Ein Wal vor der Küste British Columbias

Ich stehe an der Spitze der Maple Leaf, den Mund offen, die Brust bebend, den Atem des Wals noch im Gesicht. "How was that?", fragt Kevin, der Kapitän. Ich antworte nicht. Seit ich drei Jahre alt bin, will ich Wale sehen – und nun das!

Eine Minute zurück: Wir treiben im windstillen Fjord vor Klemtu. Der Buckelwal, den wir gerade gesichtet haben, hat noch einmal Luft geholt und ist abgetaucht. Wo wird er wieder hochkommen? Vom Vordeck glotzt ein Dutzend Kameralinsen, ich balanciere auf dem Bugspriet des Schiffs, eine Hand an der Takelage, die andere am Fernglas. Doch das brauche ich nun nicht mehr. Direkt unter meinen Füßen steigen Luftblasen aus dem dunkelgrün spiegelnden Wasser, dann zwei Meter daneben die nächsten und die nächsten – bis sich ein weiter Kreis abzeichnet. Eine Sekunde später sehe ich einen weißen Schatten, groß wie ein Fischerkahn, unter unserem Bug hervorkommen, die Brustflosse. Dann tut sich das Meer auf, und ein Maul schießt heraus, so nah, dass ich hineinspringen könnte, so groß, dass die komplette Besatzung darin Platz fände.

Für einen Schwarm Heringe haben die Blasen ausgesehen wie eine undurchdringliche Wand. Bubble net feeding, Blasennetzfischen, heißt diese Technik. "Es gibt Walbeobachter, die sehen das aus dieser Nähe in ihrer ganzen Karriere nicht, in Zehntausenden Stunden an Deck", sagt Brandon Harvey, der erste Matrose. Sein halbes Leben schon folgt der 34-Jährige den Walen, nach Alaska, in die Arktis, die Antarktis. Wenn wir anderen zwei Jacken übereinandertragen, steht er immer noch mit T-Shirt an Deck. Tattoos prangen auf seinen bulligen Armen: Den rechten umschlingt ein Oktopus, auf dem linken springt ein Schwertwal. Brandon war es, der den Wal zuerst gesichtet hat – wie eigentlich immer auf dieser Reise. Er sagt, er könne die Wale riechen.

Der Buckelwal nimmt noch einen tiefen Atemzug, das Fauchen hallt durch den schmalen Fjord. Der Wasserstaub der Fontäne weht herüber und legt sich auf meine Wangen. Dann macht der Wal den Buckel, nach dem er benannt wurde, taucht ab, langsam, geschmeidig und hebt zum Abschied die Schwanzflosse.

Es sind vor allem die Wale, die uns – drei Kanadier, zwei Amerikaner, einen Engländer, eine Schweizerin und mich – auf den neuntägigen Törn nach British Columbia an Kanadas Westküste gelockt haben. Im Sommer, wenn die Wale zum Fressen in die kühlen Gewässer ziehen, gibt es kaum einen besseren Ort, um sie zu beobachten, als diesen: den Great Bear Rainforest, den Wald des Großen Bären – ein Archipel, so groß wie Bayern, und einer der letzten gemäßigten Regenwälder der Erde. In den Flüssen drängeln sich im Herbst Lachse, die zum Laichen aus dem Meer kommen. Nirgends, nicht mal in den Tropen, gibt es mehr Leben als hier, im Land der Bären und Wölfe, Adler und Raben, Seelöwen und Wale.

Doch um dieses Naturparadies tobt ein Streit. In der benachbarten Provinz Alberta, 1200 Kilometer landeinwärts, lagern die Athabasca-Ölsande, eines der größten Ölvorkommen der Erde. Bisher exportiert Kanada das Öl vor allem in die Vereinigten Staaten. Jetzt soll eine Pipeline zur Westküste gelegt werden, das Öl von dort auf dem Seeweg in großen Mengen nach Asien gelangen. Das Problem ist: Die Supertanker müssten durch den Great Bear Rainforest, ein Labyrinth aus Inseln und Fjorden.

"Northern Gateway" heißt das Projekt, und der Widerstand ist gewaltig. Überall an der Küste British Columbias wird demonstriert, der Protest vereint Naturschützer und Wissenschaftler, Fischer und Küstenbewohner, Lokalpolitiker und Tourismusunternehmen wie die Maple Leaf . Viele der First Nations, der indigenen Stämme, durch deren Land die Pipeline laufen soll, sind entschlossen, bis aufs Blut gegen die Pläne zu kämpfen. Ein Leck in der Pipeline oder ein Tankerunfall, sagen sie, würde den Wald des Großen Bären für immer zerstören.

Aus der kleinen Maschine, die mich von Vancouver zum Starthafen Prince Rupert brachte, sah ich den Great Bear Rainforest in seinem ganzen Ausmaß: Zwei Stunden lang blickte ich hinab auf eine Berglandschaft, die nach Westen hin im Meer versinkt. Auf den Gipfeln liegt Schnee, an den Hängen falten sich Nadelwälder, in deren tiefsten Furchen Flüsse glitzern. Die Arme des Ozeans langen weit ins Land hinein, mit hellgrünen Fingern greifen sie in die Täler.

Im Hafen von Prince Rupert sammeln sich Passanten am Kai. "Oh my god!", sagen sie, "Look at this!" oder schlicht "Wow!". Die Maple Leaf ist ein 28 Meter langer Oldtimer, ein Zweimastschoner, blitzblank bis aufs letzte Scharnier. Blütenweißer Rumpf, Deckdielen aus lackierter Douglastanne, Fenster, Türen und Reling aus glänzendem Mahagoni.