschlagenen Aufständen für Demokratie obszön fände und zweitens die Grünen unter allen deutschen Parteien noch am ehesten bereit sind, das gemeinsame europäische Projekt über nationale Partikularinteressen zu stellen. Außerdem halte ich drittens und viertens den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und den Kampf gegen die Armut für die politisch drängendsten Herausforderungen auf Erden; zwar sehe ich nicht, dass die Grünen substanzielle Antworten hierauf hätten – aber zumindest sind sie die Einzigen, die sich die globalen Fragen gelegentlich noch stellen.

Der Orientalist Navid Kermani, 46, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Zuletzt erschien von ihm der Reportageband "Ausnahmezustand"

Ferdinand von Schirach
Wenn man ein paar Bücher geschrieben hat, werden einem dauernd solche merkwürdigen Fragen gestellt: Wie lässt sich die Euro-Krise lösen? Glauben Sie auch, dass Vegetarier die Welt retten werden? Ist Günter Grass heute ein verwirrter Mensch? Soll Klagenfurt abgeschafft werden? Ist der Papst ein echter Katholik? Oder eben: Wen wählen Sie? Man muss sich schon sehr ernst nehmen, um so etwas zu beantworten. Bei der Bundestagswahl ist es aber ganz einfach: Sie müssen wählen, bitte tun Sie es. Vergessen Sie den ganzen Unsinn, dass Politik zu langweilig sei oder dass es heute nichts mehr bedeute, wen Sie wählen, oder dass alle Politiker gleich schlecht seien. Nichts davon stimmt. In Wirklichkeit sollten wir über jede Langeweile in der Politik froh sein, und die meisten Menschen machen ihre Dinge ordentlich, wenn man an sie glaubt.

Und wen sollen wir wählen? Reichtum für alle, Pathos und ganz neue Gesellschaftsentwürfe mögen aufregender sein als die Wahl zwischen Merkel und Steinbrück. Dort ist ja doch alles, was Sie nach der Wahl bekommen, wieder mühsam, grau und anstrengend, es werden auch danach nur winzige Schritte sein, in denen sich die Gesellschaft entwickelt. Aber am Ende – das sollten wir begriffen haben – ist das besser als sämtliche Heilsversprechen.

Ferdinand von Schirach, 49, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller. Sein Buch "Verbrechen" wurde ein Bestseller. Jetzt erscheint der Roman "Tabu"

Wolf Biermann
Wir lernten und begriffen es nicht in der Diktatur – das fatale Dilemma jeder echten Demokratie: Wer da gewählt werden will, ist in der Gefahr, die Wähler zu besabbeln und zu bestechen mit echten Schmeicheleien und falschen Verheißungen.

Die CDU war nie meine Partei, aber Angela Merkel ist meine Kanzlerin. Diese Frau hat wohl nicht das geschichtliche Kaliber von Bismarck und Churchill, aber Kohls Mädchen aus dem Osten hat inzwischen mindestens ein Format wie einst Adenauer, Brandt, Schmidt und Margaret Thatcher.

Und mir imponiert, dass sie im April 1982, als die DDR noch ewig existierte, nicht nur den Mut hatte, zum Begräbnis meines Freundes Robert Havemann zu gehen, sondern auch die List und das Glück, sich nicht von all den Volkspolizisten und all den zivilen MfS-Fängern abfangen und einkassieren zu lassen. Die "bewaffneten Organe" sollten an diesem Tag dafür sorgen, dass das Begräbnis des rebellischen Kommunisten Havemann nicht zu einer Massendemonstration der jungen DDR-Opposition würde. Wunderbar plietsch war sie. Durch die Wälder hinter dem Friedhof Grünheide machte sich die junge Physikerin damals auf den unbequemen, den längeren, aber weniger gefährlichen Umweg. Und das passt auch heute zu ihrer Gangart.

Die Merkel ist ein gebranntes Kind der Diktatur, sie war weder Widerstandskämpferin noch Kanaille des Regimes. Immerhin verkam Freiheit für sie, so wie auch für mich, nie zu einer wohlfeilen Selbstverständlichkeit.

Ihr Kontrahent Peer Steinbrück kann ihr im Wahlkampf kein Widerpart sein, denn er kommt mir vor wie ein wutgelähmter CDU-Mann.

Was wähle ich also?

Die Grünen sind mir nicht grün. Die Erben der SED-Nomenklatura, die Linken, waren niemals links, sondern verlogen. Die FDP ist nicht gelb, sie hat aus Angst vor den Wählern nur noch die Gelbsucht.

Also wähle ich bei dieser Wahl die einzige echt liberale und öko-christlich-soziale Demokratin, Angela Merkel. Dabei halte ich ihre Energiewende-Politik für einen Fehler. Aber diese AKW-Japanik erfasste die konkurrierenden Parteien noch viel panischer.

In der taktischen Hysterie des Stimmenfangs werfen die gegnerischen Wahlstrategen der Kanzlerin vor, dass sie eigentlich gar nicht regiere, dass sie statt eigener Ideen nur die Politpatente ihrer Kontrahenten kopiere, dass sie Entscheidungen ausweiche, dass sie nicht das Charisma eines visionären Menschenfängers habe. Gewiss, die Merkel eifert nicht, sie droht nicht, sie jammert nicht, sie leugnet auch nicht – sie macht eben ohne macht-ideologisches Feuerwerk im globalen Bestiarium – und frei nach Brecht – "das Einfache, das schwer zu machen ist". Oder Laotse: "Die beste Regierung ist die, von der kein Mensch was merkt."

Wahlfragen sind keine Religionsfragen. Ich kenne einen echt sozialen und wirklich demokratischen Politiker, der dieser tapferen SPD-Tradition treu blieb: unser Bürgermeister in Hamburg, Olaf Scholz. Den wähle ich, falls Angela Merkel mal andere Esel zu kämmen hat. Dann wäre dieser echte Hanseat mein Mann.

Wolf Biermann, 76, Lyriker und Liedermacher, löste durch seine erzwungene Ausbürgerung aus der DDR 1976 massive Proteste aus

Harald Welzer
Leider kann ich keine Empfehlung abgeben. Und zwar deswegen, weil ich bei allen etablierten Parteien eine ungute Tendenz zum Illusionismus sehe – so, als würden die Antworten des 20. Jahrhunderts noch zu den Herausforderungen passen, vor denen demokratische Gesellschaften im 21. Jahrhundert stehen. Solche wären stichwortartig Generationenungerechtigkeit in ökonomischer und ökologischer Hinsicht, Klimawandel, Entmächtigung nationalstaatlicherPolitik durch multinationale Wirtschaftsakteure, die Entstehung eines informationellen Totalitarismus und einiges mehr.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich erwarte von der Politik keine Antworten auf die Frage, wie das alles einzuschätzen und wie zu agieren und reagieren wäre, aber wenigstens eine Anerkennung dessen, dass hier Fragen vorliegen, auf die die Politik einstweilen keine Antworten hat. Das wäre mal ein Anfang.

Harald Welzer, 55, ist Sozialpsychologe und hat die Stiftung Futurzwei gegründet

Ulrich Beck
Ich gehöre zu einem der vielen Anti-SPD-Flügel in der SPD. In der Abwägung meiner vielen Antis – Anti-FDP, Anti-CDU, Anti-CSU – gibt das Könnte den Ausschlag. Ich gehöre zur Anti-SPD-SPD, weil ich weiß, dass die SPD nicht den Mut hat, die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit in und für Europa aufzuwerfen. Aber ich weiß auch, dass die SPD die einzige Partei ist, die dies könnte. Dieser Hoffnungskonjunktiv leitet widerwillig mein flüchtiges Kreuzchen.

Ulrich Beck, 69, ist einer der renommiertesten Soziologen. Er hat den Begriff "Risikogesellschaft" geprägt. Zuletzt erschien von ihm "Das deutsche Europa"

Matthes, Furtwängler, Aly, Hartmann, Veiel, Schulze, Sloterdijk, Lendle

Ulrich Matthes
SPD. Aus ein paar Gründen der Vernunft.

Und – zugegeben, auch – aus einer Jetzt-erst-recht-Laune, aus Ärger über Häme und Steinbrück-Bashing in den letzten Monaten.

Ulrich Matthes, 54, ist einer der profiliertesten deutschen Charakterdarsteller

Maria Furtwängler
Mit sechs Jahren war ich das erste Mal in einer Wahlkabine. Mit meiner Mutter. Die Wahlleiterin im Wahllokal regte sich massiv auf, dass die Regeln der geheimen Wahl nicht beachtet würden. Meine Mutter konnte ihr glaubhaft versichern, dass das Wahlgeheimnis dennoch gewahrt bleibe, und so durfte ich die Stimmabgabe hautnah verfolgen. Seit dieser Zeit verbinde ich mit einer Wahlaussage das Geheime. Und ich denke, es so zu belassen.

Sicher begebe auch ich mich ab und zu in das öffentliche Rampenlicht. Ich nutze dann meine Bekanntheit und werbe für ein Schauspiel-Engagement oder bitte um Unterstützung für mein Malisa Home der German Doctors. Projekte, die mir sehr am Herzen liegen. Aber manches sollten gerade wir Schauspieler für uns behalten.

Maria Furtwängler, 47, Schauspielerin und Ärztin, ist vor allem bekannt als "Tatort"-Kommissarin

Götz Aly
Aus außen- und europapolitischen Gründen würde ich Schäuble und Merkel wählen (ohne CSU-"Schwester"); aus historisch gespeistem Mitleid und Mitgefühl die SPD (ohne die meisten ihrer derzeit führenden Personen) – sie ist die Partei, die immer die schlechten Karten zieht, sich ihrer Großtaten für das Vaterland (1918, 1920, 1933, 1946 ff., 1968 ff.), ihrer Schröderschen und Münteferingschen Arbeitsmarkt- und Rentenreformen nicht freuen kann, während die Bürgerlichen davon profitieren; die Grünen wollen mir zu viel verbieten (ich möchte nicht von zumeist kinderlosen Biospießern regiert werden); die FDP gehört zu den Verräterinnen, nicht zu den Vorkämpferinnen des Liberalismus; die Linke könnte man wählen, wenn man damit die Chancen für eine sogenannte Große Koalition erhöhen wollte. Ich schwanke und werde mich in letzter Minute entscheiden.

Götz Aly, 66, ist Historiker. Er veröffentlichte Werke über Euthanasie und den Holocaust

Sebastian Hartmann
Sie möchten wissen, wen ich wähle – ich denke: niemanden. Woher das kommt?

Als ich das letzte Mal niemanden gewählt habe, hieß der Staat DDR, und viele wählten so wie ich – es war spürbar bei den Menschen, dass etwas geschehen musste. Und es kam anders.

Ich lebe in einem Staat mit Bundeskanzlerin und einem homosexuellen Außenminister, was mich in meinem demokratischen Verständnis überhaupt nicht beunruhigt, im Gegenteil. Doch möchte ich sie und die anderen, die es gerade nicht sind, auf keinen Fall wählen. Es wäre falsch, anzunehmen, dass mir dies nichts bedeutet!

Ich spüre in mir eine starke Abneigung gegenüber Macht und noch mehr denen gegenüber, die Macht um jeden Preis erhalten oder gar erringen wollen. Dabei ist aber das Geräusch der Weltpolitik, berstend vor wirtschaftlichen Interessen, so stark geworden, dass es nationale Verfassungen zerreißt. Unsere deutschen Vorstellungen, vielleicht zu sehen in einem Wahlkampf (wieso heißt das überhaupt "Wahl-Kampf"?), wirken hier hilflos und ohnmächtig: Es stirbt neben einem Staat und seinem schwer lesbaren Selbstverständnis eine ganze Welt.

Nichtwählen bedeutet so für mich die Suche nach einem Vertrauen, welches ich gerade nicht besitze, aber brauche, um atmen zu können, um meine Kinder zu begleiten, solang ich es vermag, und ihnen die Angst vor den Stürmen zu nehmen, die sich da stauen.

Hab ich denn eine Wahl?!

Sebastian Hartmann, 45, gilt als einer der wichtigsten deutschen Theaterregisseure. Von 2008 bis 2013 war er Intendant des Schauspiels Leipzig

Andres Veiel
Nein, nichts gegen unsere Physikerin, sie ist sehr sympathisch, mit Wortwitz und Schalk gesegnet und fleißig. Ständig bastelt sie an neuen Versuchsanordnungen. Kommen heute andere Messwerte raus als gestern, werden die Prinzipien des gestrigen Tages flugs als "überholt" deklariert. Unsere Physikerin ist so beliebt, gerade weil sie uns auf wunderbare Weise sediert. Krise? Nicht bei uns. Abhörskandal? Kenne ich auch nur aus der Zeitung. Bei aller Beruhigung – wir alle wissen, dass die nächsten Krisen mit einer unbedingten Wucht auf uns zurollen, die es erforderlich macht, jetzt nach vorn zu denken. Wenn wir ein anderes Europa wollen, was ist der Preis dafür? Wenn wir ein anderes Wirtschaften wollen, jenseits einer marktkonformen Demokratie – was sind die politischen Konsequenzen, die gezogen werden müssen?

Ihr Herausforderer versucht, den Kokon der freiwillig Sedierten mit diesem und jenem Weckruf zu durchbrechen. Mehr Wir! Steuern hoch! Ja! Nein! Vielleicht! Dabei hat er viele gute Argumente. Aber Steinbrück steckt in dem Dilemma, viele der Entwicklungen, die er heute brandmarkt, selbst mit auf den Weg gebracht zu haben. Das trägt nicht unbedingt zu seiner Glaubwürdigkeit bei.

Deshalb also die wählen, die die Schieflage des Finanzkapitalismus bereits vor zehn Jahren prognostiziert haben? Teile der Linken verdienen allein dafür Respekt, das Richtige zur falschen Zeit gesagt zu haben. Statt daraus einen Profilierungsschub zu entwickeln, hat die Partei sich über Jahre nur mit sich selbst beschäftigt.

Bleiben neben den Kleinstparteien mit Minimalprogrammatik nur die Grünen. Die Altvorderen der Parteispitze verbreiten in ihrer kontinuierlichen Präsenz ein spritziges "Vorwärts in die achtziger Jahre!". Davon abgesehen, haben die Grünen durchaus einen Bonus, allein schon wegen der Zumutungen, die sie sich ins Programm geschrieben haben: Mehr Steuern! Mehr Abgaben! Sie setzen auf den Wähler, der weiß, dass diese Belastungen – egal, welche Partei er wählt – ohnehin kommen. Die Grünen verbinden ihre Zumutungen mit klaren Optionen, wie dieses Geld ausgegeben werden muss. Wollen wir das Ziel eines gemeinsamen Europas mit Griechenland, Spanien, Italien nicht aufgeben, werden wir, die lange genug von der Krise profitiert haben, zur Kasse gebeten. Wollen wir nicht weltweit den Anschluss verlieren, muss wesentlich mehr in Bildung und Forschung investiert werden. Soll eine weitere Verschuldung ausgeschlossen werden, brauchen wir für diese Investitionen einen Beitrag derjenigen, die mehr haben als andere. Das zum Programm zu machen ist nicht revolutionär, verdient aber einen gewissen Respekt. Vielleicht ist es nicht ganz falsch, das am Wahlsonntag mit einem Kreuzchen zu honorieren.

Andres Veiel, 53, ist einer der erfolgreichsten Dokumentarfilmregisseure in Deutschland. Zuletzt wurde sein Theaterstück "Das Himbeerreich" uraufgeführt

Ingo Schulze
Ich empfehle meine alten Feinde zur Wahl: die Linke. Unsere Gesellschaft hat vor allem ein Gerechtigkeits- problem. Und solange SPD und Grüne nicht dazu bereit sind, die Linke als politischen Verbündeten zu akzeptieren und mit ihr eine Koalition zu bilden, wird sich in diesem Land nichts ändern. Wahlen allein machen noch keine Demokratie, aber in meinen Augen liegt in ihnen immer noch die Möglichkeit verborgen, etwas zu verändern.

Ingo Schulze, 51, in Dresden geboren, zählt zu den bekanntesten Schriftstellern ostdeutscher Herkunft. 2007 bekam er den Preis der Leipziger Buchmesse

Peter Sloterdijk
Gern würde ich meiner Devise treu bleiben, in unheildrohenden Situationen für das geringere Übel zu votieren – und Unheil ist immer näher, als man vermutet. Man könnte so weit gehen, Urteilskraft zu definieren als die Fähigkeit, geringere Übel von größeren zu unterscheiden.

Genau dies gelingt mir in diesem Herbst 2013 nicht, wenn ich die Wahlwerbungen der Kanzlerparteien ansehe – wahrscheinlich deswegen, weil das uns schon morgen und übermorgen Bedrohende in der Alternative Merkel/Steinbrück nicht abgebildet wird. Andrerseits scheint mir diese Unschlüssigkeit momentan kein großes Unglück zu sein: Im nächsten Bundestag werden erneut fünf Spielarten von Sozialdemokratie vertreten sein, sodass ich als langjähriger skeptischer Befürworter sozialdemokratischer Vernunft nicht ganz danebenliegen werde. Aus dieser Sicht sind ja alle wählbar.

Außerdem ist evident: Keine Partei wird in den nächsten vier Jahren die Energie aufbringen, die nötig wäre, um das finanzpolitische Wahnsystem zu revidieren, das gute Absichten und schlechte Kenntnisse der politischen Klasse seit 20 Jahren über unseren Köpfen errichtet haben. Weil unter den etablierten Parteien auf diese Provokation keine eine schlüssige Antwort bereithält, ist für einen gefahrenbewussten Beobachter im Augenblick schlechthin keine wählbar.

Peter Sloterdijk, 66, Philosoph, wurde durch seine "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) und die Debatte um "Regeln für den Menschenpark" (1999) bekannt

Jo Lendle
Diesmal nahm ich mir vor, die Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien komplett zu lesen. Natürlich ist "Wahlprogramm" ein heikles Genre – ein Spagat zwischen Neujahrsansprache und Teleshopping. Beim Lesen fällt auf, dass sich die bizarrsten Originalsätze leicht zu einer parteiübergreifenden Collage des Schreckens zusammenkleben lassen. Also nichts wie los. Im CDU-Programm verliert man sich beim Pflücken von Stilblüten wie Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter. Auch die Linke schenkt reiche, schrille Beute. Dagegen wirkt die SPD verblüffend zurechnungsfähig, ihre überlangen Satzschlangen bringen kaum pointiertes Material. Erleichterung erst wieder bei der FDP, deren Programm sich als rhetorisches Blabla-Bällchenbad erweist. Bullshit happens. Und auch die Grünen, von denen ich mir aus milieubedingter Verbundenheit Erholung erhoffte, schlagen kaum weniger Schaum. Das Kapitel "Kultur" weckt echte Fluchtinstinkte – womöglich ein Trick, um uns zurück zur Natur zu scheuchen. Die fertige Collage steht nun auf ZEIT ONLINE. Die Wahl dagegen fällt mir schwerer denn je.

Jo Lendle, 45, Schriftsteller und designierter Chef des Hanser Verlages, publizierte 2013 den Roman "Was wir Liebe nennen"