HoteltestWas muss ich da hören?

Das Castell Son Claret liegt im Hinterland von Mallorca und beschwört mit gutem Grund den "Luxus der Stille. Doch ganz ohne Gedudel geht es offenbar nicht. von Merten Worthmann

Manche Spezialeffekte sind altbekannt, funktionieren aber immer wieder. So eine Auffahrt zum Beispiel: mehr als hundert Meter lang, gesäumt von Palmen und Buschrosen. Man braucht sie nur entlangzufahren, bei leise knirschendem Sand unter den Reifen, schon hebt sich die Brust etwas und der Atem geht ein wenig ruhiger. Jenseits dieser kleinen Entspannungsschleuse erstreckt sich ein Ziergarten mit Blumenbeeten, Obstbäumen und einem terrassierten Kanal. Daran dockt ein Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert mit zwei wuchtigen Burgtürmen an. Und gleich dahinter, wo sich der Pinienwald über die Hügel zieht, beginnt ein Stück Unesco-Welterbe, die Serra de Tramuntana, der Gebirgszug in Mallorcas Nordwesten. Das Hotel Castell Son Claret, das ganz neu ins alte Herrenhaus außerhalb des Örtchens Capdellà hineingebaut wurde, könnte kaum schöner liegen.

Wenig später blickt man, vom französischen Balkon des Zimmers aus erneut hinab auf den blühenden Garten. Zu hören sind nur ein paar Vögel und, weiter weg, Schafe, die zwischen den Bäumen in der Ferne umherziehen müssen. Auf seiner Website erläutert das Hotel zuallererst die eigene "Philosophie" rund um den "Luxus der Stille". Nach fünf Minuten am Balkongeländer, ganz Auge und ganz Ohr, scheint einem die Formel sehr einzuleuchten.

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Das Zimmer ist konservativ modern möbliert, mit viel gestepptem Leder über dem Kopfende des Bettes und noch mehr Steppleder auf der Bank am Fußende. Schränke, Tischchen und Boden schimmern in verschieden getönten und polierten Hölzern. Alles passt gut ins alte Gemäuer, ohne jeden Ausrutscher ins Stilmöbelhafte. Etwas deplatziert wirkt dagegen der frei stehende Fernseher auf fettem Metallfuß. Als hätten ihn die Hotelphilosophen zunächst draußen halten wollen ("Luxus der Stille"!), und als hätten ihn die Hotelpragmatiker schließlich doch hereinkarren dürfen, unter der Bedingung, ihn klar als Fremdkörper herauszustellen. Stören tut der Fernseher auch deshalb, weil insgesamt nicht viel Spielraum im Zimmer ist und auch nur ein Stuhl darin Platz gefunden hat. Dabei gehört Castell Son Claret bereits seit der Eröffnung im Mai dem Verband Leading Hotels of the World an, was nicht nur hohe Preise, sondern auch hohe Erwartungen mit sich bringt.

Andererseits entscheidet nicht nur die Zimmergröße über das Raumgefühl. An der Rezeption hält das Haus eine kleine Karte mit drei verschiedenen Jogging- und Wanderrouten durch das hoteleigene Land bereit. Das Wetter ist prima, also geht’s gleich auf einen Gang hinaus, vorbei am umgrünten Pool ins offene Gelände. Mandelbäume und Steineichen, knorrige Olivenstämme und Feigenbäume stehen am Weg, hohe Gräser wiegen sich im Wind, das Hotel taucht irgendwann nur noch als steinerner Krümel inmitten eines weiten Panoramas auf. Eineinhalb Stunden kann man in aller Ruhe durch die Besitzung spazieren – und hat dabei noch nicht einmal den eigentlichen Garten betreten, dessen romantische Eckchen sich aber ohnehin eher für ein nächtliches Stelldichein mit Cava-Begleitung im Schummerlicht empfehlen.

Die Bar, der offizielle Ort für spätabendliche Drinks, liegt der Rezeption gegenüber und ist leider nicht annähernd so lauschig wie das Gärtchen. Zwar befindet sich die Bar in der ehemaligen Kapelle des Anwesens, und die Flaschenflotte steht sogar genau dort, wo einst das Altarbild hing. Doch verzückte Hochstimmung kann hier trotzdem kaum aufkommen. Der beige-braun gewürfelte Steinfußboden und die cremefarbenen Stoffsessel passen atmosphärisch eher zu einem Afternoon Tea als zu Alkoholika, und an der Theke gibt es erst gar keine Sitzplätze.

Hat es womöglich mit dem "Luxus der Stille" zu tun, dass die Bibliothek des Hauses bemerkenswerter ist als die Bar? Sie liegt nur ein paar Schritte jenseits der alten Kapelle, misst keine zehn Quadratmeter und bietet nur einen einzigen Lesesessel. Dafür ist die Buchauswahl erstaunlich: Moderne Klassiker, zeitgenössische Literatur aus Spanien, Europa, den USA, außerdem anspruchsvolle Sachbuchtitel, das alles mit viel Kenntnis und in schönen Ausgaben zusammengestellt. Die meisten Titel liegen zudem parallel auf Spanisch, Deutsch und Englisch vor. Da wünscht man dem Haus spontan ein Publikum auf ähnlich hohem Niveau (was eine Herausforderung für jedes Hotel wäre).

Information

Castell Son Claret, 07196 Es Capdellà, Calvià, Mallorca, Spanien, Tel. 0034-971/13 86 20, DZ ab 405 Euro

Ein guter Ort zum Lesen – vom eigenen Bett mal abgesehen – ist sicher die ausgreifende, zum Teil loungeartig bepolsterte Terrasse, auf der es den ganzen Tag über recht friedlich zugeht. Aber ausgerechnet hier sabotiert das Hotel sich selbst. Aus irgendwelchen verdeckt angebrachten Lautsprechern säuselt entweder Light Jazz oder Light Chanson oder Light Bossa nova oder Light Irgendwas durch die Luft. "Luxus der Stille" – pah! Sofort möchte man die Wendung phrasenpolizeilich verbieten lassen.

Wie angenehm, dass Küchenchef Fernando Pérez Arellano im Restaurant Zaranda auf musikalische Untermalung verzichtet. Das fördert die Konzentration aufs Menü, an der Arellano unbedingt gelegen ist. Er kocht leidenschaftlich kreativ, nur lappen die Gerichte gelegentlich ins Überfrisierte. Bodenständiger lenkt er das Zweitlokal Olivera, die hauseigene Bäckerei und das Frühstücksangebot. Ganz ohne Flausen im Kopf liefert Arellano dabei im Grunde Erstaunlicheres ab: von liebevoll angespitzten Standards wie Bresaola oder gebratener Krake bis hin zu zarten Plätzchen. Die wunderbaren Marmeladen helfen am Morgen auch über die letzte kleine Fehlanzeige des Hauses hinweg: Schwarzen Tee gibt es nur als Earl Grey verkleidet.

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Leserkommentare
  1. ... Comté de Bernaise dazu sagt :
    Für misch eina zu petit, wie sagt man, auberge !! Dazü der Preis !
    Da löckt man doch nür milieux défavorisés an !
    No! No! No !

    Eine Leserempfehlung

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  • Serie Hoteltest
  • Schlagworte Hotel | Mallorca | Spanien
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