Ulrich Matthes
SPD. Aus ein paar Gründen der Vernunft.

Und – zugegeben, auch – aus einer Jetzt-erst-recht-Laune, aus Ärger über Häme und Steinbrück-Bashing in den letzten Monaten.

Ulrich Matthes, 54, ist einer der profiliertesten deutschen Charakterdarsteller

Maria Furtwängler
Mit sechs Jahren war ich das erste Mal in einer Wahlkabine. Mit meiner Mutter. Die Wahlleiterin im Wahllokal regte sich massiv auf, dass die Regeln der geheimen Wahl nicht beachtet würden. Meine Mutter konnte ihr glaubhaft versichern, dass das Wahlgeheimnis dennoch gewahrt bleibe, und so durfte ich die Stimmabgabe hautnah verfolgen. Seit dieser Zeit verbinde ich mit einer Wahlaussage das Geheime. Und ich denke, es so zu belassen.

Sicher begebe auch ich mich ab und zu in das öffentliche Rampenlicht. Ich nutze dann meine Bekanntheit und werbe für ein Schauspiel-Engagement oder bitte um Unterstützung für mein Malisa Home der German Doctors. Projekte, die mir sehr am Herzen liegen. Aber manches sollten gerade wir Schauspieler für uns behalten.

Maria Furtwängler, 47, Schauspielerin und Ärztin, ist vor allem bekannt als "Tatort"-Kommissarin

Götz Aly
Aus außen- und europapolitischen Gründen würde ich Schäuble und Merkel wählen (ohne CSU-"Schwester"); aus historisch gespeistem Mitleid und Mitgefühl die SPD (ohne die meisten ihrer derzeit führenden Personen) – sie ist die Partei, die immer die schlechten Karten zieht, sich ihrer Großtaten für das Vaterland (1918, 1920, 1933, 1946 ff., 1968 ff.), ihrer Schröderschen und Münteferingschen Arbeitsmarkt- und Rentenreformen nicht freuen kann, während die Bürgerlichen davon profitieren; die Grünen wollen mir zu viel verbieten (ich möchte nicht von zumeist kinderlosen Biospießern regiert werden); die FDP gehört zu den Verräterinnen, nicht zu den Vorkämpferinnen des Liberalismus; die Linke könnte man wählen, wenn man damit die Chancen für eine sogenannte Große Koalition erhöhen wollte. Ich schwanke und werde mich in letzter Minute entscheiden.

Götz Aly, 66, ist Historiker. Er veröffentlichte Werke über Euthanasie und den Holocaust

Sebastian Hartmann
Sie möchten wissen, wen ich wähle – ich denke: niemanden. Woher das kommt?

Als ich das letzte Mal niemanden gewählt habe, hieß der Staat DDR, und viele wählten so wie ich – es war spürbar bei den Menschen, dass etwas geschehen musste. Und es kam anders.

Ich lebe in einem Staat mit Bundeskanzlerin und einem homosexuellen Außenminister, was mich in meinem demokratischen Verständnis überhaupt nicht beunruhigt, im Gegenteil. Doch möchte ich sie und die anderen, die es gerade nicht sind, auf keinen Fall wählen. Es wäre falsch, anzunehmen, dass mir dies nichts bedeutet!

Ich spüre in mir eine starke Abneigung gegenüber Macht und noch mehr denen gegenüber, die Macht um jeden Preis erhalten oder gar erringen wollen. Dabei ist aber das Geräusch der Weltpolitik, berstend vor wirtschaftlichen Interessen, so stark geworden, dass es nationale Verfassungen zerreißt. Unsere deutschen Vorstellungen, vielleicht zu sehen in einem Wahlkampf (wieso heißt das überhaupt "Wahl-Kampf"?), wirken hier hilflos und ohnmächtig: Es stirbt neben einem Staat und seinem schwer lesbaren Selbstverständnis eine ganze Welt.

Nichtwählen bedeutet so für mich die Suche nach einem Vertrauen, welches ich gerade nicht besitze, aber brauche, um atmen zu können, um meine Kinder zu begleiten, solang ich es vermag, und ihnen die Angst vor den Stürmen zu nehmen, die sich da stauen.

Hab ich denn eine Wahl?!

Sebastian Hartmann, 45, gilt als einer der wichtigsten deutschen Theaterregisseure. Von 2008 bis 2013 war er Intendant des Schauspiels Leipzig

Andres Veiel
Nein, nichts gegen unsere Physikerin, sie ist sehr sympathisch, mit Wortwitz und Schalk gesegnet und fleißig. Ständig bastelt sie an neuen Versuchsanordnungen. Kommen heute andere Messwerte raus als gestern, werden die Prinzipien des gestrigen Tages flugs als "überholt" deklariert. Unsere Physikerin ist so beliebt, gerade weil sie uns auf wunderbare Weise sediert. Krise? Nicht bei uns. Abhörskandal? Kenne ich auch nur aus der Zeitung. Bei aller Beruhigung – wir alle wissen, dass die nächsten Krisen mit einer unbedingten Wucht auf uns zurollen, die es erforderlich macht, jetzt nach vorn zu denken. Wenn wir ein anderes Europa wollen, was ist der Preis dafür? Wenn wir ein anderes Wirtschaften wollen, jenseits einer marktkonformen Demokratie – was sind die politischen Konsequenzen, die gezogen werden müssen?

Ihr Herausforderer versucht, den Kokon der freiwillig Sedierten mit diesem und jenem Weckruf zu durchbrechen. Mehr Wir! Steuern hoch! Ja! Nein! Vielleicht! Dabei hat er viele gute Argumente. Aber Steinbrück steckt in dem Dilemma, viele der Entwicklungen, die er heute brandmarkt, selbst mit auf den Weg gebracht zu haben. Das trägt nicht unbedingt zu seiner Glaubwürdigkeit bei.

Deshalb also die wählen, die die Schieflage des Finanzkapitalismus bereits vor zehn Jahren prognostiziert haben? Teile der Linken verdienen allein dafür Respekt, das Richtige zur falschen Zeit gesagt zu haben. Statt daraus einen Profilierungsschub zu entwickeln, hat die Partei sich über Jahre nur mit sich selbst beschäftigt.

Bleiben neben den Kleinstparteien mit Minimalprogrammatik nur die Grünen. Die Altvorderen der Parteispitze verbreiten in ihrer kontinuierlichen Präsenz ein spritziges "Vorwärts in die achtziger Jahre!". Davon abgesehen, haben die Grünen durchaus einen Bonus, allein schon wegen der Zumutungen, die sie sich ins Programm geschrieben haben: Mehr Steuern! Mehr Abgaben! Sie setzen auf den Wähler, der weiß, dass diese Belastungen – egal, welche Partei er wählt – ohnehin kommen. Die Grünen verbinden ihre Zumutungen mit klaren Optionen, wie dieses Geld ausgegeben werden muss. Wollen wir das Ziel eines gemeinsamen Europas mit Griechenland, Spanien, Italien nicht aufgeben, werden wir, die lange genug von der Krise profitiert haben, zur Kasse gebeten. Wollen wir nicht weltweit den Anschluss verlieren, muss wesentlich mehr in Bildung und Forschung investiert werden. Soll eine weitere Verschuldung ausgeschlossen werden, brauchen wir für diese Investitionen einen Beitrag derjenigen, die mehr haben als andere. Das zum Programm zu machen ist nicht revolutionär, verdient aber einen gewissen Respekt. Vielleicht ist es nicht ganz falsch, das am Wahlsonntag mit einem Kreuzchen zu honorieren.

Andres Veiel, 53, ist einer der erfolgreichsten Dokumentarfilmregisseure in Deutschland. Zuletzt wurde sein Theaterstück "Das Himbeerreich" uraufgeführt

Ingo Schulze
Ich empfehle meine alten Feinde zur Wahl: die Linke. Unsere Gesellschaft hat vor allem ein Gerechtigkeits- problem. Und solange SPD und Grüne nicht dazu bereit sind, die Linke als politischen Verbündeten zu akzeptieren und mit ihr eine Koalition zu bilden, wird sich in diesem Land nichts ändern. Wahlen allein machen noch keine Demokratie, aber in meinen Augen liegt in ihnen immer noch die Möglichkeit verborgen, etwas zu verändern.

Ingo Schulze, 51, in Dresden geboren, zählt zu den bekanntesten Schriftstellern ostdeutscher Herkunft. 2007 bekam er den Preis der Leipziger Buchmesse

Peter Sloterdijk
Gern würde ich meiner Devise treu bleiben, in unheildrohenden Situationen für das geringere Übel zu votieren – und Unheil ist immer näher, als man vermutet. Man könnte so weit gehen, Urteilskraft zu definieren als die Fähigkeit, geringere Übel von größeren zu unterscheiden.

Genau dies gelingt mir in diesem Herbst 2013 nicht, wenn ich die Wahlwerbungen der Kanzlerparteien ansehe – wahrscheinlich deswegen, weil das uns schon morgen und übermorgen Bedrohende in der Alternative Merkel/Steinbrück nicht abgebildet wird. Andrerseits scheint mir diese Unschlüssigkeit momentan kein großes Unglück zu sein: Im nächsten Bundestag werden erneut fünf Spielarten von Sozialdemokratie vertreten sein, sodass ich als langjähriger skeptischer Befürworter sozialdemokratischer Vernunft nicht ganz danebenliegen werde. Aus dieser Sicht sind ja alle wählbar.

Außerdem ist evident: Keine Partei wird in den nächsten vier Jahren die Energie aufbringen, die nötig wäre, um das finanzpolitische Wahnsystem zu revidieren, das gute Absichten und schlechte Kenntnisse der politischen Klasse seit 20 Jahren über unseren Köpfen errichtet haben. Weil unter den etablierten Parteien auf diese Provokation keine eine schlüssige Antwort bereithält, ist für einen gefahrenbewussten Beobachter im Augenblick schlechthin keine wählbar.

Peter Sloterdijk, 66, Philosoph, wurde durch seine "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) und die Debatte um "Regeln für den Menschenpark" (1999) bekannt

Jo Lendle
Diesmal nahm ich mir vor, die Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien komplett zu lesen. Natürlich ist "Wahlprogramm" ein heikles Genre – ein Spagat zwischen Neujahrsansprache und Teleshopping. Beim Lesen fällt auf, dass sich die bizarrsten Originalsätze leicht zu einer parteiübergreifenden Collage des Schreckens zusammenkleben lassen. Also nichts wie los. Im CDU-Programm verliert man sich beim Pflücken von Stilblüten wie Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter. Auch die Linke schenkt reiche, schrille Beute. Dagegen wirkt die SPD verblüffend zurechnungsfähig, ihre überlangen Satzschlangen bringen kaum pointiertes Material. Erleichterung erst wieder bei der FDP, deren Programm sich als rhetorisches Blabla-Bällchenbad erweist. Bullshit happens. Und auch die Grünen, von denen ich mir aus milieubedingter Verbundenheit Erholung erhoffte, schlagen kaum weniger Schaum. Das Kapitel "Kultur" weckt echte Fluchtinstinkte – womöglich ein Trick, um uns zurück zur Natur zu scheuchen. Die fertige Collage steht nun auf ZEIT ONLINE. Die Wahl dagegen fällt mir schwerer denn je.

Jo Lendle, 45, Schriftsteller und designierter Chef des Hanser Verlages, publizierte 2013 den Roman "Was wir Liebe nennen"