Ein freundlicher Leser hat mir ein Protokoll des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern zugesandt. Nun weiß ich, dass in Mecklenburg-Vorpommern über eine Quotenregelung in Angelsportvereinen nachgedacht wird. Ich zitiere: "Die Abgeordnete Hannelore Monegel, SPD, verwies auf eine Studie zum Angelsport, nach der 94 Prozent der organisierten Angler männlich seien. Dabei hätten Erfahrungen aus der Arbeit mit Kindern ergeben, dass Jungen und Mädchen bis zu neun Jahren gleichermaßen Interesse am Angelsport hätten. Untaugliche Rollenbilder könne sich die Gesellschaft aber nicht leisten."

Offenbar setzt das unterschiedliche Angelverhalten von Jungen und Mädchen ziemlich pünktlich mit dem Beginn der Pubertät ein. Leider äußert die Abgeordnete Monegel sich nicht darüber, wie sie diesen Missstand, den die Gesellschaft sich nicht leisten kann, zu beseitigen gedenkt.

Ohne Quote wird dies, fürchte ich, nicht zu erreichen sein. Die meisten Frauen, die ich kenne, würden nämlich niemals freiwillig angeln. Eine von alten, weißen, männlichen Anglern dominierte Gesellschaft und eine angelfeindliche Erziehung haben sie so sehr von ihrem natürlichen Angelbedürfnis entfremdet, dass sie die Schönheit des Angelsports und den Reiz des Sportfischens nicht mehr nachvollziehen können. Die Angelpädagogik wird auf jeden Fall früh ansetzen müssen, bei der Firma Steiff gibt es zum Beispiel Kuschelfische aus Plüsch. Das wäre ein passendes Geschenk, wenn in der Bekanntschaft ein Mädchen geboren wird. Auch ein Foto der Abgeordneten Monegel in der Ostsee-Zeitung, das sie mit einem persönlich gespießten, zwei Meter langen Katzenhai zeigt, wäre hilfreich. Ohne Rollenvorbilder bewegt sich erfahrungsgemäß wenig.

Ich kapiere das Problem überhaupt nicht. Angeln ist doch kein Privileg. Wer nicht angelt, hat keinerlei Nachteile zu befürchten – ich selber bin dafür das beste Beispiel. Menschen, die nicht angeln, können es bis zum ZEITmagazin-Kolumnisten bringen. Angela Merkel angelt auch nicht. Peer Steinbrück würde ich zutrauen, dass er angelt, da sieht man, wohin das führt. Ein Problem würde ich erkennen, wenn die Anglervereine sich sträuben würden, Frauen aufzunehmen, oder wenn alte, männliche Zackenbarsche sich aus Chauvinismus weigern würden, bei Anglerinnen anzubeißen. Dagegen müsste man etwas tun. Ich sehe auch das Problem der Überfischung. Man wird ja den männlichen Anglern aus verfassungsrechtlichen Gründen das Angeln nicht verbieten können, wenn jetzt aber die gleiche Zahl an Anglerinnen hinzukommt, sind Seen und Meere schneller leer, als man ein Schollenfilet Finkenwerder Art essen kann. Außerdem erlaube ich mir den Hinweis, dass jeder Mann, der sein Wochenende mit Power-Angeln vertändelt, als Konkurrent um den Posten im Aufsichtsrat eines Dax-Unternehmens schon mal ausfällt.

Alle Menschen sollen das gleiche Recht auf den Kauf eines Käschers und, soweit dies möglich ist, die gleichen Chancen auf den Fang eines Hechtes haben. Aber wenn jemand verlangt, dass alle die gleichen Vorlieben haben, liegt meiner Ansicht nach ein Missverständnis der Gleichheitsidee vor. Unterschiede sind was Wunderbares. Eine Welt, in der alle das Gleiche tun, wäre mir persönlich zu langweilig. Dazu fallen mir Horrorfilmbilder ein, Menschenroboter, die vom Fließband laufen, ich glaube, der Film hieß Matrix. Der eine angelt, die andere reitet. Was tun? Hinterher könnten sie Erfahrungen austauschen und jenes interessante Spannungsverhältnis ausloten, das nur aus der Differenz entsteht.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

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