Es ist eine Szene wie ein Mafiamord. Drei keuchende Männer schleppen ein schweres, eingewickeltes Etwas durch die Dunkelheit Richtung Wasser. In der Plastikmatte wehrt sich jemand nach Kräften: rund einen Meter siebzig lang und gute eineinhalb Zentner schwer. Nach jeder Drehung des großen Körpers geraten die Männer ins Straucheln. Am Ufer angekommen, glitscht ein großer Belugastör aus der Matte. Dann verschwindet der riesige Fisch mit einem kräftigen Schwanzschlag im Dunkel eines deutschen Angelteichs bei Münster in Westfalen.

Früher gingen Leute angeln, um die gefangenen Fische zu essen. Heute betrachten viele die schuppigen Tiere nur als Trophäe: Nach dem Fang werden die Fische gewogen, gemessen, fotografiert und zurück ins Wasser geworfen. Ist das noch Hobby? Oder schon Tierquälerei?

Am Ufer des besagten Angelteichs in Nordrhein-Westfalen steht der Chef vom Ganzen: Andreas Kleinhaus, ehemaliger Betreiber einer Großraumdiskothek, inzwischen Besitzer mehrerer kommerzieller Angelteiche, auch Forellenpuffs genannt. Einer davon liegt in Zwillbrock nahe Münster. Noch vor einigen Jahren reichte es aus, zentnerweise Regenbogenforellen in solche Seen zu kippen. Die Besitzer konnten sicher sein, dass Angler kommen, bezahlen und ihre Ruten auspacken würden. Im Gegenzug bekamen die dafür ein garantiertes Erfolgserlebnis. Doch ungefähr so wie in der Pornoindustrie wird das Gewohnte irgendwann zu öde fürs Geschäft. Etwas Geileres und Härteres muss her. Deshalb schwimmen jetzt Riesenfische wie der Belugastör in vielen Angelteichen, zusammen mit den üblichen Zuchtforellen. Allein im Angelparadies Zwillbrock sollen mehr als hundert kapitale Störe und Welse leben.

Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie gehen 3,5 Millionen Deutsche in ihrer Freizeit angeln. Und die angelbegeisterten Bundesbürger geben viel Geld für ihr Hobby aus: Auf 6,4 Milliarden Euro pro Jahr schätzen DIW und Leibniz-Institut den gesamtökonomischen Nutzen der Angelfischerei. Davon leben Gerätehändler, Reiseveranstalter, Gastwirte, Bootsvermieter, insgesamt 52.000 Menschen. Das sind mehr Jobs als in der gesamten deutschen Berufsfischerei. Doch während Berufsfischer ihren Fang als Lebensmittel verwerten, befriedigen viele Freizeitangler mit den Tieren ausschließlich das eigene Ego.

Laut einer weiteren Umfrage des Leibniz-Instituts nimmt nur etwa die Hälfte der deutschen Angler jeden gefangenen Fisch mit nach Hause, um ihn zu essen. Diese Statistik ist alt, sie stammt aus dem Jahr 2002, und aktuelle Umsätze der Branche legen nahe, dass sich die Verhältnisse verändert haben: Die Firma Sänger aus Waldsolms bei Frankfurt verzeichnet nach eigenen Angaben "enorme Umsatzzuwächse" bei Gerätschaften für die Angelei auf Karpfen und Welse. Beides Fischarten, die häufig als lebende Zentnerkolosse auf Angebervideos im Internet landen. Für die Angler von Rekordkarpfen stellt die Industrie sogar Spezialmatten und Faltwannen her, damit die Tiere beim Zurschaustellen weniger Verletzungen davontragen.

Den generellen Trend bestätigt auch Claudia Jensen, Geschäftsführerin der Firma Jenzi aus Plüderhausen bei Stuttgart. Über konkrete Zahlen spricht die Branche zwar nicht gern. Aber Jensen sagt: "Wenn wir zum Beispiel im Bereich der Kunstköder wie bei den Gummifischen im vorletzten Jahr 100 Euro Umsatz gemacht haben, dann waren es im vergangenen Jahr 250 und in diesem Jahr bisher 300 Euro." Angeln mit Gummifischen, das klingt für Laien absurd. Doch in der Szene sind Gummifische die mit Abstand beliebtesten Köder, um Zandern nachzustellen. Auch sie sind beliebte Trophäen.