Irland : Wir grölen und wir schlagen nicht mehr

Der Wohlstand, so flüchtig er war, hat die Iren von einem Minderwertigkeitsgefühl befreit.
Dublin, Oktober 2012 © REUTERS/Cathal McNaughton

Warum kommt in Irland nicht mehr Wut auf? Könnten wir bitte eine Erklärung dafür haben, warum die Iren nicht aus Zorn über die Schuldenlast, die man ihnen aufgebürdet hat, auf die Straße gehen? 2008 gab unsere Regierung in einem Anfall von Wahnsinn eine Bankengarantie ab, mit der sämtliche Bankenschulden über Nacht in Staatsschulden verwandelt wurden. Für all diese Milliarden müssen jetzt die Steuerzahler aufkommen.

Ausgerechnet das Volk, das für seinen aufmüpfigen, rebellischen Geist bekannt ist, bringt keine einzige nennenswerte Störung der öffentlichen Ordnung gegen das Sparregime zustande. Immer wieder empören sich unsere Medienkommentatoren über das Ausmaß an pöbelhafter Inkompetenz in der Anglo Irish Bank. Trotzdem fällt es uns nicht ein, Autos anzuzünden. Sogar als deutsche Zeitungen uns aufforderten, unsere Banker in einen Sack zu stecken und mit Knüppeln auf sie einzuprügeln, bis sie schreien, fiel die Reaktion in Irland überraschend verhalten aus, so als wären wir wohlerzogene Montessori-Kinder, die sagen: Nein, wir hauen doch niemanden, wir bleiben ruhig und bereden die Sache wie Erwachsene.

Liegt es am Wetter? An dem langen, untypisch heißen Sommer? Gibt es bei den Iren einen tief sitzenden Optimismus, der uns harte Zeiten durchstehen lässt in dem Bewusstsein, dass es nie wieder so schlimm kommen wird wie in der Vergangenheit? Hat uns der Wohlstand, so kurzlebig er war, ein Gefühl der Mitschuld an unserem eigenen Niedergang gegeben?

Natürlich sind die Iren wütend. Täglich hören wir Berichte über Eigenheime, die von den Banken gepfändet werden, und es gibt eine verheerend große neue Welle junger Menschen, die das Land verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Wir leben mit der grob vereinfachenden Erklärung, dass die Deutschen uns Geld geliehen haben, damit wir deutsche Autos kaufen können – nur um uns in unserer Verschuldung von den Deutschen retten zu lassen, damit wir wiederum das Geld, das die Deutschen uns geliehen haben, den Deutschen zurückzahlen können.

Wut vereinfacht. Wir waren schon immer gut darin, die Schuld anderen zuzuschieben: den Briten, der Kirche, heute den Bankern – und den Deutschen. Aber unser Zorn wird gemäßigt von einer neuen Erkenntnis der Vernetztheit der Welt. Unsere Souveränität, die uns so lieb und teuer und romantisch war, ist in ihr zum Mythos geworden. Wir ahnen, dass wir nach dem Opportunismus und der Kasinowirtschaft in eine Phase des Pragmatismus eintreten werden müssen. Aber was wäre eine pragmatische Perspektive für die Iren?

Hugo Hamilton

Sohn einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Irlands. Zuletzt erschien von ihm Der irische Freund (2011).

Der Romancier John Lanchester sagt, im 21. Jahrhundert werde ein Land, welches im 20. Jahrhundert versucht habe, Europa zu dominieren, gegen seinen Willen gezwungen, Europa zu dominieren. Es gibt da etwas an der ruhigen Hand Deutschlands, das wir zu bewundern gelernt haben, etwas an der Fähigkeit Deutschlands, sich zu erneuern, etwas an der Art und Weise, wie Deutschland sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, das Vertrauen einflößt. Vielleicht wird sich der Blick, der durchgehend auf den Amerikanischen Traum gerichtet war, hin zu den ruhigeren Versprechen eines Europäischen Traums drehen.

Wir hatten unsere Revolution in Irland. Unsere Freiheiten kamen schnell und kamen langsam, beginnend mit der Unabhängigkeit im Jahre 1921. Später hat uns Europa dabei unterstützt, aus einem Zustand der Unbeweglichkeit herauszufinden – hin zu allgemeiner Prosperität. Unsere wichtigste Freiheit kam in Gestalt des erfolgreichen Belfaster Friedensprozesses. Vielleicht sind es auch die Erinnerungen an die Gewaltjahrzehnte in Nordirland, die uns davon abhalten, wieder auf die Straße zu gehen. Aber es ist vor allem etwas anderes.

Wenn wir auf die Ära des "Keltischen Tigers" zurückschauen, sehen wir eine unwürdige Zeit der prall gefüllten Taschen, die wir lieber vergessen würden. Dennoch war diese flüchtige Wohlstandserfahrung wichtig. Sie erlaubt es uns, viele unserer uralten Ängste abzuschütteln – die postkolonialen Stimmungsschwankungen, die gewagten Gesten der Selbstbehauptung, das Gefühl der Isolation. Die Tiger-Jahre haben dafür gesorgt, dass wir uns besonders fühlten, weil wir ebenbürtig werden konnten. Plötzlich war es eine gute Sache, Ire zu sein. Wir sind so erwachsen und selbstbewusst geworden, dass wir die Königin von England nach Dublin zum Tee einladen konnten. Wir trinken unser Bier, ohne uns von der Historie das Gespräch verderben zu lassen, und wir haben aufgehört, auf dem Heimweg aus dem Pub Rebellenlieder zu grölen.

Bestimmt gibt es noch viele andere subtile Aspekte, an denen sich zeigt, wie wir uns als Volk verändert haben. Vielleicht ist die letzte Phase unserer Revolution ein grundsätzlicherer Wandel unserer Gesellschaft, der es uns erlaubt, unsere Kinder ohne das Erbe der Wut aufzuziehen. In der Vergangenheit gab es in unseren Institutionen und in unseren Familien viel versteckte Grausamkeit, die ebenso sehr die Quelle unserer Wut gewesen sein mag wie die äußeren politischen und ökonomischen Verhältnisse.

Dies wurde mir erst kürzlich bei einem Besuch des kleinen Dorfes Cootehall in der Grafschaft Leitrim deutlich, einem Ort mitten in Irland, der durch das Œuvre des irischen Schriftstellers John McGahern bekannt geworden ist. In der Nähe der Brücke über den Fluss Boyle befindet sich die düstere, zweistöckige Polizeiunterkunft, in der McGahern und seine Geschwister nach dem Tod der Mutter beim Vater wohnen mussten, einem Mann, der die Kinderschar mit eiserner Hand regierte. In einer bemerkenswerten Passage seiner Memoiren schildert McGahern, wie ihm verboten wurde, das Begräbnis seiner Mutter zu besuchen, und wie er sich aus dem Haus schlich, um einen heimlichen Blick auf die vorbeiziehende Leichenprozession zu werfen.

McGahern fand es immer schwierig, seinen Vater wirklich zu verstehen, er beschrieb ihn als "quecksilbrige" Natur. Vielleicht war es in unserer Gesellschaft ja schon immer vorhanden, jenes unberechenbare, sprunghafte Verhalten. Jetzt, so scheint es, befreien wir uns von der patriarchalischen Repression innerhalb der Familien, indem wir uns der Wahrheit öffnen, statt instinktiv auf das nächstbeste Ziel einzuschlagen.

Cootehall ist ein stilles Dorf. Der Geruch von Heu liegt in der Luft. Die leer stehenden Häuser einer neuen Feriensiedlung werden zum Verkauf angeboten. Ausflügler, die mit dem Kabinenkreuzer auf dem Fluss unterwegs sind, halten an der Brücke an, um zu grillen oder zu schwimmen. Einige gehen hinauf, um einen Blick auf die Tafel zu werfen, die in der Nähe der Polizeiunterkunft errichtet worden ist. Darauf findet sich ein Zitat von John McGahern, der trotz all der Grausamkeiten seiner Kindheit mit großem Optimismus zum Mond und zu den Sternen aufblickte: "Wer möchte in einer solchen Nacht nicht leben?"

Gleich neben dem Haus planen die Kommunalbehörden einen Kinderspielplatz. Vielleicht haben wir die Wut, diesen "quecksilbrigen" Teil von uns, endlich hinter uns gelassen.

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren