Seine Waffe, das Florett, hat Thomas Bach schon vor mehr als 30 Jahren aus der Hand gelegt. Arthrose in beiden Hüftgelenken, lautete die Diagnose, und: Bloß nicht weiterfechten! Da war der Mannschafts-Olympiasieger der Spiele von Montreal gerade mal 26 Jahre alt. Doch selbst heute, nach drei Jahrzehnten einer unaufhaltsamen Funktionärskarriere, sieht sich der oberste der 27,5 Millionen organisierten Sportler in Deutschland immer noch als Athlet. Nach wie vor trägt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes gern den offiziellen Trainingsanzug der deutschen Mannschaft, wenn er sich bei den Spielen mit stattlichem Gefolge unter die Aktiven mischt. Und auch das größte Finale seines Lebens hofft der promovierte Wirtschaftsjurist mit der Mentalität des Wettkämpfers bestehen zu können: Am kommenden Dienstag will er zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt werden. "Meine Kollegen haben mich bestärkt, dass ich gut genug trainiert sei für dieses Amt", sagte Bach bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur. Dass die Zahl seiner Widersacher seither auf fünf angewachsen ist, ficht ihn nicht an: "Ich brauche gar keine Argumente gegen jemanden. Ich setze nur auf mich. Ich bin Sportler, ich gehe in den Wettkampf und will ihn gewinnen."

Wann genau Bachs Aufstieg zum demnächst womöglich wichtigsten Sportfunktionär der Welt begann, lässt sich nicht mehr sagen. War es bereits in der Grundschule, als Jung-Thomas angeblich begann, die FAZ zu lesen? Das hat ein späterer Sportkamerad einmal erzählt. War es in den siebziger Jahren, als Bach Mitglied der FDP und Aktivensprecher des Deutschen Fechterbundes wurde? Oder doch erst 1981, als ihn der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch, ein treuer Parteigänger des spanischen Diktators Franco, in die von ihm gegründete Athletenkommission berief? Seither weiß Bach jedenfalls, wie man mit Sport Politik macht – und umgekehrt.

Bei seinen Auftritten verlängert er nahezu jedes Wort um ein -ääh

Sein Schlüsselerlebnis nennt er selbst den Olympiaboykott von 1980. Das Nationale Olympische Komitee entschied damals auf Empfehlung der Bundesregierung, dass bundesdeutsche Sportler wegen des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan nicht zu den Spielen nach Moskau fahren würden. Als Athletensprecher kämpft Bach gegen den Boykott: Er hat für seinen Olympiasieg vier Jahre zuvor 15 Jahre trainiert und will verhindern, dass nachfolgende Sportlergenerationen durch eine politische Entscheidung um den Lohn ihrer Plackerei gebracht werden. Doch von Bundeskanzler Helmut Schmidt wird er bei einem Treffen "abgebügelt", wie er sich ungern erinnert – die Demütigung begreift Bach als "Schule, die durch nichts zu ersetzen ist". Seither akzeptiert er eine politische Dimension des Sports nur dann, wenn sie ihm in den Kram passt.

Vehement sperrt sich Bach gegen ein staatliches Anti-Doping-Gesetz – der Sport könne dieses Problem mit seinen weltweit gültigen Regeln viel besser alleine lösen (dass die schlimmsten Doper von Staatsanwälten und nicht von den Sportverbänden überführt wurden, irritiert ihn nicht). Das große Geld aus dem Staatshaushalt für Breiten- und Spitzensport erscheint ihm gleichwohl gerechtfertigt, weil Vereinsleben und internationale Erfolge so herrlich integrativ auf die Gesellschaft wirkten. Und dass bei den Spielen in Sydney 2000 Nord- und Südkorea unter einer Flagge antraten, war ihm ein willkommener politischer Triumph Olympias.

Aber wenn die gleiche Veranstaltung – wie 2008 in Peking und demnächst in Sotschi – Diktaturen und Pseudodemokratien die Gelegenheit zu Schaulauf und Schönfärberei bietet, fällt das angeblich nicht mehr in die Verantwortung der modernen Olympier. Das IOC sei keine Weltregierung und habe nicht die Macht, Gesetze in einem souveränen Land zu ändern, lautet Bachs Mantra. Unangenehme Fragen, etwa nach Menschenrechten und Pressefreiheit in China oder nach der Homosexuellen-Diskriminierung in Russland, werden einfach an die jeweilige Regierung durchgewinkt.

So bleibt auch seine Haltung zum umstrittenen russischen Anti-Homosexuellen-Gesetz vage. Zusammen mit den anderen Präsidentschaftskandidaten hat Bach bislang nur dem Sportjournalisten Jens Weinreich eine wachsweiche E-Mail geschrieben, Tenor: Wir werden sehen, ob und wie das Gesetz überhaupt angewendet wird; öffentliche Stellungnahmen zu den internen Diskussionen seien "unangemessen und kontraproduktiv".