Am Ende dieser Recherche wird eine Wette stehen: Schaffen es die Piraten in den Bundestag, ja oder nein? Der Einsatz ist ein Stück Fleisch. "Das beste Stück Fleisch von meinem Bullen", schiebt Katharina Nocun hinterher. Sie lebt auf einem Bauernhof in Niedersachsen und züchtet Rinder. Sie ist außerdem die politische Geschäftsführerin der Piraten und will am 22. September ins Parlament gewählt werden. Ihre Partei müsste dafür fünf Prozent holen, was aus heutiger Sicht nicht unmöglich ist. Aber auch nicht wahrscheinlich.

Mit ihrem Öko-Lifestyle hätte Nocun auch gut zu den Grünen gepasst, in einer anderen Zeit. Aber dies sei die Zeit der Weichenstellung, glaubt die 26-Jährige, das Land stehe am Scheideweg zwischen totalitärem Überwachungsstaat und aufgeklärtem Cyborgtum. Weswegen sie, Kind aus Polen, Tochter von zwei IT-Spezialisten, Redakteurin einer Netzpolitikseite, davon überzeugt ist, dass Deutschland die Piratenpartei braucht. Und zwar im Parlament, wo sie darüber aufklären würde, welche Gesetze die nahe Zukunft mit ihren digitalen Sehhilfen, 3-D-Druckern und der globalen Telearbeit benötige. Die Umfragen sehen die Piraten aktuell bei drei Prozent, aber das ist Nocun egal: "Man erarbeitet sich eine gewisse Hartnäckigkeit, wenn man schon gegen die Vorratsdatenspeicherung gekämpft hat, die keinen Arsch interessiert."

Ein schlechtes Ergebnis könnte die Piraten psychologisch vernichten

An einem sonnigen Augusttag verstaut sie die frisch gekleisterten Wahlplakate in ihrem VW, "Zuhören statt abhören" steht auf ihrem Poster. Wir befinden uns in der entlegenen Osnabrücker Wahlkampfzentrale, die eigentlich ein Firmenbüro ist. Ein Parteifreund hat es für einige Monate gratis zur Verfügung gestellt. Die Piraten haben kein Geld für einen professionellen Wahlkampf, das steigert ihr David-gegen-Goliath-Gefühl.

Drei Jungen mit Rucksäcken und Kapuzenpullis nähern sich schüchtern, sie haben vorher extra angerufen. "Wir wollten mal vorbeikommen, um uns zu informieren", sagt einer. "Schön!", antwortet Nocun. Man könnte jetzt einiges diskutieren, so von Erstwähler zu Neupolitikerin, aber Nocun drückt ihnen bloß einen Flyer in die Hand, sie verabschieden sich. Seit den Snowden-Enthüllungen kommen immer wieder Bürger mit Fragen zu den Piraten. Offen bleibt, ob sie auch die gewünschten Antworten bekommen.

Nachdem die Piraten Anfang des Jahres viele Rück- und Austritte erlebt haben, sind die Stammtische jetzt wieder voller. Parteimitglieder haben ehrenamtlich die Spitzenkandidaten fotografiert, die Slogans getextet, den Werbespot gedreht und die App programmiert, mit der die Standorte für die Plakate vermerkt werden. Die Führungsleute erzählen erfreut, dass sie seit Langem keinen Shitstorm abbekommen haben.

Vielen Piraten wird nun klar, dass es in den nächsten drei Wochen nicht darum geht, ob ihre Freunde oder Feinde auf den vorderen Listenplätzen stehen. Sondern darum, ob die Piratenpartei überlebt. Der Grat zwischen Absturz und Comeback ist eine Frage von zwei Prozent; ein gutes Ergebnis könnte die Partei professionalisieren und die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition verhindern. Ein schlechtes könnte die Piraten psychologisch und medial vernichten.

Bernd Schlömer hat in den vergangenen Monaten oft von seiner Erschöpfung und der Enttäuschung über die Piraten gesprochen. Er hat ein undankbares Amt, er ist Parteichef, darf aber nichts entscheiden. Trotzdem hat er eine Strategie für die Piraten entworfen. Er sitzt in der Berliner Parteizentrale, in der es ruhig ist, weil hier vor allem gedacht und gesteuert werde, wie er sagt.

Bei einer Veranstaltung, erzählt er, habe ihm ein SPD-Spitzenpolitiker gesagt, dass er an einer Zusammenarbeit mit den Piraten interessiert sei, falls sie in den Bundestag kommen. Eine Machtoption, wenn auch eine sehr unwahrscheinliche. Schlömer würde sie ergreifen. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Piratenfraktion Rot-Grün unterstützt und Steinbrück als Kanzler wählt, wenn die Inhalte stimmen", sagt er. "Bei sozialen Themen haben wir mit der SPD bis zu 80 Prozent Überschneidungen."

Was also sagt das Wahlprogramm? Auf den ersten 13 Seiten das Erwartbare zu Datenschutz (stärken), Staatstrojanern (verbieten) und der EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung (abschaffen). Dann geht es um die Rechte von Asylbewerbern, Prostituierten und Callcenter-Mitarbeitern, es folgen einige Absätze zu Kultur und Klimawandel. Ansonsten sind die Piraten für den Mindestlohn, die doppelte Staatsbürgerschaft und mehr Volksentscheide; sie sind gegen Studiengebühren, Atomenergie und die Zeitumstellung in der EU.

Vergangene Woche haben sie verkündet, dass sie einen Militärschlag gegen das syrische Regime ablehnen; sie sind den anderen linksliberalen Parteien tatsächlich sehr nah.

Für den Bundestagswahlkampf lautet die Zauberformel Populismus

Trotzdem klafft eine Lücke zwischen Selbstbild, Fremdbild und Realität. In Schlömers Strategiepapier wird eine Mitgliederbefragung zur eigenen Ausrichtung zitiert. "Die Piratenpartei ist radikal", steht da als wichtigster Punkt. Zwei Seiten weiter, im Abschnitt Wo wollen wir eigentlich hin?, heißt es, dass sie mittelfristig bis zu zehn Prozent erreichen könnte. Ein utopisches Ziel, das nur in Reichweite käme, wenn sich die Partei professionalisieren würde. Was sie allerdings fürchtet, weil sie nicht "wie die anderen" werden will.

Für den Bundestagswahlkampf lautet die Zauberformel Populismus, und der zielt vor allem auf enttäuschte Wähler aus dem linken Spektrum.

Und so kommt es, dass Katharina Nocun bei ihren Wahlkampfauftritten die NSA als "Organisierte Kriminalität" geißelt und Merkel und Gauck vorwirft, die Lehren aus der Nazi- und Stasizeit über einen Haufen geworfen zu haben. Während Bernd Schlömer nach Fußballspielen Flyer verteilt, weil er neuerdings für die Rechte von Stadionbesuchern kämpft. (Eine überraschende Wendung, da viele Piraten erzählen, dass sie im Sport immer als Letzte gewählt wurden und deshalb damit nicht viel anfangen können.)

Alles scheint ihnen möglich. Schlömer nennt seine Prognose für den 22. September: Sechs Prozent. Meint er das ernst? "Vielleicht steckt da auch ein bisschen Wunschdenken drin." Er lacht.

Mitarbeit: Mariam Lau