Als der Eifelbauer Heinz Hoffmann Ende der neunziger Jahre das erste Windrad auf sein Land setzte, war die Welt für den Essener Stromgiganten RWE und die anderen deutschen Energieversorger noch in Ordnung. Das Wort Energiewende war noch nicht ausbuchstabiert, der Strom kam überwiegend aus Kohlemeilern oder Atomkraftwerken. Heinz Hoffmann aber baute zusammen mit befreundeten Landwirten eine Mühle nach der anderen, investierte in Biogas und bestückte die Dächer von Scheune und Wohnhaus mit Solarpanelen. Heute drehen sich in Sichtweite seines Hofs im westlichsten Winkel der Eifel nahe Üttfeld neun Windräder, und der Bauer, der sich inzwischen Energiewirt nennt, produziert jährlich rund 13 Millionen Kilowattstunden Strom – genug, um fast 4.000 Haushalte ein ganzes Jahr lang zu versorgen.

Vor 15 Jahren war Hoffmann ein Pionier. Im Jahr 2013 ist er einer von sehr, sehr vielen. Statistisch ist heute jeder sechzigste Bundesbürger ein Energiewirt wie Hoffmann. Und gemeinsam konnten diese deutschen Stromproduzenten am 18. April dieses Jahres ein denkwürdiges Jubiläum feiern: Erstmals in der Geschichte der Republik erzeugten Wind und Sonne mehr Strom als alle fossilen Kraftwerke zusammen. Grünstrom dominierte.

Dieses erstaunliche Ereignis geschieht nur an wenigen Tagen im Jahr. Aber die Entwicklung dahin – von Menschen wie Heinz Hoffmann angetrieben, von Hunderttausenden Deutschen kopiert – hat die Energiewelt der Bundesrepublik von Grund auf verändert. Für RWE und Co., zusätzlich gebeutelt vom Atomausstieg, ist diese Welt nun überhaupt nicht mehr in Ordnung. Nichts geht mehr, was jahrzehntelang ging. Das System, in dem die Konzerne operierten, zerfällt, und die Monopolkommission verlangt in einem Gutachten für die Bundesregierung, das an diesem Donnerstag vorgestellt wird, eine völlig neue Grundordnung für die Energiewirtschaft.

Dezentral organisierte Stromerzeugung aus mittlerweile über 1,3 Millionen Grünstrom-Anlagen verdrängt die fossilen Stromfabriken der Energieriesen. Geschäftsmodelle, die einst Profite und Macht garantierten, werden damit obsolet. Was das bedeutet, wird in der Eifel ebenso deutlich wie an den Börsen und in den Konzernbilanzen. Der ehemalige Milchbauer Heinz Hoffmann hat seine Stromproduktion von Jahr zu Jahr gesteigert und bezieht heute 75 Prozent seines Einkommens aus dem Stromverkauf. Bei RWE sinken Gewinne und Renditen, auch den drei anderen großen Versorgern E.on, Vattenfall und EnBW geht es immer schlechter. Atomkraftwerke müssen abgeschrieben werden, Gaskraftwerke lohnen nicht mehr, selbst die Kohleverstromung bringt kaum noch Geld. Investoren zweifeln, ob die Konzerne überhaupt noch eine Zukunft haben: Der Aktienkurs von RWE ist seit 2008 um über 70 Prozent eingebrochen, und auch E.on, das einst mit Siemens um den Titel des wertvollsten deutschen Konzerns kämpfte, ist an der Börse fast drei Viertel weniger wert als vor fünf Jahren.

Die Konsequenzen sind dramatisch: Rund 20.000 Beschäftigte stehen inzwischen auf Entlassungslisten oder haben ihre Papiere bereits bekommen; bei E.on wird intern darüber spekuliert, dass das Unternehmen in 20 Jahren nur noch halb so viele Mitarbeiter haben könnte wie heute. Ganze Geschäftszweige verkümmern, Töchter werden verkauft, Investitionen abgeblasen und Sparprogramme beschlossen. Verzweifelt versuchen die Konzerne, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. "Wir befinden uns in der größten Branchenkrise aller Zeiten", sagt RWE-Chef Peter Terium. Die DNA seiner Firma war auf ein zentralisiertes System der Stromerzeugung mit großen Stromfabriken ausgerichtet. Jetzt soll RWE eine neue DNA bekommen, neue Geschäftsmodelle sollen neue Geschäfte bringen. Teriums Unternehmen und die anderen Konzerne sollen schnell werden, innovativ, agil und anpassungsfähig – um zu überleben.

Aber können sie das?

Das kleine Geschäft mit der Umwelt überließen die Konzerne anderen

Am Rande von Heinz Hoffmanns Energiehof in der Eifel steht ein kreisrunder Speicher, etwa 25 Meter im Durchmesser, rund sechs Meter hoch. Dieser Speicher wird immer dann mit dem von Hoffmanns Biogasanlage erzeugten Gas gefüllt, wenn die Sonne scheint, die Stromproduktion aus seiner Solaranlage also am Maximum ist. Nachts dagegen entleert sich der Speicher, und Strom wird mit Gas produziert. Gesteuert wird diese wechselweise Stromherstellung aus Sonne und Biomasse in einem grünen Bürocontainer – Hoffmanns kleiner Leitwarte.